Ungereimtheiten bei Polizeidaten: Warum die Anzahl der Messerangriffe noch viel höher ist
Ein Beitrag von
Ein 19-jähriger Afghane sticht unvermittelt am Frankfurter Mainufer auf eine 41-jährige Ukrainerin ein. Eine Joggerin wird auf einem Waldweg bei Schermbeck am Niederrhein durch Messerstiche lebensgefährlich verletzt. Ein 32-jähriger Türke sticht in Saarbrücken ohne Ankündigung auf einen Fahrgast der Regionalbahn ein.
Drei Messer-Meldungen von nur einem Tag, die exemplarisch zeigen, welche neue Rolle das Tatmittel Messer in Deutschland eingenommen hat.
Auch die offiziellen Zahlen zeigen den Anstieg der Messer-Gewalt: Das Bundeskriminalamt berichtet in der Polizeilichen Kriminalstatistik von 8951 Messer-Angriffen im Zusammenhang mit Körperverletzungen im Jahr 2023 und weiteren 4893 Fällen bei Raubdelikten. Dazu zählen Angriffe, bei denen ein Messer zum Einsatz kam oder mindestens damit gedroht wurde.
Doch NIUS-Recherchen zeigen, dass diese Zahl nicht stimmen kann, dass diese Zahl das wahre Ausmaß der Messer-Gewalt in Deutschland nicht im Ansatz abbildet.
Lesen Sie auch: Schrecklicher Angriff in Frankfurt: Afghane (19) sticht Frau mit Messer in den Hals. Sie flüchtet, stolpert, er sticht weiter zu ...

Der Polizist Rouven L. aus Mannheim ist an den Folgen eines Messerangriffs gestorben.
Knapp 50 Prozent der Messer-Angriffe in NRW?
Allein in Nordrhein-Westfalen hat die Polizei nämlich im vergangenen Jahr 6221 solcher Angriffe gezählt. In NRW lebt rund ein Fünftel der deutschen Gesamtbevölkerung – und relativ kleine Gruppe soll für knapp 50 Prozent der Messer-Angriffe verantwortlich sein? Unplausibel. Deshalb hat NIUS bei den zuständigen Behörden nachgefragt.
Das Bundeskriminalamt teilte mit, dass die Zahl der Messerangriffe in der Polizeilichen Kriminalstatistik noch nicht vollständig abgebildet seien – die wahre Zahl der Messerangriffe muss also deutlich höher sein.
Denn: Messerangriffe werden erst seit 2020 bundeseinheitlich statistisch erfasst. Das hatte die Innenministerkonferenz vor dem Hintergrund des Anstiegs von Straftaten unter Verwendung des Tatmittels „Messer“ 2018 entschieden. Und erste Überprüfungen der Zahlen durch das BKA haben gezeigt, dass die Daten noch nicht vollumfänglich erfasst sind. Wörtlich heißt es: „Hierbei wurde weiterer Harmonisierungsbedarf hinsichtlich der Erfassungsmodalitäten festgestellt, sodass die Daten zu Messerangriffen aufgrund mangelnder Validität bisher nicht vollumfänglich veröffentlicht werden können.“

BKA-Chef Holger Münch und der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Norbert Stübgen (CDU).
Hinzu kommt: Die Polizei in Nordrhein-Westfalen zählt Messerangriffe und Angriffe mit anderen Stichwaffen zusammen, wie das dortige Innenministerium auf Nachfrage mitteilt – bei den 6221 Angriffen mit Stichwaffen hatte im Übrigen knapp die Hälfte der Tatverdächtigen keinen deutschen Pass. Die Haupt-Herkunftsländer dieser Tatverdächtigen waren Syrien (469), Türkei (298) und Rumänien (152).
Wie das Bundeskriminalamt mitteilt, könnte in der Polizeilichen Kriminalstatistik 2024 – nach Implementierung der Maßnahmen zur Qualitätssicherung – erstmals ein valides Gesamtbild der Messer-Gewalt in Deutschland zur Verfügung stehen. Es steht zu befürchten, dass ein aktuell großes Dunkelfeld aufgehellt und Zahl der Vorfälle von Messer-Gewalt deutlich höher sein wird als bisher gedacht.
Mehr NIUS: Brutale Messerattacke auf dem Waldweg: 23-Jährige beim Joggen lebensgefährlich verletzt
Julius Böhm
Artikel teilen
Kommentare