Kirchentag in Nürnberg: Jesus im Schatten des ideologischen Angriffskrieges
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- Der Kirchentag 2023 findet in Nürnberg statt.
- Er verfehlt seinen Zweck, sagt ein Nürnberger.
- Ein subjektiver Erfahrungsbericht.
Heute beginnt hier in Nürnberg der Deutsche Evangelische Kirchentag 2023 und glücklicherweise hatte ich meine Flucht aus der Stadt bereits vor Monaten geplant.
Zunächst möchte ich klarstellen, dass ich dem christlichen Glauben oder der protestantischen Kirche gegenüber nichts Böses im Sinn habe. Außerdem glaube ich, dass gläubige Menschen von Natur aus die besseren Menschen sind. Ich meine aber nicht die Heuchler, die eine Fassade aufsetzen und Religion als Mittel zum Zweck sehen, sondern diejenigen, die Werte wie Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit wirklich leben. Die Frage ist natürlich, ob letztere überhaupt noch existieren.
In der offiziellen Programmübersicht des Deutschen Evangelischen Kirchentags, der vom 7. bis zum 11. Juni in Nürnberg und Fürth stattfindet, taucht der Begriff „queer“ fünfmal auf, während der Name „Jesus“ nur viermal vorkommt, und das auch nur im Vorwort. Die Veranstaltungsübersicht umfasst diverse Events zu Trans-, Queer- und Nachhaltigkeitsthemen sowie Podiumsdiskussionen zu Rassismus, Fake News, feministischer Außenpolitik und zivilcouragierten Protestformen. Ähnlich verwundert war ich vor etwa zwanzig Jahren, als unsere örtliche McDonald's-Filiale plötzlich begann, Salate zu verkaufen.
Who's who der Politik
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzler Olaf Scholz und Außenministerin Annalena Baerbock werden ebenso ihre Reden schwingen wie der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck, Wirtschaftsminister Robert Habeck, CDU-Chef Friedrich Merz, Arbeitsminister Hubertus Heil, die Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang, die ehemalige Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, Renate Künast und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. Warum treten so viele Politiker auf einer kirchlichen Veranstaltung auf? Klar, die CDU steht für christliche Werte, aber was haben Cum-ex-Olaf und „Wir haben kein Stromproblem"-Ricarda dort zu suchen?“

Wäre es nicht bewegend, wenn während Olaf Scholz' Rede ein göttliches Licht auf der Bühne erstrahlen und er sich plötzlich an alle die Details erinnern würde, die ihm während seiner Befragung im Cum-ex-Ausschuss partout nicht einfallen wollten? Genauso cool fände ich es, wenn unser Wirtschaftsminister Wärmepumpen mit der Liebe Gottes vergleichen würde. „Wer an die Kraft der göttlichen Wärmepumpe glaubt und fossile Energiequellen zum Teufel schickt, muss den Kältetod nicht fürchten!“
Höchstwahrscheinlich ist das Event für Politiker nur deshalb interessant, weil dort über 100.000 leichtgläubige Trottel auf einem Haufen versammelt sind.
Ein paar Tage als Vertriebener
Warum werden Themen wie Hunger oder Armut im Programm so stiefmütterlich behandelt? Wieso fühlt sich eine Veranstaltung, die sich mit Glauben und Spiritualität beschäftigen sollte, eher wie eine mehrtägige Marketing-Konferenz an, die ihre Besucher mit leeren Worthülsen perforiert? Neben all dem Bullshit wirken Programmpunkte wie „Neue Wege in der Nachwuchsgewinnung für Posaunenchöre“ beinahe verlockend. Ich bin mir bewusst, dass die evangelische Kirche mit diesem Mega-Event lediglich versucht, sich modern und weltoffen zu präsentieren. Dagegen ist im Grunde nichts einzuwenden, aber vielleicht würde es nicht schaden, Spiritualität nicht so sehr mit Politik und Ideologie zu vermischen. Betrachte ich das Ganze vielleicht zu engstirnig?
Ich werde der Metropolregion jedenfalls für ein paar Tage den Rücken kehren, um mich im fränkischen Umland herumzutreiben. Dabei würde es mich durchaus interessieren, wie die Kirchenoberhäupter gedenken, dem eigenen Bedeutungsverlust entgegenzuwirken und dem demografischen Wandel zu begegnen. Die evangelische Kirche ist nicht die Einzige, die seit Jahren mit diesem Problem konfrontiert ist und es daher mit höchster Priorität behandeln sollte. Ein Blick aufs offizielle Programm erweckt eher den Eindruck, dass man sich lieber auf Nebenschauplätzen herumtreibt, um sich nicht mit den Kernproblemen zu beschäftigen. Irgendwie passt es also, dass so viele Regierungsvertreter anwesend sind.
Ahmet Iscitürk
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