Diese Generalabrechnung von US-Finanzexperten macht Angst: Deutschlands Tage als industrielle Supermacht neigen sich dem Ende zu
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In einer Generalabrechnung macht das US-Medium Bloomberg klar: Deutschlands Tage als industrielle Supermacht neigen sich dem Ende zu. Doch wie begründen die vier Bloomberg-Autoren ihre niederschmetternde Prognose?
Jede Nation hat ihren eigenen Gründungsmythos. Das ist das Ur-Narrativ, das dem Leben der Bürger einen größeren Sinn gibt und sie miteinander verbindet. Das ist die eine große Erzählung, die die Menschen eines Landes über Parteien, Religionen, Weltanschauungen, Bildung, Einkommen und Vermögen hinweg miteinander verbindet. Der Gründungsmythos ist die Grundfeste in Staat und Politik, mit der sich jeder identifizieren kann. Für die Franzosen ist der Gründungsmythos die Revolution von 1789, für die Italiener das Risorgimento (Epoche zwischen 1815 und 1870), für die Amerikaner die Unabhängigkeitserklärung von Großbritannien.
Für die Deutschen besteht dieses Ur-Narrativ im deutschen Wirtschaftswunder der 1950er- und 1960er-Jahre. Nach zwei verlorenen Weltkriegen und der Zerstörung eines Drittels der Industrie im Jahr 1945 stieg das Land binnen zweier Jahrzehnte zur drittgrößten Industrienation der Welt auf. Das Wirtschaftswunder brachte den Deutschen Wohlstand, Stabilität und Zufriedenheit. Und es gab ihnen einen Sinn im Leben. Arbeit, Bildung und Leistung waren die Grundlagen für persönliche Fortentwicklung, steigende Einkommen und Vermögensaufbau. Mit Fleiß und Einsatz konnte jeder daran partizipieren und dazugehören. Das bildete das Fundament einer neuen, guten deutschen Identität, die nach dem Nationalsozialismus dringend nötig war.
Und jetzt steht dieser Gründungsmythos der Bundesrepublik in Frage wie nie zuvor. Unsere Tage als industrielle Supermacht gehen zu Ende. Das sagt nicht irgendwer, das sagt Bloomberg. Bloomberg ist weltweit die wichtigste Finanznachrichtenagentur mit Sitz in New York und eines der angesehensten Medienunternehmen überhaupt. In einer beispiellosen Generalabrechnung („Germany’s Days as an Industrial Superpower Are Coming to an End“) mit allem, was in Deutschland wirtschaftlich falsch läuft, kommen vier Bloomberg-Autoren zu einem niederschmetternden Ergebnis: Deutschland hat seinen Zenit als Wirtschaftsmacht überschritten und steht vor einem langen, schleichenden Niedergang („Germany is at risk of a long, slow decline.“)
Die Grundlagen der Wirtschaft brechen weg
Für die Amerikaner liegt das Hauptanzeichen für die deutsche Misere in der nachlassenden Industrieproduktion. Die wird durch den Produktionsindex für das verarbeitende Gewerbe gemessen – und der sinkt, nachdem er vorher 30 Jahre lang gewachsen war, seit November 2017 unaufhaltsam. Das geht am Anfang nicht wirklich schnell, aber der Trend wird sich nach und nach beschleunigen, weil die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie nachlässt. So wie Dominosteine umfallen, schreiben die Bloomberg-Autoren, so brechen die Grundlagen unserer Wirtschaft nacheinander weg.

Die Industrieproduktion sinkt rasant.
