Das Rätsel um die Harzer Talsperren: Warum wurde erst im Moment der Flut Wasser abgelassen?!
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Hochwasser-Alarm in Deutschland! Seit den Weihnachtstagen schauen die Menschen im ganzen Land in Sorge auf die Pegelstände: Halten die Deiche? Wo gehen die Flüsse über die Ufer?
Inmitten dieser Sorgen hat ein bemerkenswertes Detail für Aufsehen gesorgt. Über die Harzer Talsperren (Niedersachsen) wurde während des aufziehenden Hochwassers ungewöhnlich viel Wasser in die eh sehr vollen Flüsse gespült. Eigentlich ist die Talsperre zu diesem Zeitpunkt im Jahr aber viel leerer, im Sommer wird viel Wasser abgelassen. Nur in diesem Jahr nicht. Da wurden erst im Moment des Hochwassers die Schleusen geöffnet.
Die Menschen fragen sich: Hat das drohende Überlaufen der Talsperre und das dadurch notwendige starke Ablassen von Wasser die Flutlage noch einmal verschärft?
Eine brisante Frage. Die amtliche Antwort darauf klingt so: „Die Hochwasserentlastungsanlage der Talsperre wurde planmäßig in Betrieb genommen und die maximale Abgabe aus der Talsperre betrug 30 Kubikmeter pro Sekunde“, äußerte ein Sprecher des zuständigen Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) auf NIUS-Nachfrage.
Gemeint ist der zweite Weihnachtsfeiertag, als nach den starken Regenfällen eine dritte Flutwelle mit einer Zuflussspitze von 49 Kubikmeter pro Sekunde auf die größte der Harzer Talsperren (Okertalsperre) zufloss. Als der gewöhnliche und der außergewöhnliche Hochwasserrückhalteraum durch die Wassermassen gefüllt war, musste jede Menge Wasser aus der Talsperre abgelassen werden.

Die Okertalsperre in Niedersachsen
Aber: Warum waren die Sperren im Winter so voll?
In den vergangenen Jahren war die Talsperre zu diesem Zeitpunkt im Jahr immer deutlich leerer – warum nicht in diesem Jahr?!
30 Kubikmeter pro Sekunde Wasserabgabe sind ungewöhnlich viel für die Zeit um den Jahreswechsel – ebenso wie ein Füllstand der Talsperren jenseits der 90 Prozent. Gerade mit Blick auf die Flutsituation. Denn freilich bedeutet zusätzliches Wasser in den zulaufenden Flüssen mehr Wasser im Flutgebiet.

In diesem Winter sind die Harz-Talsperren außergewöhnlich voll.
In den vergangenen Jahren hatten die Harzer Talsperren ihre maximalen Füllstände von rund 160 Millionen Kubikmetern Wasser im März und April erreicht und über die Sommer- und Herbstmonate nach und nach abgelassen.
Nicht so 2023: Noch in den Tagen vor Beginn der Flut, als schon klar war, dass Norddeutschland große Regen- und Wassermassen drohen würden, waren die Talsperren noch zu 88 Prozent gefüllt. Aber warum? Und warum wurde nicht vor dem drohenden Flut-Szenario reagiert?
Karsten Rinke vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung hat eine Erklärung: „Die Talsperren erfüllen multiple Funktionen und im Harz kommen Hochwasserschutz und Trinkwasserversorgung zusammen. Beide Nutzungen sind gegenläufig und im Talsperren-Management nicht einfach unter einen Hut zu bringen – der Hochwasserschutz will leere Becken, die Trinkwasserversorgung volle Becken“, so der Experte zu NIUS.
Talsperren für Trinkwasserversorgung gefüllt
In den trockenen Jahren von 2018 bis 2022 seien die Talsperren-Betreiber dazu angehalten worden, „in der feuchten Jahreszeit die Talsperren entsprechend zu füllen, um deren Speicherfunktion zu nutzen“, so Rinke.
Heißt also: Die Talsperren waren so ungewöhnlich stark gefüllt, weil sie neben dem Hochwasserschutz auch der Trinkwasserversorgung dienen – das ungewöhnlich feuchte Jahr 2023 und die starken Regenfälle in den vergangenen Wochen haben weiterhin dazu beigetragen.
Für den Fall starker Regenfälle und Hochwassergefahren gebe es dann die bereits angesprochenen Hochwasserrückhalteräume, so Rinke. Erst 2017 wurden diese Rückhalteräume durch neue wasserrechtliche Bewilligungen im Zuge eines öffentlich-rechtlichen Beteiligungsverfahrens auf 5 Millionen Kubikmeter Wasser vergrößert, wie das zuständige Ministerium in Niedersachsen erklärt. Die Betreiber und Eigentümer der Talsperren, der Harzwasserwerke GmbH, müssen diese frei lassen. Wie das Ministerium versichert, wurden diese Räume freigehalten und kurz vor Beginn der Flut gar „durch Vorentlastung zusätzlicher Speicherraum geschaffen“.
Für die Okertalsperre ließe sich aus den Daten ablesen, dass rund 7 Millionen Kubikmeter Wasser der Hochwasserwelle abgedämpft, das heißt verzögert werden konnten, ehe große Mengen Wasser abgelassen werden mussten.
Diese Einschätzung, dass Hochwasserrückhalteräume eingehalten und sogar erweitert wurden, bestätigt auch Experte Rinke: „Genau das ist erfolgt im Harz. Dementsprechend steigt dann eben der Pegel der Talsperre. Aus meiner Sicht hat man da alles richtig gemacht.“

Karsten Rinke vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (Quelle: André Künzelmann/UFZ)
Talsperren haben wenig Einfluss auf Flutgebiete
Ohnehin sei der Einfluss der Harz-Talsperren auf das Flutgebiet, das sich über weite Teile Norddeutschlands erstreckt, vergleichsweise gering. Rinke: „Die Talsperren haben hier nur minimalen Einfluss, selbst wenn sie ganz leer wären zu Beginn des Regens. Sie schützen vor allem die direkt unterliegenden Fließgewässer vor Überschwemmungen.“
In Zahlen drückt sich das laut dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz wie folgt aus: Die Okertalsperre mit einem Einzugsgebiet von 85 Quadratkilometern kann rund 24 Prozent des Einzugsgebietes am Okerpegel Schladen (363 Quadratkilometer) beeinflussen. Die Wirkung nehme mit der Entfernung zur Talsperre zudem ab, insbesondere bei flächenhafter Überregnung des gesamten Einzugsgebietes, wie es aktuell der Fall ist. Der Einfluss auf die Einzugsgebiete an den Pegeln Ohrum (813 Quadratkilometer) und Groß Schwülper (1734 Quadratkilometer) betrüge demnach nur rund 10 bzw. 5 Prozent.
Auf wichtige Nebengewässer der Oker, wie etwa die im Brockengebiet entspringende Ilse oder die bei Braunschweig mündende Schunter, seien von der Talsperrensteuerung unbeeinflusst.
Julius Böhm
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