„Versteckt euch nicht!“: Ein Interview mit zwei deutsch-jüdischen Zwillingen
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Der Antisemitismus ist aus Deutschland kaum wegzudenken – NIUS suchte über Instagram nach Menschen jüdischen Glaubens, die uns von ihren Erfahrungen berichten können. Wir bekamen eine Zuschrift von Zwillingsschwestern, die gerne mit uns ins Gespräch kamen.
Die Schwestern haben eine lange Umzugsgeschichte hinter sich, diese Reise führte an Orte wie Berlin oder New York, bis sie im schönen München endete. Rebecca ist in der Immobilienbranche tätig und Myriam ist Tätowiererin.
Sie erzählen uns von Ihrer Kindheit, den Ratschlägen ihrer Mutter und ihren Erfahrungen mit Judenhass.
Danke, das ihr euch Zeit für dieses Interview genommen habt! Was war eure Motivation an diesem Interview teilzunehmen?
Myriam: Ich habe insgeheim die ganze Zeit davon geträumt habe, davon zu erzählen und meine Meinung preiszugeben. Da meine Schwester und ich schon immer Erfahrungen mit Antisemitismus machen mussten, egal wo wir gewohnt haben, egal ob auf einem kleinen Dorf oder in der Großstadt Berlin. Ich selbst habe ewig lange in New York gelebt und selbst da habe ich Anfeindungen mitbekommen. Obwohl gefühlt 20 Prozent aller New Yorker Juden sind und keine Minderheit mehr sind.
Rebecca: Bei mir ist es ähnlich. Wir saßen gestern zusammen im Restaurant und dachten über das Interviewangebot nach und dabei sind uns einige Sachen eingefallen – von der Kindheit bis heute. Auch wie uns unsere Mutter damit so erzogen hat, dass sie halt immer sagte: „Wir dürfen das den Leuten nicht sagen, dass wir Juden sind, das müssen wir immer verheimlichen.“ Am Ende kam es halt dann doch raus. Spätestens dann, wenn es zum Beispiel in der Schule um Weihnachten ging oder wir in den jüdischen Religionsunterricht gingen, statt in den katholischen oder evangelischen.
Was ist das prägnanteste Beispiel für Antisemitismus, das ihr erlebt habt?
Rebecca: Das war in der Schule. Nachdem wir nicht in den regulären Religionsunterricht gegangen sind, wollten einige Schüler nicht mehr mit uns reden. Die Lehrerin ließ uns alle in einem Stuhlkreis sitzen und fragte die Schüler, wieso sie nicht mit uns reden. Eine Mitschülerin meldete sich und sagt: „Weil das Juden sind“.
Myriam: Ja, das fand ich auch krass. Vor allem fand das statt, nachdem unsere Eltern eine Anti-Mobbing-Vereinbarung in der Schule einbrachten, die jeder Schüler persönlich unterschreiben musste, dass meine Schwester und ich nicht mehr gehänselt werden. Soweit ist man halt gekommen, weil es einfach nicht aufgehört hat. Und natürlich gab es dann auch ein paar Eltern, die gesagt haben: Ja, die sind ja selber Schuld. Es gibt immer einen der mobbt, und einen der sich mobben lässt. Sie können ja auch einfach Konter geben. Das war aus unserer Sicht nicht möglich.
Rebecca: Unsere Mutter erinnert uns, immer wenn wir sie treffen, an diesen Vorfall. Da kommen die Erinnerungen wieder hoch, obwohl ich das etwas verdrängt habe.
Myriam: Ja, was mich halt jetzt im Erwachsenenleben am meisten prägt, ist eben diese dieser Antisemitismus von links. Weil in der Branche, in der ich arbeite, da bin ich relativ naiv reingegangen. Ich wollte einfach nur als Künstlerin Grafikdesign studieren. Ich wollte dann als Künstlerin finanziell unabhängig sein. Bei mir gab es diesen Vorfall, dass ich in Berlin in einem Tattoostudio gearbeitet habe und der eine Kollege mir vorgeworfen hat, Teil der jüdischen Finanzelite zu sein. Ich sei schuld an der Maskenpflicht und sei Teil irgenwelcher Gruppierungen. Dann wurde ich ein paar Tage später ohne weitere Gründe gefeuert und das fand ich damals schon krass.
