Warnhinweis vor alten Filmen: Der WDR will, dass wir uns für Otto schämen
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Offenbar kommt keine Zeit ohne ihren Bildersturm aus. In der Reformation des 16. Jahrhunderts wollten die sich progressiv wähnenden Protestanten die alten Bilder von Gott, Christus und den Heiligen nicht sehen. Während der Französischen Revolution fielen 1792 zahllose Kunstwerke dem Furor der Massen zum Opfer, die Nationalsozialisten verbrannten Bücher und belegten „entartete Kunst“, und im Sozialismus/Stalinismus verschwand schlichtweg, wer in Ungnade fiel samt Werk von der Bildfläche.
Bei uns fallen jetzt schon moderne Klassiker der jüngeren Show-Geschichte unter den Bann selbst ernannter Säuberer. Ausgerechnet den großen Otto Waalkes, den genialsten Komik-Anarchisten der deutschen Nachkriegszeit, der Blödel-Zerstörer germanischer TV- und Film-Idyllen, den heiteren Infragesteller, der viel mehr ist, als ein „Blödel-Barde“ in der WDR-Mediathek mit einem Warnhinweis zu belegen, das müsste im Grunde als zeitkritisch-entlarvendes Kunstwerk durchgehen, wenn es nicht tatsächlich ernst gemeint wäre.

Mit diesem Hinweis hat der WDR einen Otto-Film versehen.
„Das folgende Programm wird als Bestandteil der Fernsehgeschichte in seiner ursprünglichen Form gezeigt. Es enthält Passagen, die heute als diskriminierend betrachtet werden“, erklärt eine strenge Frauen-Stimme in der WDR-Mediathek, bevor etwa die „Otto Show“ aus dem Jahr 1973 beginnt. Der Grund: ein überhaupt nicht misszuverstehender Gag über die Hautfarbe eines schwarzen GIs und Ottos schwarze Füße. Ein im Grunde irrer Vorgang, wenn er nicht bezeichnend wäre.
Otto ist ein lebendes Denkmal. Ein deutsches Kulturgut. Wer Otto mit einem Warnhinweis versieht, der sagt: die Leute, die früher über Otto gelacht haben, wussten es nicht besser. Wer heute noch über Otto lacht, ist ein schlechter Mensch. Der WDR will, dass wir uns für unseren Humor schämen. Unser Lachen von früher soll falsch gewesen sein.
Die WDR-Autoren warnen vor der eigenen „Geschichte“, als wäre es eine filterlose Zigarette, an der man sterben kann oder hätte „Risiken und Nebenwirkungen“, zu denen man besser zuerst Arzt oder Apotheker fragt. Was hier am Werke ist, ist der Säuberungswahn, dass besser früher nicht geschehen wäre, was wir heute für wertlos, schräg oder geschmacklos halten. Es ist im Grunde weniger ein „Kulturkampf“ als eine „Kulturrevolution“: Es soll aus der Vergangenheit getilgt werden, was gegenwärtige Zeitgenossen ins Grübeln über links-woke Sprachdiktate und Weltbilder bringen können.
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Darum müssen Werke von Astrid Lindgren umgeschrieben und der „Mohrenkopf“ aus Udo Jürgens‘ „Aber bitte mit Sahne“ gestrichen werden. Dass heutige Verbiegungen des Geistes gar nicht ewig und immerdar gegolten haben, und das womöglich auch seinen Grund hat, soll nicht mehr nur nicht sichtbar, sondern auch nicht mehr denkbar sein.
Es ist eine Logik, die nicht nur ahistorisch ist und eben auch nach der Tilgung keine kritische Selbstreflektion mehr zulässt: Wenn die Mohrenstraße erst einmal umbenannt ist, kann niemand mehr über den Begriff stolpern und vielleicht Fragen zur deutschen Kolonialgeschichte stellen. Es ist zudem aber auch ein gewaltsames Abhacken unserer eigenen kulturellen Wurzeln. Wurzeln, Herkunft, Tradition sind entweder authentisch und wahrhaft oder sie sind es nicht. Geschichte mit ihren Irrwegen, Fehlern, ihrer mühsamen Menschwerdung und Zivilisationsentstehung wird zu geklittertem Kitsch, wenn sie übermalt, geschönt oder verbogen wird.
In diesem Sinne muss man weder vor Ottos Filmen und Shows warnen, noch die Französische Revolution nachträglich zu einem Gesprächskreis umdeuten oder Goethes Frauenbild im „Faust“ korrigieren. Oder um es einfach mit Ingeborg Bachmann zu sagen: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
Ralf Schuler
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