Lazarett Deutschland – Warum ist das Land so krank wie nie?
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Deutschland ist im Krankenstand – das merkt nicht nur jeder im Alltag, wenn Kollegen im Büro fehlen oder Freunde und Familienmitglieder kurzfristig Treffen absagen. Auch die Daten zeigen, dass der Krankenstand so hoch ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Dabei hat die eigentliche Grippe-Zeit noch gar nicht begonnen.
Aktuell explodiert die Zahl der Atemwegserkrankungen: Während bei Kindern und Jugendlichen Rhinoviren dominieren, sind es bei Erwachsenen ebenfalls Rhinoviren und noch stärker Corona. 7,1 Millionen Menschen in Deutschland machen derzeit Atemwegserkrankungen zu schaffen, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) mitteilt.
Das sind über 30 Prozent mehr Menschen als im Vorjahr, obwohl bereits 2022 eine besonders schwere Welle an Atemwegserkrankungen durch Deutschland rollte. Es sind sogar mehr als während der Corona-Pandemie. Waren im vergangenen Jahr rund 6000 von 100.000 Menschen erkrankt, sind es heute bereits 8500.

Die dicke rote Kurve zeigt: 2023 liegt bereits jetzt weit über den Vorjahren, zudem beginnt die Welle der Atemwegserkrankungen auffällig früh.
Das reiht sich ein in ein „krankes Jahr 2023“, denn auch im ersten Halbjahr 2023 war die Krankheitsquote mit 99 Fällen unter 100 Beschäftigten bereits rekordverdächtig hoch.
Nachgeholte Erkrankungen
Ein Grund dafür: die radikalen Corona-Schutzmaßnahmen während der Pandemie, die Menschen von sämtlichen anderen Erkrankungen abgeschirmt haben.
So erklärte es jedenfalls der Immunologe Prof. Andreas Radbruch, Leiter der Arbeitsgruppe Zellbiologie am Deutschen Rheuma-Forschungszentrum Berlin: „Zusammenfassend könnte man sagen: Wir holen an Erkrankungen nach, was wir während der Corona-Krise versäumt haben – das ist die logische Folge, wenn man versucht, eine Bevölkerung steril leben zu lassen“, so Radbruch vor einigen Wochen zu NIUS.

Prof. Andreas Radbruch sieht Nachholeffekte wegen der Corona-Maßnahmen.
Grund: untrainiertes Immunsystem
Fehlen würde die sogenannte „Schleimhaut-Immunität“: Das ist die Fähigkeit des Körpers, mit Antikörpern in Nase oder Rachen Infektionen gar nicht erst ausbrechen zu lassen – und diese natürliche Barriere sei durch die Corona-Maßnahmen gestört. Der Immunologe erklärt weiter: „Es gibt zwei Rezeptoren, den Poly-Ig-Rezeptor und den Neonatalen Fc-Rezeptor, die die Antikörper aus dem Blut sozusagen an die Körperaußenseite in die Schleimhäute verfrachten – als Schutz vor Erkrankung, sobald Viren an die Zellen andocken. Diese Rezeptoren müssen aber regelmäßig beansprucht werden, also mit Viren in Kontakt geraten, um gut zu funktionieren. Unser Immunsystem muss sozusagen trainieren.“
Radbruch erklärt, dass während der Corona-Pandemie mit all den Hygiene-Maßnahmen und Kontaktbeschränkungen viel weniger Virus-Exposition und somit weniger „Trainigs-Möglichkeit“ bestand. Deutschland holt also Erkrankungen nach, die durch die Corona-Maßnahmen aufgeschoben, aber nicht aufgehoben wurden.
Beruhigend: Es sind zwar viele Menschen krank, aber wenige schwer krank. Weiterhin haben ältere Menschen das größte Risiko.

1,4 Millionen Menschen waren laut RKI vergangene Woche beim Arzt.
Im Krankenhaus „ist die Zahl schwerer akuter respiratorischer Infektionen (SARI) in der 43. KW 2023 im Vergleich zur Vorwoche zwar leicht gesunken“, heißt es im RKI-Wochenbericht. Der Trend zeige insgesamt aber leicht nach oben.
Das bestätigt auch Dr. Markus Beier, Chef des Hausärzteverbandes: „Die Zahl der Atemwegserkrankungen bewegt sich auf einem hohen Niveau. Wir haben es aktuell insbesondere mit klassischen Erkältungskrankheiten und Corona-Infektionen zu tun. Die Verläufe sind, bis auf wenige Ausnahmen, glücklicherweise eher mild“, sagte er Bild.
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