Gute Minderheiten, schlechte Minderheiten: Für Linke sind Juden weniger schützenswert als andere Gruppen
Ein Beitrag von
Im August 2023 griffen drei Araber einen israelischen Touristen im Herzen des toleranten Berlins an. Das Ausbleiben von Solidaritätskundgebungen von den sonst gegen jede Diskriminierungsform vorgehenden Linken und Linksliberalen spricht Bände.
Der linke Diskurs unterscheidet eindeutig zwischen Unterdrücker und Unterdrückten, doch wer glaubt, das beziehe sich nur auf die Taten eines Individuums, liegt falsch. Linke Unterdrückungsanalyse basiert auf dem Prinzip der Sippenhaft. Ähnlich wie bei der biblischen Erbsünde, gehen viele linke Denker davon aus, dass der heterosexuelle weiße Mann bereits schuldig geboren wird, da er von klein auf, auch unbewusst, die Unterdrückungsstrukturen einer rassistischen bzw. homophoben Gesellschaft genutzt hat. Im Umkehrschluss sind Mitglieder einer Minderheit immer die schützenswerte Opfer.
Diese absurde Logik blendet bewusst große Teile der Geschichte aus, um die eigene Narrative zu füttern. Beispiele wie etwa das System der russischen Leibeigenschaft, in der Weiße noch Sklaven waren, oder der gigantische arabische Sklavenmarkt spielen in der Realität keine Rolle.
Über viele Jahrhunderte hinweg erstreckte sich der arabische Sklavenhandel, bei dem afrikanische Sklaven von arabischen Sklaventreiber verkauft wurden. Dies führte zu einer ungeheuerlichen Ausnutzung von Menschen, die als Besitz betrachtet und gehandelt wurden. Ähnlich kann die russische Leibeigenschaft als eine Art der Sklaverei betrachtet werden, bei der Bauern als Eigentum des Adels angesehen wurden und an das Land gebunden waren. In beiden Situationen wurden sowohl Würde als auch Freiheit der Betroffenen verletzt, da sie ausschließlich als Besitz betrachtet wurden und ihre grundlegenden Rechte entsprechend massiv eingeschränkt waren. Dennoch beschränkt sich der linke Diskurs fast ausschließlich auf den transatlantischen Sklavenhandel. Es würde einfach nicht in die Narrative passen, dass auch „People of Colour” Sklavenhändler und Weiße auch Sklaven sein können.

In Gaza ist Homosexualität illegal und wird mit drakonischen Strafen geahndet.
Linke Logik und Antisemitismus
Ein weiterer Logikfehler dieses Schwarz-Weiß-Denkens ist die Zuordnung von Juden – sind es nun Opfer oder Täter oder ist eine Differenzierung hier auf einmal möglich?
Einerseits sprechen sich die meisten linken Strukturen gegen Antisemitismus aus, aber hetzen gegen den einzigen jüdischen Staat, wo auch immer sie können. Der Nahostkonflikt wird zu einem Kolonialismus-Thema gemacht, bei welchem der böse weiße westliche jüdische Siedler dem armen arabischen Ureinwohner das Land wegnahm. Dass das so nicht stimmt, Juden schon immer in den Gebieten des heutigen Israel gewohnt haben, es haufenweise „braune“ oder sogar „schwarze“ Juden gibt und Araber das Land im 7. Jahrhundert kolonialisiert haben, spielt für die ewig Unzufriedenen keine Rolle.
Manche linke Denker sprechen sogar von einem „Jewish Privilege“ – einem jüdischen Privileg. Das wirft die Frage auf, welches Privileg damit gemeint ist: Vielleicht das Privileg, in linken Kreisen als weiß zu gelten, aber dann von Nazis, mit Fetisch für die weiße Rasse, nach Auschwitz geschickt worden zu sein? Oder ist das Privileg, einen multikulturellen Staat mit den liberalsten Gesetzen für Schwule und Lesben in der Gegend zu haben – aber dann trotzdem von LGBT-Gruppen gehasst zu werden?
Spätestens am Beispiel der Juden sollte jedem klar sein, dass die linke Logik von guten und bösen Rassen nicht funktioniert. Der Jude war Opfer eines Zivilisationsbruches in Europa und hat sich trotzdem zum Herren eines starken Staates hochgekämpft. Er ist gleichzeitig unterdrückte Minderheit in der Diaspora und herrschende Klasse in Israel.
Lesen Sie auch: Judenhass hat in unserem Deutschland keinen Platz
Heute setzen sich diverse Gruppen für die Rechte jeglicher Minderheiten ein, aber bei der jüdischen Minderheit in Deutschland hört der Einsatz oftmals auf. Im Verlauf des ersten Halbjahrs 2023 hat das Bundeskriminalamt bereits 960 Fälle von Straftaten erfasst, die antisemitisch motiviert waren. Unter diesen Straftaten waren auch 25 Gewaltdelikte. Die deutschen Behörden zählen eine Reihe der Delikte, die eigentlich aus dem islamistischen Milieu kommen, unter „rechtsextrem“. Das verfälscht die Statistik, denn das Sprühen eines Hakenkreuzes kann genauso von einem Neo-Nazi wie von einem Hezbolla-Versteher geschehen. Letztere übernehmen ja auch gern den Hitlergruß.

