„Ich bin nicht rechts!“: Demonstranten von Erding wehren sich gegen Nazi-Keule
Ein Beitrag von
- 13.000 Menschen nahmen am Samstag an einer Demonstration in Erding gegen das geplante Heizgesetz teil.
- Im Nachgang wurde die Veranstaltung als Zusammenkunft rechtsradikaler Bürger verunglimpft.
- Wir haben uns während Kundgebung und Demonstration umgehört und Stimmen gesammelt.
„Rechtsradikaler Mob“, „Milieu“, „Nazis“: Viel wurde über die 13.000 Menschen geredet und geschrieben, die am Samstag in Erding gegen das neue Heizgesetz demonstrierten – wenig mit ihnen. Wir haben die Teilnehmer am Rand der Kundgebung gefragt, warum sie sich am Wochenden lieber in die knallende Hitze stellen, anstatt am Badesee zu entspannen.
Rechtsradikale, Nazis, Umwelt-Hasser? Viel wurde über die 13.000 Menschen geschrieben, die am Samstag auf dem Volksfestplatz in #Erding demonstriert haben. Ich habe mit einigen von ihnen gesprochen. ⬇️ pic.twitter.com/F2HOZq5JCI
— Janina Lionello (@janinisabel) June 12, 2023
Victoria Thurmaier ist 56 Jahre alt und Erding, so erzählt sie uns, ist die erste Demonstration, an der sie teilnimmt. „Mir ist es wichtig, dass die Mitte gehört wird“, sagt sie. „Ich habe mit 16 Jahren meinen ersten Beruf gelernt, dann einen zweiten Beruf. Ich bin nicht rechts, aber ich will einfach mal sagen: Jetzt ist Schluss mit lustig.“
Thomas Klein, Geschäftsführer eines kleinen Bau-Unternehmens aus Oberbayern, sagt: „Wir wollen eine Politik mit Vernunft, aber da sind wir meilenweit entfernt gerade mit den Grünen. Atomkraftwerke werden heruntergefahren, die Kohle rauf. Das ist dann Klimaschutz, oder was?“ Die AfD würde er aber trotzdem nicht wählen. „Wegen dem rechten Flügel, das geht nicht. Aber natürlich muss man zugeben, sie haben gewisse gute Ansätze. Wir haben 25 Leute im Betrieb, ich muss schauen, dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben, da sollen die Bedingungen bitte geschaffen werden.“
Immer wieder hören wir genau das: Sorge um Mittelstand, Wohlstand, die eigene Existenz. „Der Mittelstand geht kaputt“, befürchtet ein Demonstrant, der ein Schild in der Hand hält, auf dem steht: „Habeck sofort entlassen“. „Bäcker, Metzger, Maler: Die sind alle kaputt. Die Energiekosten sind zu teuer, das ist nicht mehr tragbar.“
Viele der Menschen, das erleben wir in unseren Gesprächen, sind gekommen, weil das Gesetz ihr Leben unmittelbar betreffen würde. Viele wissen nicht, wie sie die Kosten für Wärmepumpe und Dämmung und deren Einbau zahlen sollen, sollte das Gesetz wirklich kommen. „Ich habe einen Holzofen zuhause, einen Kamin“, erzählt uns eine Teilnehmerin, die ein Schild in der Hand trägt, auf dem steht: "Heizgesetz sofort in die Tonne“. „Den Kamin dürfte ich dann nicht mehr einschüren“.
Seitenhieb gegen Klima-Kleber
Auch Thurmaier wäre unmittelbar betroffen: „Ich habe mir ein älteres Haus gekauft, habe es energieeffizient umgerüstet, habe oben Solarpanele anbringen lassen. Letzten Monat bin ich mit der letzten Rate fertiggeworden, das war viel Geld jeden Monat. Und jetzt soll ich wieder sparen, dass ich was anderes mache?“ Dabei sei ihr Umweltschutz sehr wichtig. „Ich habe zuhause meine eigenen Tomaten, ich fahre im Urlaub nicht weg, gehe lieber mit meinen Hunden spazieren.“ Am Ende unseres Gesprächs gibt es dann noch einen Seitenhieb gegen Klima-Kleber: „Ich glaube das ist mehr Umweltschutz, als nach Bali fahren, sich an die Straße kleben und Avocados zu essen“.
Dass es bei den Demonstranten Überschneidungen mit den Menschen gibt, die auch schon gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straßen gingen, wird deutlich, als wir versuchen, den Grund für die vielen Pfiffe während der Rede von Ministerpräsident Markus Söder herauszufinden. Eine Demo-Teilnehmerin die ein Schild hält, auf dem steht „Söder hau ab!“, erzählt, dass sie dem Ministerpräsidenten dessen Corona-Politik nachträgt. „Das ist ganz klar der Grund, warum er hier so schlecht ankommt. Das mit der Impfpflicht werde ich ihm nie verzeihen. „Söder hatte im Winter 2021 eine Impffplicht für Kinder ab 12 Jahren gefordert. Ein Mann fügt hinzu: „Söder ist nur hier, um politisches Kapital zu schlagen. Niemand kauft ihm ab, dass er sich für die Menschen interessiert. Der Söder hat doch selbst einen Atomausstieg gefordert und ein Verbrennerverbot. Er ist ein Wendehals.“
Politisches Kalkül ist das, was wir oft zu hören bekommen, wenn die Rede von Söder ist. Anders als Monika Gruber, um die auf der Kundgebung ein Star-ähnlicher Kult herrscht. „Moni for President“ ist auf vielen Schildern zu lesen. „Sie ist eine, die sich fürs Volk interessiert“, sagt Manuela Kastenmeier aus Deggendorf. „Sie denkt auch an die Menschen, was die anderen nicht machen. Ich finde sie einfach saugut.“
Janina Lionello
Artikel teilen
Kommentare