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Und was ist das Brutalste, den ihr erlebt haben?
Rebecca und Myriam: Wir wurden, als wir noch in der Pfalz auf dem Land lebten, von Nachbarskindern mit einem Messer bedroht. Sie sagten zu uns: „Wir dürfen nicht mit euch spielen, ihr Juden, haut ab!“
Was glaubt ihr, ist die Ursache für diesen Hass?
Myriam: Das kommt daher, weil die Leute nichts über uns Juden wissen. Niemand weiß was über uns, keiner kennt unsere Bräuche, keiner kennt unsere Tradition. Die Juden sind so sehr in Deutschland in der Minderheit und tendieren immer noch dazu, sich selbst zu verstecken. Aus Angst, aus was weiß ich für Gründen, aus persönlichen Gründen, sodass das Jüdischsein zu so einer Art Mythos geworden ist. Und jeder, der Jude ist, zu einem Paradiesvogel geworden ist. Und das finde ich ehrlich gesagt ein bisschen schade, dass halt immer, wenn das Thema Judentum irgendwo in der Öffentlichkeit aufkommt, es immer sofort um Antisemitismus geht, anstatt um den Inhalt unseres Glaubens.
Rebecca: Ja, ich schließe mich da auch an, aber ich muss auch noch sagen, dass das immer sehr viele Übertreibungen sind, zusammen mit Neid. Mir wurde auch schon gesagt: „Ihr seid die Finanzelite, ihr Juden, ihr seid alle reich und ihr seid so reich, weil ihr uns alles wegnehmt.“

Was glaubt ihr, ist die größte Gefahr für die jüdische Diaspora in Deutschland? Aus welcher Ecke kommt der gefährlichste Antisemitismus? Dass der Antisemitismus überall ist, darüber müssen wir nicht streiten. Aber was ist eurer Meinung nach der gefährlichste?
Myriam: Ich glaube, die Gefahr besteht einfach im versammelten Kollektiv, weil ich denke, dass es heutzutage eine Modeerscheinung gibt, der man sich ganz gerne anschließt. Dazu gehört einfach ohne Frage die Israelfeindlichkeit. Ob die Meinung nun von links oder von gläubigen Muslimen kommt, halte ich für gleich gefährlich, es ist eigentlich fifty-fifty. Das sage ich, weil ich es auch von meinen eher links eingestellten Freunden oder Bekannten kenne, die meine persönliche Meinung aus Angst nicht kennen.
Ich habe selbst Angst, meine Gedanken preiszugeben. Diese Freunde haben jedoch immer betont, dass Palästina unbedingt befreit werden muss und sie setzen sich dafür ein. Sie nehmen sogar an Demonstrationen teil, weil sie glauben, dass es eine unterdrückte Minderheit gibt, für die wir etwas tun müssen. Dabei sind viele von denen Amerikaner und noch weiter vom Nahostkonflikt entfernt als die Deutschen.
Rebecca: Ich schließe mich dem an, habe aber in meinem Umfeld mit solchen Leuten nichts zu tun.
Wie könnte man eurer Meinung nach gegen Antisemitismus vorgehen?
Rebecca: Die Leute sind halt einfach nicht aufgeklärt und übernehmen irgendwelche populären Meinungen.
Myriam: In New York gab es viele kleine Chabad-Häuser in der ganzen Stadt. Bei uns war es so, dass alle Mitglieder, insbesondere die Ultraorthodoxen, nicht missioniert haben, das machen wir Juden ja nicht, sondern einfach junge Leute und normale Passanten gefragt haben, ob sie Juden sind. Diejenigen, die es waren, wurden dann zu Treffen eingeladen. Ich glaube, in unserem modernen Leben leben wir Juden alle in unserer eigenen kleinen Diaspora. Ich kenne niemanden, der noch Gemeindemitglied ist oder das wirklich so praktiziert, wie zu meiner Zeit in den USA. Ich finde, wenn wir junge jüdische Bürger irgendwie versammeln könnten, damit sie sich untereinander austauschen könnten, wäre das vielleicht hilfreich.
