Die Lüge von Lieberose: Wie Medien einen Neonazi-Skandal erschufen, den es nie gab
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Es war eine Geschichte, die bundesweit für Aufsehen sorgte: Ende Juli soll eine bosnische Familie, kurz nach ihrem Umzug in das südbrandenburgischen Dorf Lieberose, dort von Neonazis beleidigt und bedroht worden sein. Nach nur wenigen Tagen, so die Erzählung, wurde die Mutter Enisa B. mit ihrer Familie von Neonazis aus der Stadt vertrieben. Das berichtete die Lausitzer Rundschau, die sogar davon sprach, dass die Familie sich verbarrikadieren musste. Von „Hitlergrüßen“ und „neonazistischen Parolen“ war die Rede.
Der Tagesspiegel und rbb griffen die Berichterstattung auf. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) titelte mit Springerstiefeln und schrieb: „Neonazis vertreiben bosnische Familie“. Twitteruser sprachen von einer „Schande“. „Und schon wieder werden Menschen aus dem #Spreewald von Rechtsextremen vertrieben“, schrieb der Geschäftsführer der Amadeu Antonio-Stiftung, Timo Reinfrank.



Die Erzählung des rechtsextremen Dorfs
NIUS recherchierte mehrere Tage am Stück in Südbrandenburg, sprach mit Nachbarn der bosnischen Familie, Geschädigten, Anwohnern und Ermittlern. Das Bild, das sich ergibt: Den Vorfall, wie ursprünglich von dem Verein Opferperspektive und der Lausitzer Rundschau in die Welt gesetzt, gab es in dieser Form nicht.
Die Ursprungsquelle für die Erzählung, die letzten Endes in Lausitzer Rundschau und anderen Medien Widerhall fand, ist der Verein Opferperspektive, der Betroffenen von rechtsextremer Gewalt in Brandenburg hilft. Der Verein berichtete: Die Familie B. aus Bosnien sei am 27. Juli nach Lieberose in Brandenburg gezogen, nachdem sie in Berlin keine Wohnung fand. Am 28. Juli, einen Tag nach dem Umzug, habe ein betrunkener Mann gegen ihre Scheiben gehämmert und rechtsextreme Parolen skandiert.
Am 29. Juli kam es schließlich zu einem Zwischenfall mit einer Gruppe jugendlicher Deutscher auf dem Marktplatz, bei dem die Tochter der Familie mit „volksverhetzende Aussagen“ und „neonazistischen Parolen“ bedroht und nach Hause verfolgt worden sei, wo sich die Familie verbarrikadieren musste. Kurz darauf verließ die Familie den Ort, weil sie keinen anderen Ausweg sah. Oder, wie es sich in dieser Version der Geschichte liest: weil sie von Rechtsextremen vertrieben worden ist.
Wenn man von dieser Version der Geschichte erfährt, ist schnell klar, wer Opfer und Täter sind: die diskriminierte bosnische Familie, die von der rechtsextremen Bewohnerschaft einer brandenburgischen Kleinstadt vertrieben wurde.

Der Marktplatz von Lieberose, wo sich die Auseinandersetzung am 29. Juli ereignet haben soll.
Gewaltsamer Übergriff nach „Pöbelei“
Was schon fragwürdig erscheint, wenn man sich mit dem Fall auseinandersetzt: Von Familie B. ging laut Polizei weder am Abend des 28. noch am 29. Juli ein Notruf ein. Die Polizei erlangte erst nach dem Wegzug der Familie am 31. Juli – und nur durch mediale Berichterstattung – Kenntnis über die Vorfälle, nachdem der Verein Opferperspektive diese groß machte. Und dass, obwohl Enisa B. die Bedrohungslage gegenüber der Lausitzer Rundschau als so gewichtig beschrieb, dass sie große Angst um ihre Kinder hatte, sich verbarrikadieren musste und nur die Flucht in die Obdachlosigkeit nach Berlin als Ausweg sah.
Laut Ermittlern, die mit dem Fall vertraut sind, gibt es zudem keine Kenntnis von volksverhetzenden Parolen am 29. Juli. Stattdessen geht man von einem „verbalen Pöbeln“ der Jugendlichen auf dem Marktplatz aus. Nach Informationen von NIUS war dieses Pöbeln ausschlaggebend dafür, dass Mitglieder der bosnischen Familie mit Hämmern, Gürteln und Flaschen bewaffnet auf den Marktplatz stürmten. Dabei wurde ein 18-jähriger Handwerker aus der Gruppe der deutschen Jugendlichen, von denen nur zwei aus Lieberose kommen, mit einer Gürtelschnalle im Gesicht geschlagen. Wie NIUS erfuhr, wurden ihm zwei Wochen Arbeitsunfähigkeit attestiert.
Ein anderes Opfer der Gruppe von Jugendlichen soll zu Boden gerissen worden und mit einem Hammer bedroht worden sein. Womöglich war bei dem gewaltsamen Übergriff auf dem Marktplatz auch Alkohol im Spiel, denn Bewohner von Lieberose schilderten, dass die Roma-Familie, die zeitweise zu siebt in der Wohnung an der Mühlenstraße wohnte, schon in den ersten Tagen bis in die späten Abendstunden Alkohol trank und ihre teilweise sehr jungen Kinder bis in die Nacht aufbleiben ließen.

Plötzlich geriet die südbrandenburgische Kleinstadt in die bundesweiten Schlagzeilen.
Mangelnde Kooperationsbereitschaft und ausstehende Haftbefehle
Nach jetzigem Kenntnisstand sind die einzigen Geschädigten bei dem Vorfall deutsche Jugendliche, also die angeblichen Täter – und die einzigen Tatverdächtigen zwei Bosnier, also die eigentlichen Opfer. Die Polizei führt wegen gefährlicher Köperverletzung Ermittlungen gegen den Vater der Kinder von Enisa B. sowie den Neffen. Die Namen der Tatverdächtigen sind NIUS bekannt. Besonders brisant: Gegen den Vater der Kinder von Enisa B. stehen nach Informationen von NIUS zwei Haftbefehle aus. Der Mann ist seit dem Vorfall untergetaucht und wird gesucht.
Auch über die Einlassungen der Familie zeigt man sich auf Ermittlerseite überrascht. Der Neffe und der Vater der Kinder seien nie bei der Polizei gewesen, um eine Aussage zu treffen. Nur die Frau sei erschienen und habe sich „schmallippig“ gezeigt, wie es heißt.
Was bleibt, sind „neonazistische Parolen“ und Hitlergrüße am Abend des 28. Juli. Verantwortlich dafür soll ein betrunkener Mann gewesen sein. Wegen des Vorfalls ermittelt der Staatsschutz. Das Problem: Für die Tat, die einem im Dorf bekannten und polizeibekannten Rechtsextremen zugeordnet wird, gibt es keine Zeugen. Der Mann streitet den Sachverhalt ab; die Familie B. ist die einzige Belastungsquelle. Und es fehlen Erkenntnisse zu den Vorkommnissen vor dem Zwischenfall, etwa, ob den Aussagen des Mannes ein Streit vorausgegangen war.
Im Ort hat sich indes längst eine andere Erzählung durchgesetzt: Womöglich war der ganze Skandal kalkuliert, um von öffentlicher Solidarität zu profitieren und eine Wohnung in Berlin zu finden, wo die Familie ohnehin nicht weg wollte. Wer hingegen sicherlich nicht profitiert hat, war der Ort Lieberose, der bundesweit in die Schlagzeilen geriet und zum Sinnbild von Rechtsextremismus wurde – ohne, dass es dafür Belege gab.
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Jan A. Karon
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