„NEET“-Trend: Nichtstuer-Jugend von heute oder verlorene Generation von morgen?
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Ein Trend namens „NEET“ erfreut sich unter jungen Menschen zunehmender Beliebtheit. Das Akronym steht für „Not in Education, Employment or Training“ oder um es in der Sprache der erwerbstätigen Bevölkerung auszudrücken: „Nichtstun“.
Im Jahr 2022 hat die europäische Statistikbehörde Eurostat in Deutschland über 564.000 Personen zwischen 15 und 29 Jahren erfasst, die weder eine Schule besuchen, noch einer beruflichen Tätigkeit nachgehen oder eine Ausbildung absolvieren. Das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl von Dresden, Bremen oder Hannover – und das in einer Zeit, in der Unternehmen verzweifelt nach Arbeitskräften suchen. Laut dem Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) blieben im Jahr 2022 rechnerisch über 630.000 offene Stellen unbesetzt, weil keine ausreichend qualifizierten Arbeitssuchenden zur Verfügung standen.
Gemäß Eurostat betrug die Neet-Quote in Deutschland im Jahr 2022 etwa 6,8 Prozent. Der EU-weite Anteil lag sogar bei 11,7 Prozent. Das Interessante an sogenannten „NEETs“: Man kann sie nicht so einfach in eine Schublade stecken. Sie sind ein buntes Kaleidoskop aus jungen Menschen, die sich in unterschiedlichen Lebenssituationen befinden. Einige von ihnen gleiten sorglos durch eine Phase der Orientierung, finanziell abgesichert durch das Vermögen ihrer Eltern. Wahrscheinlich frönen sie dem süßen Nichtstun, weil ihre finanziellen Mittel es zulassen und sie von einem Überfluss an Möglichkeiten geradezu überwältigt sind.
Das andere Extrem sind junge Menschen, die aufgrund eines niedrigen Bildungsstands und den damit verbundenen begrenzten Zukunftsperspektiven beim Übergang in die Arbeitswelt scheitern. Interessanterweise zeigt sich die europäische NEET-Quote bei Personen mit niedrigem Bildungsniveau mit 13,6 Prozent am höchsten, gefolgt von 12,0 Prozent bei Personen mit mittlerem Bildungsniveau und 8,0 Prozent bei Personen mit hohem Bildungsniveau.
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Keine Perspektive. Keine Böcke.
Der Berufsbildungsbericht 2023 des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) fällt auch nicht rosiger aus: „Dramatisch ist der Anstieg von jungen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren ohne Berufsabschluss um 2,3 Prozentpunkte. Erstmals liegt deren Zahl damit bei deutlich über 2,5 Millionen.“ Eine besorgniserregende Entwicklung, doch die Wurzeln des Problems reichen viel tiefer, denn jährlich verlassen etwa 50.000 Jugendliche in Deutschland die Schule ohne Abschluss. Unter Ausländern ist die Zahl doppelt so hoch ist wie unter ihren deutschen Altersgenossen.
Letztlich sind NEETs kein Problem, sondern vielmehr ein Symptom. Es scheint, als ob Überprivilegierte in einem Meer von Möglichkeiten ertrinken und sich lieber treiben lassen, anstatt sich zu entscheiden. „Ich reise jetzt erst mal 18 Monate durch Asien und danach mache ich irgendwas mit Film“, ließ mich die Tochter eines Kollegen kürzlich wissen. Das andere Extrem sind Unterprivilegierte, die sich abgehängt und perspektivlos fühlen. Offen gestanden, würde ich auch lieber auf Staatskosten faulenzen, anstatt für einen Hungerlohn Amazon-Pakete auszuliefern.

Für viele scheint es lukrativer auf Staatskosten zu faulenzen als für einen Hungerlohn Amazon-Pakete auszuliefern.
Irgendwann falsch abgebogen
Die Menschheit scheint vor einigen Jahren an der Kreuzung zwischen „Die Vorzüge einer antiautoritären Erziehung“ und „Die Fallstricke der Leistungsgesellschaft“ falsch abgebogen zu sein. Wir haben uns verirrt in einem Netz aus Selbstverwirklichung und übertriebener Fürsorge, und jetzt sitzen wir fest, mit einer Generation auf dem Rücksitz, die fragt: „Sind wir schon da?“ Dummerweise können wir ihre Frage nicht beantworten, da auch wir nicht wissen, wohin die Reise führt.
Möglicherweise liegt es daran, dass wir unseren Kindern ständig eingetrichtert haben, dass sie alles erreichen können, was sie sich wünschen, ohne ihnen zu erklären, dass dies auch eine gewisse Eigeninitiative erfordert. Es ist, als hätten wir ihnen den Schlüssel zur Welt überreicht, aber vergessen, ihnen zu zeigen, wie man eine Tür öffnet. Doch vielleicht verspüren sie gar keine Lust, die Tür zu öffnen? Warum sollten sie sich die Mühe machen, den Raum zu verlassen, wenn sie stattdessen auf der Couch liegen und den ganzen Tag Netflix schauen können?
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Ahmet Iscitürk
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