Flutkatastrophe im Ahrtal – Eltern von toter Johanna (†22) wollen Klage gegen Landrat erzwingen: „Unsere Tochter könnte noch leben“
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Drei Jahre, nachdem die Flut alles mit sich gerissen hat, ist im Ahrtal noch immer nichts, wie es einmal war. Die Menschen fühlen sich von der Politik alleingelassen, manche kämpfen, andere resignieren. NIUS lässt Betroffene zu Wort kommen, die seit drei Jahren im Ausnahmezustand leben.
Wenn Inka Orth am 15. Juli 2024 im Kreis ihrer Verwandten und engsten Freunde sitzt, werden ihre Gedanken zu der Person schweifen, die ihr das Wichtigste im Leben war, und die heute nicht mehr da ist: Tochter Johanna. Johanna Orth ist einer der 135 Menschen, die 2021 in den Fluten der Ahr ihr Leben ließen.
Auch heute, drei Jahre später, schmerzt der Verlust die Mutter noch immer sehr. Hinzu kommt große Wut, denn Johannas Eltern sind überzeugt: Ihr Kind könnte noch leben, wenn Landrat Jürgen Pföhler seinen Job gemacht und rechtzeitig gewarnt hätte.

Juli 2022: Jürgen Pföhler (CDU), ehemaliger Landrat des Kreises Ahrweiler, nimmt als Zeuge im Untersuchungsausschuss des Landtags Rheinland-Pfalz zur Flutkatastrophe Platz.
„Herr Pföhler ist seit vielen Jahren Landrat“, erklärt Vater Ralph Orth gegenüber NIUS. „Wir hatten bereits 2016 ein verheerendes Hochwasser und es gab genügend Zeit, sich vorzubereiten, Richtlinien und Vorgaben zu erarbeiten. Es hätte Fortbildungen geben müssen, wie man in Flut-Situationen reagiert. Doch nichts von alldem ist passiert. Er als Jurist hätte wissen müssen, dass diese Nachlässigkeit gegebenenfalls eine Straftat ist.“
Johanna kam nicht mehr aus ihrer Wohnung
Stattdessen empfahl man den Menschen noch am Nachmittag, als die Ahr immer mehr anschwoll, ihre Wohnungen nicht zu verlassen – ein fataler Fehler. „In anderen Landkreisen ist bis auf einen Menschen in Trier niemand zu Schaden gekommen, weil die Landräte vernünftig agiert und reagiert haben. Hätte Pföhler das gemacht, was andere Landräte gemacht haben, könnten viele Menschen – auch unsere Tochter – noch leben.“
Rückblick: Es ist der 13. Juli und 0:30 Uhr, als Inka und Ralph Orth das letzte Mal die Stimme ihrer Tochter hören. Sie ist panisch, kann die Türe nicht mehr öffnen, die Eltern versuchen noch, sie zu beruhigen, doch sie sind machtlos, viele hundert Kilometer entfernt, im Urlaub auf Mallorca. Das Gespräch dauert etwa 1,5 Minuten, dann ertrinkt Johanna ihrer Erdgeschosswohnung in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Drei Tage später wird sie in der Tiefgarage des Wohnkomplexes gefunden. Drei Tage, in denen die verzweifelten Eltern alle Krankenhäuser der Region abtelefonieren, bevor sie die schreckliche Nachricht von Johannas Tod erreicht.

