Manager-Legende über deutsche Wirtschaft: „Wir müssen seit langem eine innovationsfeindliche Politik ertragen“
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Kurt Lauk ist ein Mann, der auf beiden Seiten in Politik und Wirtschaft bewiesen hat, dass er es kann. Die Manager-Legende war Vorstandsmitglied in mehreren Energieunternehmen, unter anderem bei der VEBA (heute E.ON). Er war Vorstandsmitglied bei Daimler und bei Audi, und er sagt: Das Verbrenner-Aus ist der Sargnagel für die deutsche Automobilindustrie.
Im NIUS-Interview fällt seine Prognose für die deutsche Gesamtwirtschaft nicht rosig aus. Doch er gibt auch Hoffnung, wenn die Politik sofort handelt.
NIUS: Herr Lauk, der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt voraus, dass die Wirtschaft in Deutschland in diesem Jahr um 0,3 Prozent schrumpfen wird. Sind Sie auch so pessimistisch?
Der IWF ist mit seinen Prognosen in aller Regel sehr treffsicher. Das heißt: Das ist mehr als eine vage Vorhersage. Die deutsche Wirtschaft wird schrumpfen. Eine dramatische Entwicklung!

„Deutschland baut ganz konsequent seine eigenen Wettbewerbsvorteile ab“, sagt Kurt Lauk.
Wir haben damit die rote Laterne unter den großen Wirtschaftsnationen der Welt. Wie konnte es so weit kommen?
Wir haben uns die rote Laterne doch selbst umgehängt! Und es ist kein Wunder, warum es so weit gekommen ist mit uns. Deutschland baut ganz konsequent seine eigenen Wettbewerbsvorteile ab. Die Automobilindustrie ist ein trauriges Beispiel dafür. Sie muss ihren hart erarbeitenden technologischen Vorsprung beim hochmodernen Verbrennermotor aus ideologischen Gründen aufgegeben. Stattdessen wird der chinesische Antrieb auf Anweisung von Brüssel zum Standard gemacht. Wir müssen vor allem auf Lithium-Batterieantrieb umstellen. Hier hat China einen Weltmarktanteil von circa 80 Prozent. Das ist absoluter Irrsinn!

Kurt Lauk war bis 2015 Präsident des Wirtschaftsrates der CDU.
Welche Gründe sehen Sie noch?
Wir müssen seit langem eine innovationsfeindliche Politik ertragen. Wir hatten einen einzigartigen Vorsprung bei der Entwicklung und dem Betrieb von sicheren Kernkraftwerken. Was machen wir? Steigen aus, schalten ab. Jetzt sollen wir elektrische Fahrzeuge mit Kohlestrom aufladen. Dümmer geht es nicht. Der Umwelt und dem Klima ist damit nicht geholfen.
Und die Energiepreise steigen noch dazu…
Ja, klar. Wenn man Energie verknappt, darf man sich nicht wundern, wenn sie teurer wird. Aber das ist ja genau das, was die Grünen wollen. Sie haben es immer angekündigt. Jetzt setzen sie es um. Aus deren Sicht ist es konsequent. Aus Sicht unseres Landes ist es verheerend.
Wenn es um die Gründe geht, verweist die Regierung immer gerne auf andere, vor allem auf den Krieg Russlands gegen die Ukraine. Stimmt die Diagnose?
Die Ampel macht es sich viel zu leicht, wenn sie bei diesem wirtschaftlichen Abstieg auf den Ukraine-Krieg verweist. Der Krieg ist sicherlich eine volkswirtschaftliche Belastung. Aber er ist nicht der Grund für unsere rote Laterne. Unsere Probleme sind hausgemacht! Die Innovationsfeindlichkeit steht da an erster Stelle.
Was waren die drei fatalsten Fehler der letzten Jahre?
Der fatalste Fehler in der Vergangenheit, der bis heute nachhält, ist die historisch falsche Energiepolitik. Sie führt zur Abwanderung der energieintensiveren Unternehmen. Dieser Exodus hat längst begonnen. Und die Regierung ignoriert das einfach. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass es in Berlin die Einstellung gibt: „Na, dann geht doch!“ Klar, das kann man machen. Aber damit verstoßen alle Minister gegen ihren Amtseid – vorneweg der Bundeskanzler.
Schaden vom deutschen Volks abzuwenden…
Genauso ist es. Ein weiterer Fehler ist, dass die Politik das Thema Migration und Integration von Geflüchteten nicht in den Griff bekommt. Die Parteien scheuen sich, die daraus entstehenden Probleme ernst zu nehmen und Lösungen zu finden. Die Bevölkerung reagiert mit der Angst vor dem Verlust ihrer eigenen Identität, dem Lebensgefühl in Dörfern und Städten. Sie verbindet das mit der Sorge von wirtschaftlichem und sozialem Abstieg.
Ist diese Sorge denn berechtigt?
Natürlich ist sie das. Die ungesteuerte Zuwanderung in diesem Ausmaß belastet unsere sozialen Netzwerke in fataler Weise. Und genau das führt zum nächsten Fehler. Die Sozialsysteme müssen finanziert werden. Deshalb hat die Politik Deutschland in ein Hochsteuerland verwandelt mit entsprechenden negativen Konsequenzen für die Attraktivität des Standortes.
Sie investieren selbst in Firmen und sind viel im Ausland unterwegs, insbesondere in der USA und in Asien. Wie schauen Politiker und Unternehmensführer in den dortigen Ländern heute auf Deutschland?
Die New York Times hat vor einiger Zeit festgestellt, dass die dümmste Energiepolitik von Deutschland betrieben wird. Europa hat als Standort massiv verloren, die überbordende Bürokratie macht es keinem ausländischen Unternehmer attraktiv, in Europa und dort insbesondere in Deutschland zu investieren. Viele Investoren stellen fest, dass man in anderen Ländern leichter und schneller Geld verdienen kann als in Deutschland. Deutschland ist dabei, seinen Nimbus als führenden Industriestandort zu verspielen.
Was machen Länder wie die USA und China besser als wir?
China plant strategisch langfristig. Mir hat vor einiger Zeit ein führender Manager von BYD (Chinesischer Autohersteller, Anm.d.Red) gesagt, dass China den Vorsprung von Deutschland beim Verbrennermotor nicht aufholen kann. Deutschland hat hier einen Erfahrungsvorsprung von 125 Jahren. Deshalb wird China, so sagte mir dies der Manger, auf einen neuen Antrieb setzen: den Batterieantrieb. Er sagte wörtlich: „Damit werden wir euch rechts überholen.“ Daraufhin hat die Europäische Kommission entschieden, den chinesischen Anrieb zu übernehmen, offenbar mit der Absicht uns ebenfalls rechts zu überholen. Die Konsequenz sehen wir nun. Chinesische Automobilanbieter beginnen die unteren Segmente des Automobilmarktes in Europa mit ihren eigenen Fahrzeugen, die mittlerweile recht gut geworden sind, zu attackieren.

