Geboren, um zu verlieren: Wir erziehen unsere Kinder zu Losern
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Die Bundesjugendspiele sollen für Grundschüler als „bewegungsorientierter Wettbewerb“ statt als „leistungsorientierter Wettkampf“ ausgerichtet werden, damit sich weniger sportliche Schüler nicht benachteiligt fühlen. Wollt ihr mich verarschen? Ein Kommentar.
Die Sonne funkelte gnadenlos, während ich gemeinsam mit meinen Schulkameraden an der Startlinie stand. Ich war hoch konzentriert, wie ein Spitzensportler vor dem großen Rennen. Mein Frühstück? Zwei hart gekochte Eier, zwei Brote mit Nutella und ein Liter Schokomilch – ein Mahl für Champions, dachte ich. Dann durchdrang ein ohrenbetäubender Knall die Stille.
Ich rannte los, als ob der Teufel persönlich mir auf den Fersen wäre. Doch während ich mit aller Kraft voranpreschte, zogen die anderen Kinder an mir vorbei. Die Schokomilch in meinem Bauch wurde ordentlich durchgeschüttelt und fühlte sich nicht mehr wie eine Wunderwaffe, sondern eher wie eine Bio-Waffe an.
Als ich schließlich die Ziellinie überquerte, staunte ich nicht schlecht: Mein Sprint hatte 12,8 Sekunden gedauert. Der damalige Weltmeister war mit 9,79 Sekunden minimal schneller. Freudig und stolz feierte ich meinen Erfolg, doch dann erfuhr ich, dass unser Sprint nur 75 Meter betrug, während der Weltrekord für die 100-Meter-Distanz galt.

Wer keine Leistung bringen muss, kann auch in Sandalen zum Weitsprung antreten.
Ich schämte mich und war am Boden zerstört. Die Gesichter meiner Mitschüler sprachen Bände: „Der ist nicht nur fett und unsportlich, sondern auch ziemlich dumm.“ Trotzdem hatten die Bundesjugendspiele einen positiven Effekt auf mich. Der sportliche Wettkampf und die Möglichkeit, sich mit meinesgleichen zu messen, hatten in mir ein Gefühl geweckt, dass ich noch nicht kannte: Ehrgeiz.
Ich wollte kein Versager mehr sein.
Also fackelte ich nicht lange und meldete mich bei einem Kampfsportverein an. Ein Jahr später sah ich immer noch aus wie eine Couchkartoffel, aber zumindest hatte der Mob auf dem Schulhof einen gesunden Respekt vor meinem gelben Gürtel entwickelt.
Man stelle sich vor, was aus mir geworden wäre, wenn nach jenem peinlichen 75-Meter-Sprint alle in Jubel ausgebrochen wären. Vielleicht müsste heute die Feuerwehr mit einem Schwerlastkran anrücken, um mich aus dem dritten Stock zu bergen, weil ich für gewöhnliche Türrahmen zu prächtig geworden bin. Oder ich wäre ein chronischer Arbeitsverweigerer, der sich selbst aufgegeben hat, weil er denkt, dass sich Leistung genauso wenig lohnt wie eine Diät.
Geboren, um zu verlieren
Aus einer Generation, die körperliche Schwäche befürwortet, entwächst eine neue Generation, deren Widerstandsfähigkeit der von weich gekochten Knödeln gleicht. Meiner Meinung nach begeht jemand, der Kindern einredet, dass es in Ordnung ist, schwach und nutzlos zu sein, eine subtile Form des Kindesmissbrauchs. Man muss Kinder ermutigen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und ihre Stärken zu entfalten. Nicht nur geistig, sondern auch körperlich. Die Bundesjugendspiele in ein Kuschelfest der Leistungsallergiker zu verwandeln, wird katastrophale Folgen für die Erwachsenen von morgen haben. Niemand kann ernsthaft glauben, dass es positive Auswirkungen hat, Kinder zu Opfern zu erziehen.
Das Ganze erinnert mich an ein Zitat von Homer Simpson: „Kinder, ihr habt euer Bestes versucht und seid kläglich gescheitert. Daraus lernen wir, es niemals zu versuchen!“
Wie in vielen anderen Lebensbereichen gibt es auch hier eine klare Kluft zwischen der Realität und den naiven Vorstellungen ahnungsloser Entscheidungsträger. Viele dieser Entscheidungsträger führen ein sorgloses Dasein, ohne wirklich etwas leisten zu müssen, und dabei vergessen sie, dass der Rest der Menschheit in einer Leistungsgesellschaft ums Überleben kämpft. Einem Kind einzureden, dass Schwäche okay ist, funktioniert nur solange, wie es sich in einer Umgebung befindet, die solche lächerlichen Ansichten toleriert. Sobald dieses Kind den sicheren Schoß der Familie verlässt und mit der harten Realität konfrontiert wird, bricht das kuschelige Lügenkonstrukt zusammen.

Vielleicht sollte man gar keine Bundesjugendspiele veranstalten und Medaillen einfach so in Schulen und Kindergärten verteilen.
Dem Alltag nicht gewachsen
Kein Wunder, dass sich immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland in psychotherapeutischer Behandlung befinden. Depressionen, Angststörungen sowie emotionale Probleme sind an der Tagesordnung, weil die Kinder den Herausforderungen des Alltags nicht mehr gewachsen sind. Wie sollten sie auch, wenn sie die ersten Jahre ihres Lebens in Watte gepackt und für jeden kleinen Furz gelobt werden?
Kürzlich habe ich in einem Restaurant beobachtet, wie sämtliche Entgleisungen eines frechen Satansbratens geduldet wurden, weil er „derzeit Probleme hat, mit Enttäuschungen umzugehen“. Der Junge erinnerte mich an einen schlecht gelaunten König, der nur noch Freude empfindet, wenn er seinen Hofstaat quält. Alle wuselten um das kleine Arschloch herum und versuchten, es glücklich zu machen. Wer wirklich glaubt, dass aus einem solchen Ungeheuer ein anständiger und glücklicher Erwachsener wird, dem sollte man die Erlaubnis entziehen, Kinder in die Welt zu setzen.
Bedauerlicherweise sind solche Szenen keine seltenen Ausnahmen mehr, sondern vielmehr symptomatische Reflexionen einer desorientierten Gesellschaft, die auf ihrem Weg in eine sorgenfreie Zukunft falsch abgebogen ist. Und was passiert eigentlich, wenn wir unsere Kinder zu Schwächlingen erziehen, während immer mehr Menschen ins Land strömen, die in einer Kultur aufgewachsen sind, in der das Recht des Stärkeren gilt? Stellen Sie sich diese Frage das nächste Mal, wenn Ihr Kind mit einer blutigen Nase nach Hause kommt.
Ahmet Iscitürk
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