Der erste Stein, der fällt, sind die USA, die sich durch einen Mix aus Protektionismus und Binnensubventionen wirtschaftlich immer weiter von Europa entfernen. Ohne es explizit zu sagen, meinen die Bloomberg-Leute damit den Inflation Reduction Act („Gesetz zur Reduzierung der Inflation“) der Regierung Biden aus dem Jahr 2022. Trotz seines Namens hat dieses Gesetz mit der Reduzierung von Inflation wenig zu tun, sondern stellt vielmehr ein gigantisches Investitionspaket dar, das mit Subventionen in Höhe von tausend Milliarden US-Dollar den Aufbau eines Netzes an Klimatechnologien (Elektro, Wasserstoff) quer durch die USA forcieren soll – Subventionen, die zu einer Abwanderung von Zukunftstechnologien aus Deutschland in die USA führen werden.
Domino Nummer zwei ist China, das in Zukunft viel weniger deutsche Autos, Maschinen und Chemikalien kaufen wird, weil es diese inzwischen selbst erzeugt und jetzt – siehe chinesische E-Autos und Solarmodule – zu Billigpreisen nach Deutschland exportiert. Der dritte Dominostein ist nach der Analyse der Amerikaner das Ende des günstigen russischen Erdgases und die exorbitanten Preise für Industriestrom. Dieser plötzliche Verlust an günstiger Energie raubt energieintensiven Industrien mit der Chemie an der Spitze international die Wettbewerbsfähigkeit und zwingt sie dazu, ihre Produktion nach und nach ins Ausland zu verlegen.
Diese externen Faktoren werden durch hausgemachte Probleme verstärkt. Diese sind die deutsche Bürokratie, die Fortschritt und Wachstum behindert, die nachlassenden mathematischen und naturwissenschaftlichen Kenntnisse der deutschen Schüler (Stichworte: PISA-Schock, gemeinsames Kernabitur), die für die Wirtschaft eine Katastrophe darstellen, und der Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften.

Fertigstellung des 500000. Volkswagens im Jahr 1953: Der Mythos Wirtschaftswunder bricht weg.
Überall fallen Arbeitsplätze weg
Die Bloomberg-Autoren untermauern ihre Thesen mit einer Fülle an Beispielen, die konkret zeigen, wie es um die deutsche Wirtschaft bestellt ist. Sie reden mit der Deutschland-Chefin des französischen Reifenherstellers Michelin, die ihnen sagt, dass man in Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig Autoreifen produzieren kann, weshalb Michelin bis 2025 zwei Werke in Deutschland ganz und ein drittes teilweise schließen wird. Sie besuchen den Anlagenbauer GEA in Mainz, wo sie erfahren, dass GEA nach 160 Jahren in Deutschland keine Industriepumpen mehr herstellen und die Produktion nach Polen verlagern wird. In Düsseldorf sind sie bei der Schließung des Vallourec SACA-Röhrenwerks dabei, das einmal Mannesmann gehört hat. Hier fallen nach 124 Jahren durchgängiger Produktion auf einen Schlag 1600 Arbeitsplätze weg, weil nach der Energiewende die Produktion von Stahlröhren in Deutschland unternehmerisch keinen Sinn mehr macht.
Die von Bloomberg analysierten Faktoren ergeben in Summe eine inzwischen systemische Schwäche der deutschen Wirtschaft, die sich in schwindender Wettbewerbsfähigkeit niederschlägt. In der Endkonsequenz wird das zu weniger Wachstum und Stagnation führen, was sich in einem Verlust an Wohlstand, Zufriedenheit und politischer Stabilität niederschlägt, weil aus unzufriedenen Menschen wütende Wähler werden. Wirtschaftliche Stärke ist seit 1947 die DNA der deutschen Gesellschaft gewesen, der Motor, der alles getrieben hat: Sozialstaat, Bildungssystem, Gesundheits- und Altersvorsorge, Natur- und Umweltschutz, äußere und innere Sicherheit.
Wirtschaftswunder und Wirtschaftswachstum waren das zentrale positive Narrativ der deutschen Nachkriegsgesellschaft, der Mythos, der alle verbunden und ihnen das Gefühl gegeben hat, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Bricht jetzt das Wachstum weg, dann ist viel mehr als ein identitätsstiftender Mythos in Gefahr.
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