Immer mehr Aggression in deutschen Praxen: 15 Prozent unserer Ärzte werden täglich beleidigt
Ein Beitrag von
Anbrüllen, Beschimpfen, Bedrängen, Werfen von Gegenständen – niedergelassenen Ärzte leben bei uns gefährlich.
Das geht aus einer Befragung der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KV) hervor. Ein Drittel der Ärzte und Praxismitarbeiter erlebte in den vergangenen zwölf Monaten häufig, rund zehn Prozent sogar sehr häufig aggressive Verhaltensweisen von Patienten, wie die BZ zuerst berichtete. Ein weiteres Drittel der Ärzte erleben Aggression bei Patienten „manchmal“.
Es ist eine Statistik, die es in sich hat: Übergriffe auf Ärzte gehören mittlerweile zum Alltag. 81 Prozent der Teilnehmer klagten über verbale Gewalt, 54 Prozent über aggressives Anrufverhalten, 43 Prozent über Beleidigungen per Mail oder auf digitalen Portalen. Acht Prozent der Ärzte werden körperlich angegriffen.

Der Wartebereich in zahlreichen Arztpraxen ist heutzutage bereits Ort der Auseinandersetzung.
29 Prozent der Ärzte überlegen, ihren Beruf aufzugeben
75 Prozent empfanden diesen Zustand als „sehr belastend“, 14 Prozent gaben an, es mache sie krank. 29 Prozent überlegen, deswegen sogar den Beruf aufzugeben. Die Berliner Polizei zählte im vergangenen Jahr 107 Fälle von Körperverletzung in Praxen. Wegen Beleidigungen rückten die Beamten 72-mal an. In 59 Fällen wegen Sachbeschädigung. 52-mal wurden Nötigung und Bedrohung erfasst. Prof. Dr. Frank Christoph, Urologe in Berlin-Charlottenburg sagt: „Die Stimmung, egal ob im Supermarkt oder in der Arztpraxis, ist generell aggressiver geworden. Dieser aggressive Grundton schwingt überall mit. Patienten ticken schneller aus.“
Die Zahl der Angriffe hat nach Einschätzung von 48 Prozent der Befragten in den vergangenen fünf Jahren zugenommen. Ein Viertel derer, die angegriffen wurden, hat laut Umfrage weitere Schritte ergriffen: Anruf bei der Polizei, Erstatten einer Anzeige.

Aller Hand Mitarbeiterinnen haben heute mit Gewalt in Arztpraxen zu kämpfen.
Mitarbeiter-Training beim Kampfsportexperten
Gewalt gegen Ärzte und Pfleger – leider ist das auch in unseren Krankenhäusern keine Ausnahme mehr. Die DRK-Kliniken Berlin lassen jetzt ihre Mitarbeiter von einem Kampfsportler schulen, weil Übergriffe in Rettungsstellen und auf Stationen inzwischen zum Alltag gehören. Ab dem 10. September starten für knapp 200 Mitarbeiter Kurse zur körperlichen Deeskalation. Dafür hat das Unternehmen den Kampfsportexperten Danièl Lautenschlag engagiert. Ziel ist es, körperliche Übergriffe so abzuwehren, dass alle Beteiligten sowohl physisch als auch psychisch „möglichst unversehrt bleiben“.
Lautenschlag zur BZ: „Die Verhältnismäßigkeit und die Sicherheit der Patienten steht dabei an erster Stelle. Wie kann eine Situation, die bereits eskaliert ist, wieder auf die verbale Ebene zurückgeholt werden? Wie können Mitarbeiter jemanden, der ausgerastet ist, halten und fixieren, ohne ihn zu verletzen?“ Solche Handgriffe bräuchten regelmäßige Übung, denn eigene Hemmungen müssen überwunden, Deeskalation automatisiert werden. In allen Standorten der DRK-Kliniken Berlin wurden feste Gruppen ins Leben gerufen, in denen ein Jahr lang jeden Monat für drei Stunden trainiert werden kann.

Ein Patient stellt einem Patienten gegenüber die Regeln klar.
Es klingt, als wären es Trainingsanweisungen eines Kampfsport-Zentrums. Es handelt sich aber um Sicherheitsmaßnahmen in Krankenhäusern und in Arztpraxen in Deutschland. Nicht mehr und nicht weniger. Auf die Frage, wer denn nun hauptsächlich für die wachsende Aggression in Krankenhäusern und in den Arztpraxen hauptsächlich verantwortlich ist, wollte sich keiner der befragten Ärzte einlassen. Auch die KV-Statistik gibt darüber keine Auskunft. Was die Statistik festhält, ist aber dies:
Frauen sind am gefährdetsten. Pflegekräfte werden mit Abstand am häufigsten attackiert. Bei den Ärzten sind die Frauen drei bis viel Mal so oft betroffen wie die Männer.
Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
Auch bei NIUS: Neuer trauriger Trend: Randale machen beim Arzt
Redaktion
Artikel teilen
Kommentare