Johanna Orth mit Vater Ralph und Mutter Inka. Kurz vor ihrem Tod hatte die 22-Jährige ihre Ausbildung zur Konditormeisterin abgeschlossen.
Im April erfuhren die Eltern nun, dass die Staatsanwaltschaft keine Anklage gegen Landrat Pföhler erheben wird. Überrascht waren sie davon nicht. Vater Ralph Orth zu NIUS: „Ganze 32 Monate hat es gedauert, bis man schließlich feststellte, dass man Pföhler nicht anklagen wird. In die Ermittlungen hat man uns Nebenkläger kaum eingebunden, Akteneinsicht gab es gerne mal mit einem Jahr Verzögerung.“
Die Orths versuchen nun, alle denkbaren Rechtswege zu gehen, um den Landrat für seine Nachlässigkeit zu belangen. Das nötige Geld dafür sammeln sie mit einem Online-Crowdfunding, die Hälfte der angestrebten 100.000 Euro ist bereits erreicht.
Zum Zeitpunkt ihres Todes war Johanna seit drei Monaten mit ihrer Ausbildung als Konditormeisterin fertig, sie hatte die Aussicht auf eine eigene Konditorei, war frisch verliebt. Als Trauerbewältigung haben die Eltern in ihrem Gedenken die „Patisserie Johanna“ in einem alten Kakaospeicher in Hamburg eröffnet. „Die Wahl fiel auf Hamburg, weil wir maximalen Abstand zum Ahrtal brauchten“, erklärt Ralph Orth.
Zeliha Atac konfrontierte Malu Dreyer
Das Video, in dem Zeliha Atac Ministerpräsidentin Malu Dreyer mit dem Leid der Ahrtal-Vergessenen konfrontieren will, hat im vergangenen Jahr die Runde gemacht. Hinter dem wütenden Insistieren der Mutter steckt eine beklemmende Geschichte, die stellvertretend für viele Schicksale in der Region steht.
Im April 2023 suchte Zeliha Atac das Gespräch mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer – doch diese schenkte ihr keine Beachtung.
Video zur Verfügung gestellt von: Tibor Schady TSFK freiwilliges Krisenmanagement
Gerade noch rechtzeitig schafft es Zeliha Atac in jener Flut-Nacht mit ihren beiden Jungs zu fliehen. Sie versucht noch, ihre Nachbarn zu warnen, die schlafen jedoch bereits – Ihr Todesurteil. Durch die Fluten retten sich die drei auf eine Anhöhe. Die Hilfeschreie, die sie in der Dunkelheit erreichen, verfolgen sie bis heute. Atac bringt ihre Kinder zum Vater in einen Nachbarort, doch auch dort schwemmen die Fluten wenig später alles hinfort.
Erneut flüchtet die Familie. Das Mehrfamilienhaus, in denen sie eigentlich wohnen, ist auch heute, drei Jahre später noch zerstört. „Nicht einmal der Bürgermeister ist damals vorbeigekommen“, sagt sie gegenüber dem Agenturdienst NonstopNews. Aufgeben will sie jedoch nicht, engagiert sich seitdem dafür, dass die Entscheidungsträger der Region endlich zur Rechenschaft gezogen und ihrer Verantwortung gerecht werden und das Ahrtal nicht nur als Kulisse für politisches Schaulaufen missbrauchen.

Bad Neuenahr-Ahrweiler wurde von der Flut besonders schwer getroffen.
Rentner-Ehepaar lebt immer noch in zerstörter Wohnung
Wenn Marion Eisler sich morgens Kaffee einschenkt, schwappt dieser schräg in die Tasse. Seit drei Jahren lebt sie in einem Haus, das von Massen von Wasser derart zur Seite gedrückt haben, dass es seitdem schief steht. In jener Nacht, vom 13 auf den 14. Juli 2021, schwemmte die Flut ihr Parterre weg. Noch heute, ganze drei Jahre später, ist es unbewohnbar.

Marion Eisler (links) ist 69 und fühlt sich erschöpft und müde von den nicht endenden Aufbauarbeiten an ihrem Häuschen.
Im Gegensatz zu vielen anderen waren die 69-jährige Rentnerin und ihr Mann versichert. Trotzdem musste das Ehepaar einen Marathon an Bürokratie durchlaufen, bevor es zumindest einen Teil des Schadens wieder ersetzt bekam. „Wir sind einfach müde und erschöpft von dem permanenten Kampf“, sagt Marion Eisler zu NIUS. Der Gutachter, den die Versicherung geschickt habe, habe zunächst viele Monate gebraucht, und dann viele Schäden nicht anerkannt. Beispielsweise die Abflussrohre, die komplett ersetzt werden mussten. „Da sie sich nicht im Haus befinden, sondern draußen, waren sie nicht von der Versicherung gedeckt.“

Noch immer ist im Erdgeschoss ein Chaos.
Am Ende wurden von 800.000 Euro Schadenssumme 140.000 Euro überwiesen. Geld, das sie aus eigener Tasche dazulegen kann, hat die 69-Jährige, die 40 Jahre lang als Sozialarbeiterin gearbeitet hat, und trotzdem nur eine geringe Rente erhält, nicht. Kürzlich erhielt Marion Eisler ein Schreiben, das sie darüber informierte, dass das Finanzamt über die Auszahlung in Kenntnis habe. „Zumindest das scheint immer noch hervorragend zu funktionieren“, sagt Eisler und Ärger schwingt in ihrer Stimme mit. Handwerker hingegen seien noch immer schwer zu kriegen. „Die ganze Stadt ist immer noch zerstört. Dass es hier nach drei Jahren so aussieht, ist wirklich kaum zu glauben, sagt die Rentnerin. „Man hat das Gefühl, es wird nie fertig.
Schon 2022 ist NIUS ins Tal der Vergessenen gereist, und hat mit den Menschen über den schleppenden Wiederaufbau gesprochen. Die ganze Reportage sehen Sie hier:
Janina Lionello
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