Wie fühlen ihr euch, wenn Politiker vom Kampf gegen Diskriminierung sprechen, aber nichts passiert?
Myriam: Das wirkt immer wie eine reine Pflicht-Aktion. Das hat man ja auch gesehen. Ich meine... Claudia Roth beim Jewrovision, das fand ich äußerst unterhaltsam. Ihre Rede war auch einfach sowas von daneben. Also der Inhalt davon war irgendwie überhaupt nicht da. Sie wollte einfach mit allen Mitteln, auf Teufel komm raus, ganz modern und ganz bunt wirken.
Rebecca: Aber darum ging es ja gar nicht. Sie hat das schon eher in eine Richtung gedrängt, in die die Veranstaltung nicht hingehört.

Claudia Roth sprach auch auf dem Jewrovision
Vielleicht hatte sie nicht so viel Zeit für die Rede, weil sie am Tag davor noch im Iran unterwegs war oder wieder Documenta war.
(Rebecca, Myriam und Ich lachen)
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Glaubt ihr, der deutsche Staat hat wirkliches Interesse, gegen Antisemitismus vorzugehen? Gibt es da ehrliche Bestrebungen oder ist das nur eine Show der Toleranz?
Rebecca: Ich glaube, dass der Antisemitismus nicht so wirklich gesehen wird. Der Mann, der kürzlich in Berlin zusammengeschlagen wurde, war israelischer Tourist. Es war ja kein Deutscher, wird es nun heißen. Man findet im Grunde immer eine Ausrede, wieso der Antisemitismus nicht relevant ist. In den Kommentaren unter Social-Media-Posts über antisemitische Vorfälle heißt es ja immer: „Haben wir nicht wichtigere Themen?“
Myriam: Es gab ja auch dieses eine Buch, das kam vor zwei Jahren raus: „und die Juden“ von David Baddiel. Da war auch ein Zitat von Sarah Silverman dabei, wo sie gemeint hat: „Falls du glaubst, du wärst kein Rassist, dann bitte lies dieses Buch“. Da hat er geschildert, er ist Brite, dass es in Großbritannien wenig bis gar keine Juden in der Medienlandschaft geben würde. Er äußerte die Meinung, dass Juden als Minderheit oft vernachlässigt werden und der Antisemitismus in den Medien nicht wahrgenommen wird.
Dies liegt seiner Meinung nach daran, dass viele Menschen denken, dass Juden reich sind und daher keine arme Minderheit sein können. Wenn sie Geld haben und sich selbst helfen können, fragen sich viele, warum sie ihnen helfen sollten oder warum sie ihnen überhaupt helfen müssen. Denn alles liegt in ihren Händen, und sie haben sowieso die Zügel in der Hand. Und ich meine dieses Vorurteil, dass wir die großen Hinterleute und Strippenzieher sind, basiert einfach immer noch auf diesen beständigen Vorurteilen, die einfach nicht auszumerzen sind.
Denkt ihr manchmal daran auszuwandern?
Rebecca: Ich überlege manchmal zu unserer Mutter zu ziehen. Die wohnt in Spanien und da verwalte ich auch Immobilien. Das heißt, ich muss eh ständig hin und her fliegen, und hatte auch schon mal die Idee dort hin zu ziehen. Ansonsten in die USA, da wo Mira gewohnt hat.
Myriam: Ich bin mir nicht sicher, wohin ich gehen sollte, denn ich habe mir hier in München einiges aufgebaut. Das bedeutet nicht, dass ich unbedingt hier bleiben muss, aber ich weiß es nicht. Die USA wäre für mich immer eine Option.
Meine letzte Frage an euch: Was wollt ihr unseren jüdischen Lesern mitgeben?
Myriam und Rebecca: Versteckt euch nicht!
Danke
Amir Makatov
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