Libanons Hezbollah-Kämpfer salutieren.
Unheilige Allianzen
Während sich die Deutschen als Weltmeister der Wiedergutmachung sehen und mit ihrer Trauer um die toten Juden beschäftigt sind, ignoriert ein großer Teil gleichzeitig die Gefahren für die noch lebenden. Jüdischer Selbstschutz ist aufgrund der strengen Waffengesetze in Deutschland nicht möglich. Alle Bürger und speziell in diesem Fall Juden müssen sich auf die Polizei verlassen, die meist viel zu spät auftaucht, wie im Fall des Angriffs auf den israelischen Touristen in Berlin. Auch auf Zivilcourage muss man in weiten Teilen Berlins nicht hoffen, da der durchschnittliche Krieger für Gerechtigkeit sich eher mit den Tätern solidarisiert, die gegen die angebliche Apartheid in Israel vorgehen, indem sie einen Touristen in Berlin verprügeln.
Der Hass auf Juden existierte auch vor der Existenz des israelischen Staates: Der rechte Hass aufgrund der angeblichen Prämisse, dass Juden böse seien. Der islamistische basiert auf relativ ähnlichen Motiven, und der linke Antisemitismus sieht den Juden, abseits vom strikten Antizionismus, als zu zerstörende Kultur, da Tradition der Revolution schadet. Wenn die Juden sich dann gegen die jahrhundertelange Unterdrückung wehren und einen eigenen Staat ausrufen, gelangt der Hass auf eine neue Stufe, denn nun hat sich die gehasste Gruppe erdreistet, nicht mehr schwach zu sein, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Speziell der linken Bewegung passt das nicht ins Weltbild, denn dieses baut darauf, den emanzipatorischen Kampf einer Minderheit in einer gemeinsamen Revolution gegen den vermeintlichen Feind zu bündeln. Und wenn da jemand nicht mitspielt, ist er kontrarevolutionär und ein Feind.
Lesen Sie auch: Flucht in die Sicherheit: Wie eine deutsche Jüdin Frieden in Israel fand
Kommunisten und Juden wurden gemeinsam in die Konzentrationslager in Deutschland geschickt. Doch nachdem beide befreit wurden, entführten Kommunisten Flugzeuge und selektierten die Passagiere nach Juden und Nichtjuden. Glaubwürdiger Kampf gegen alle Formen von Diskriminierung sieht anders aus. Zumal Linke oft mit reaktionären islamistischen Kräften paktieren, um gemeinsam gegen Juden vorzugehen – ob nun bei Terroranschlägen oder friedlichen Demos in Berlin, bei der die Vernichtung Israels gefordert wird. Der angebliche arabische Befreiungskampf wird als Vorwand für den Kampf gegen eine sich nicht fügen wollende Minderheit, genutzt.

Die Kommunistin Ulrike Meinhof war die einzige Deutsche, für die palästinensische Terroristen im September 1972 während des Münchner Olympia-Attentats, auf Juden, die Freilassung forderten.
Während andere Minderheiten, unabhängig von der Politik ihres Heimatlandes, als Opfer der angeblichen strukturellen Unterdrückung glorifiziert werden, müssen sich die in Deutschland aufhaltenden Juden als Vertreter gerade machen. Die Linken erwarten Unterwerfung vor ihrer Ideologie – oder man wird aus dem Kreis der von Hass bedrohten Schutzbefohlenen exkludiert.
Kurz gesagt, die jüdische Diaspora hat die Wahl zwischen einer Existenz als Fabian Wolff oder muss sich auf Ablehnung einstellen, wobei eigentlich klar sein sollte, dass selbst ein linientreuer Wolff von den drei Arabern angegriffen worden wäre, wenn er es denn gewagt hätte, in Kreuzberg hebräisch zu sprechen.
Amir Makatov
Artikel teilen
Kommentare