Keiner weiß, warum: Zahl der Krebs-Erkrankungen in der Schweiz hat sich verdoppelt
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In der Schweiz hat es im Jahr 2021 circa doppelt so viele Krebsfälle wie in den Jahren zuvor gegeben. Zu diesem Ergebnis kam Konstantin Beck, Gesundheitsökonom an der Universität Luzern. NIUS fragte bei deutschen Krankenkassen nach. Antwort: Ihre Daten passen nicht zu den Schweizer Zahlen. Es tun sich mehr Fragen auf als abschließende, befriediegende Antworten gegeben werden können.
Prof. Dr. Konstantin Beck von der Universität Luzern bezieht sich auf den Arzneimittelreport 2022 der Schweizer Krankenkasse Helsana, den er in einer Video-Präsentation auswertete. Demnach war die Anzahl derer, die Krebsmedikamente beziehen, seit 2016 tendenziell rückläufig. Von 2020 auf 2021 kam es dann aber zu einem sprunghaften Anstieg von etwa 88.000 auf 152.000 Personen, im Jahr 2022 sind es 154.000. Die Seite Transition-News berichtete hierüber zuerst.
Beck hat die Daten in einer Tabelle dargestellt:

Screenshot: Von 2020 auf 2021 fast 64.000 zusätzliche Bezieher von Krebsmedikamenten.

Screenshot: Der Anstieg von 2020 auf 2021 beziffert sich auf 73 Prozent. (Der Begriff „Bezüger“ ist der schweizerische Ausdruck für Bezieher. Anm. d. Red.)
Der Helsana-Arzneimittelbericht wird in Kooperation mit dem Universitätsspital Basel (USB) und dem Institut für Pharmazeutische Medizin (ECPM) der Universität Basel erstellt. Er verschafft „authentische Einblicke in die Arzneimittelversorgung in der Schweiz“, so die Krankenkasse Helsana auf ihrer Webseite.
Deutsche Daten entsprechen nicht Schweizer Zahlen
NIUS fragte deutsche Krankenkassen an, ob ihre Daten ebenfalls einen sprunghaften Anstieg zeigen. Vorweg: Den Antworten von AOK, BARMER und DAK lässt sich ein derart starker Anstieg nicht entnehmen.
Die AOK gibt an, wie viele Personen Medikamente gegen bösartige Tumore, sogenannte „antineoplastische Mittel“, verordnet bekamen. Von 2017 bis 2022 sehen wir einen gleichmäßigen Anstieg.

Die E-Mail-Antwort der AOK beinhaltete diese Tabelle. Hier zeigen sich keine Außergewöhnlichkeiten.
BARMER verwies auf den hauseigenen Bericht. Demzufolge hat die Anzahl der Versicherten, denen Krebsmedikamente verordnet wurden, über die letzten Jahre hinweg kontinuierlich zugenommen. NIUS dokumentiert die Antwort vollständig:
„Die derzeit verfügbaren Daten zu diesem Thema finden Sie für die BARMER im Arzneimittelreport 2023. Dort wird ab Seite 51 die Ausgabenentwicklung bei Onkologika [Krebsmedikamente, Anm. d. Red.] in den Jahren 2018 bis 2022 in den Blick genommen. Für den ambulanten Bereich der Versorgung ergibt sich danach ein Anstieg der Zahl betroffener Versicherter um 6,3 Prozent. Jede weitergehende Analyse zur Anzahl von Krebserkrankungen muss in wissenschaftlicher Hinsicht allerdings insbesondere auch mit einer Betrachtung der Verbesserungen von Diagnostik und Therapie einhergehen. Hierauf sei der Vollständigkeit halber hingewiesen.“
Auch die DAK verwies auf eine relative Konstanz bei den finanziellen Ausgaben für Krebsmedikamente. Außerdem würden die Zahlen nur „bedingt Rückschlüsse auf das tatsächliche Krankheitsgeschehen“ zulassen.

E-Mail-Antwort der DAK: Rückschlüsse auf tatsächliches Krankheitsgeschehen „nur bedingt“ zulässig.
Ungeklärte Fragen zu den Schweizer Daten
Kommen wir damit zurück zur Schweiz. Der Anlass für Gesundheitsökonom Konstantin Beck, sich die Helsana-Krankenkassen-Daten anzuschauen, bestand in Unstimmigkeiten und Merkwürdigkeiten bei einer anderen Quelle: dem Schweizer Bundesamt für Statistik (BfS). Dieses hatte am 3. November 2023 Daten zur Krankheitssituation in der Schweiz veröffentlicht – die es wenige Tage später korrigierte.
Was war passiert? Zunächst wurden Daten veröffentlicht, die einen immensen Anstieg der Krebspatienten von 2017 auf 2022 (um den Faktor 4-5) verkündeten. Zurückgenommen wurden sie, weil sie auf einem falschen Vergleich beruhten, so das Schweizer Bundesamt für Statistik. Konstantin Beck fragte nach und erfuhr: Die Zahl von 2022 wurde anders erhoben als die früheren, wofür es besondere Gründe gebe (Näheres siehe in seinem Video).
Beck findet hieran mehrere Dinge problematisch. Erstens: Der Grund für die Korrektur hätte vom Schweizer Bundesamt für Statistik klar kommuniziert und erklärt werden müssen. Zweitens: Ausgerechnet in dieser brisanten Angelegenheit die Vergleichbarkeit der Zahlen zu sabotieren, schaffe kein Vertrauen. Schließlich, so Beck, erwarten doch die Impfskeptiker, dass sich in den Krebszahlen negative Auswirkungen der Corona-Impfungen statistisch zeigen könnten. Drittens: Wie es nun tatsächlich um die Zu- oder Abnahme der Krebserkrankungen stehe, wissen wir nun nicht.

Gesundheitsökonom Konstantin Beck stellt Fragen.
Das Thema „Turbokrebs nach Corona-Impfung“ war Gegenstand öffentlicher Diskussion. Ein inzwischen gelöschter Artikel mit Erfahrungen von Ärzten, veröffentlicht in der Magdeburger Volksstimme, findet sich auf Prof. Dr. Homburgs X-Profil. Er sei dem Leser zur Kenntnis empfohlen.
Es bleiben mehr Fragen offen als Antworten gegeben werden können. Weder beweisen die Antworten der deutschen Krankenkassen, dass die Schweizer Daten falsch sind, noch bekräftigen sie die Schweizer Zahlen. Es verbleibt ein brisantes Thema, das weiterer öffentlicher Diskussion bedarf.
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Felix Perrefort
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