Das sind die Toten von Solingen
Ein Beitrag von
Leonie IpatiDer Begriff „Say their names“ stammt eigentlich aus den USA. Der Satz wurde in Deutschland nach dem Anschlag von Hanau (2020 – zehn Tote, meist mit Migrationshintergrund) benutzt, damit die Opfer nicht in Vergessenheit geraten. In diesem Fall war der Täter laut BKA ein Rechtsextremer. Im Fall der Opfer des Messeranschlags von Solingen vom Freitag vergangener Woche greift dieser Slogan nicht – denn er befeuert nicht die politische Erzählung, wonach der Rechtsextremismus die größte Gefahr für die Demokratie sei. Der syrische Islamist Issa al Hasan, der längst hätte abgeschoben werden müssen, ist offenbar der „falsche“ Täter.
NIUS berichtet über die Toten des Terroranschlags.
Ines W. (†56)
Ines W. (56) liebte das Kanufahren. Sie war Mitglied des örtlichen Kanuvereins, trainierte mehrmals in der Woche. Sie widmete ihr „Berufsleben mit großer Hingabe der Gesundheit und dem Wohl der Menschen“, schreibt die Apothekerkammer Nordrhein. Apothekerin Ines W. war mit ihrem Ehemann und Freunden unterwegs. Sie waren direkt vor der Bühne und hatten sich vor der spielenden Band versammelt. Sie waren langjährige Weggefährten der Künstler auf der Bühne.
Ein Augenzeuge: „Direkt hinter der ersten und zweiten Reihe befand sich eine Gruppe von Freunden, die etwas auseinander gingen, um sich gegenseitig Platz zu schaffen. Plötzlich kam der Attentäter und stach mit hasserfülltem Gesicht auf die Nacken der sich vor ihm befindlichen Reihe ein. Es gab kein Zögern, seine Bewegungen waren derart schnell und präzise, dass die betroffene Reihe selbst kaum merken konnte, was passierte.“
Das war der Moment, als die Apothekerin Ines W. vom Attentäter schwer verletzt wurde – ein Stich in den Hals. Bekannte berichten, dass Ines W. in den Armen ihres Mannes gestorben ist. Er wurde ebenfalls verletzt.

Die Traueranzeige der getöteten Ines W.
Stefan S. (†67)
Stefan S. (67) liebte Musik und freute sich auf das Stadtfest, erinnern sich Bekannte. Vor drei Jahren war er als Einkaufsleiter eines Kalkwerkes in den Ruhestand gegangen, berichtet Bild. Nach seinem Ruhestand brachte er seinen Kollegen oft Kuchen vorbei. Er begeisterte sich für Snooker und alte Straßenbahnen. An der Trauerstelle vor der Kirche haben Freunde ein gerahmtes Foto des lebenslustigen Rentners aufgestellt, eine Schleife und den schriftlichen Aufschrei: „Ermordet worden!“ Die Firmenleitung trauert: „Du warst uns Kollege und Freund zugleich…sowie ein Mensch, der Werte wie Offenheit und Toleranz gelebt hat.“ Ein Ersthelfer berichtet: „Er ist in meinen Armen gestorben.“ Die Schilderung des Mannes ist kaum auszuhalten. Er stand im Blut seines Freundes, kämpfte verzweifelt um dessen Leben, und wurde dabei selbst zum Zeugen eines unfassbaren Verbrechens. „Ich war von oben bis unten im Blut meines Freundes bedeckt. Selbst meine Schuhe waren voll mit Blut gelaufen.“
Nach dem Vorfall brach der Helfer zusammen und musste im Krankenhaus behandelt werden. „Ich hatte einen Bluthochdruck von 200. Die Ärzte gaben mir Beruhigungsmittel. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Schlaftabletten haben mir aber ein bisschen geholfen“, berichtet er. Trotz seiner Erschöpfung und des sichtbaren Leids, zeigt der Mann eine beeindruckende innere Stärke.

Trauernde stellten ein Foto des getöteten Rentners mitten ins Blumenmeer.
Florian H. (†56)
Florian H. (56), pendelte von seiner Wohnung in Düsseldorf täglich nach Solingen. Er war – so beschreiben ihn Freunde – ein lebenslustiger Spätrocker mit Pferdeschwanz. „Er war ein rockiger Typ, der gerne Gitarre spielte.“ Er war nur auf seinem Rad unterwegs, er hielt nicht viel von Autos. Ein Mann und sein Schicksal – mehr wissen wir noch nicht über den Düsseldorfer.

Ein Foto zeigt Florian H. - er ist eines der drei Opfer des Solinger Terrors.
NIUS wird weiter berichten. We say their names.
Leonie Ipati
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