Deutsche Bahn verhöhnt Handy-Nutzer: „Unser WLAN ist besonders leistungsfähig“
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Es hätte eine schöne Bahnfahrt werden können: Von Köln nach Berlin an einem lauen Sommerabend. Wir fliegen an Kühen, Bäumen, Wiesen vorbei. Drinnen rumpelt leise die Klimaanlage. Du hast einen gekühlten Riesling in der einen Hand, in der anderen dein Handy. Das spielt heute eine besondere Rolle. Denn heute ist Fußball-Europameisterschaft, das ZDF überträgt live. Kopfhörer raus, zurücklehnen, es geht los. Dann ruckelt nicht nur der Zug.
Das Bild auf deinem Handy zeigt kurz das Fußballfeld mit Spielern, dann verfärbt sich der Handy-Bildschirm Rot und Blau und Violett. Und immer wieder poppt der Play-Pfeil auf. Du sollst drücken – ich drücke ja. Nichts passiert. Ich drehe mich um. Der Zug ist voll: Singles, Familien mit Kindern, Soldaten in Uniform – eine Wochenend-Heimfahrt eben. Diesmal aber mit Handy- oder Tablet-Begleitung. Alle wollen Fußball gucken. Alle spielen an ihren Handys. Und die meisten Gesichter verfinstern sich. Es gibt keinen Fußball.
Der Mann vor mir kann das Spiel doch sehen – für ein paar Minuten. „Ist doch ganz einfach“, sagt er. Du musst auf „schwachen Empfang“ drücken.

Leider reicht es nicht, ein Empfangssymbol aufzumalen.
Bewundernde Blicke, Fremde beugen sich über ihn und sagen „lauter“. Da bricht die Übertragung auch bei ihm ab, dem Experten. Ich gucke immer mal wieder zwischen den Sitzreihen durch den Spalt, will wenigstens den Stand des Spiels wissen – Nacht auf dem Bildschirm. Nacht auch auf den anderen Bildschirmen in anderen Abteilen, die ich ablaufe. Keine Übertragung, nirgends.
Wie kann ein ganzer Zug offline sein?
Die Bahn wirbt mit ihrem angeblich gut funktionierenden WLAN. Wie kann es passieren, dass ein ganzer Zug offline ist – und zwar über mehrere Stunden? Diese Frage stelle ich der Deutschen Bahn. Ich kriege eine ausführliche, präzise Antwort, die sich genau auf meinen Zug ICE 953 bezieht. Das ist aber auch das Einzige, was man loben kann. Ansonsten Auskünfte, die wie ein Hohn klingen und – natürlich – jede Verantwortung der Deutschen Bahn am katastrophalen WLAN von sich weisen. Da ich bestimmt nicht der Einzige bin, der sich über das WLAN bei der Deutschen Bahn beschwert, ist die Antwort irgendwie exemplarisch. Lesen Sie selbst:
„Das im ICE 953 verbaute WLAN entspricht dem neuesten technischen Stand und ist besonders leistungsfähig. Es lag hier keine technische Störung vor. Vielmehr haben wir festgestellt, dass die Mobilfunknetze nicht sehr stabil waren und hohe Latenzen (Schwankungen) aufwiesen. Diese sind kontraproduktiv für Live-Streaming. Überhaupt scheinen die Mobilfunknetze während des Spiels stark belastet gewesen zu sein.“

In der Theorie funktioniert alles wunderbar. Wie so vieles bei der Bahn!
„Wohnzimmer mit 300 Kilometer pro Stunde“
Nach der überraschenden Feststellung, dass Bahnkunden ein Fußballspiel der Europameisterschaft live verfolgen wollen – eben auch in der Bahn – erläutert der Sprecher Dinge wie „Schwankungen in der Mobilfunk-Konnektivität“ und dass das WLAN-System in Zügen ein „Shared Medium“ sei. Am Schluss werde ich mit einem Vergleich abgespeist, den ich für eine Frechheit halte, der aber zeigt, wie die Deutsche Bahn mit ihren Kunden umgeht. Der Bahnsprecher wörtlich: „Stellen Sie sich vor, dass mehrere hundert Menschen bei Ihnen zu Hause im Wohnzimmer sitzen und alle ein Fußballspiel streamen wollen. Das wird selbst bei einem leistungsfähigen Internetanschluss schwierig bis unmöglich. Und dann fährt das Wohnzimmer auch noch bis zu 300 Kilometer pro Stunde durch die Lande…“
Mein gesunder Menschenverstand sagt mir: Dieser „Vergleich“ hinkt nicht nur. Er ist völlig irre. Und er zeigt, wie abgehoben und wie weltfremd die Deutsche Bahn inzwischen ist. Die Leute wollen doch nur das nutzen, was ihnen die Bahn vollmundig verspricht – ein funktionierendes WLAN.
Plötzlich Empfang – für drei Minuten ...
Meine persönliche WLAN-Odyssee mit der Deutschen Bahn endete übrigens zwischen Berlin-Spandau und dem Berliner Hauptbahnhof. Für ein paar Minuten und ganz am Ende des Spiels ging das WLAN plötzlich wieder. Menschen stürzten an meinen Platz, von überall bekam ich Besuch – aus Fremden wurden Freunde. Als ich meinen Koffer samt Handy einpackte, hörte ich mehrere Menschen murmeln: „Sie müssen schon gehen, wie schade!“
Es ist schön, wenn man so beliebt ist wie ich, der Handy-Besitzer, dessen WLAN plötzlich und unerwartet funktionierte – wenn auch nur für einen Moment.
Louis Hagen
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