Laut ADAC-Test mit Gesamtnote „gut“: Das chinesische E-Auto BYD Atto 3
Und die USA?
Die USA machen eine erfolgreiche Klimapolitik. Sie setzen steuerliche Anreize für Unternehmen, die CO2 effizienter investieren. Hinzu kommt, dass die USA in der Energiepolitik auf Technologieoffenheit baut. Sie holen hier Gasreserven durch Fracking. Wir in Deutschland verbieten das. Kaufen dann aber deren Gas ein. Außerdem setzen die USA weiter auf Innovation, insbesondere im grünen und roten gentechnischen Bereich wie auch im Datenmanagement.
Viele Unternehmen sagen, sie überlegen sich, aus Deutschland auszuwandern. Sind das leere Drohungen? Oder ist das ernst gemeint?
In den letzten 60 Jahren haben noch nie so viele Unternehmen überlegt, wie man am besten aus Deutschland wegkommt. Die Wegzugssteuer, die im Wesentlichen übrigens noch aus der Nazi-Zeit stammt, ist noch eine gewisse Hürde. Sie kann aber keinen deutschen Unternehmer daran hindern, ein neues Geschäftsfeld außerhalb Deutschlands aufzubauen.
Was muss gegen den Niedergang unserer Wirtschaft getan werden? Wie müsste ein Sofortprogramm aussehen?
Erstens: Wir müssen alle technologischen Schleusen öffnen. Wir sind ein Land der Ingenieure und Wissenschaftlern. Innovationen müssen zugelassen und nicht durch Bürokratie erstickt werden. Zweitens: Brüssel muss einen Stopp bei Regulierungen und Direktiven verkünden! Im Moment hängen zwischen Kommission und Parlament sage und schreibe noch über 200 weitere Regulierungsvorschläge und Direktiven, die eingeführt werden sollen. Sie müssen sofort gestoppt werden. Drittens: Alle verfügbaren Möglichkeiten der Energieerzeugung müssen genutzt werden. Hier darf es kein Tabu geben. Viertens: In der Steuerpolitik müssen wir eine radikale Wendung vollziehen. Leistung muss über das Steuersystem belohnt werden.
Was erwarten Deutschlands Top-Manager von der Regierung?
Der wichtigste Punkt ist eine Abkehr von der ideologiebasierten Politik. Fakten und klare Analysen müssen wieder Grundlage der Politik werden. Dies trifft auf die außer Kontrolle geratene Migration zu. Wir brauchen gut ausgebildete, motivierte Arbeitskräfte statt einer nicht enden wollenden Eiwanderung in die Sozialsysteme. Das trifft genauso auf das Zulassen von Innovationen zu, die nicht mehr durch Bürokratie und Regulierungen im Ansatz erstickt werden. Wenn die Politik das schnell begreift und handelt, kann Deutschlands Abstieg noch aufgehalten werden.
Redaktion
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