„Wann immer Deutsche ärmer werden, ist es politisches Versagen”
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Schon wieder ermahnt Bundeskanzler Friedrich Merz die Deutschen. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos erklärte er, ein großes Problem Deutschlands sei die mangelnde Produktivität, und führte selbige auch darauf zurück, dass die Deutschen aus seiner Sicht zu wenig arbeiten. Bei NIUS Live sorgt diese Aussage für Diskussionen.
Merz sagte im Wortlaut: „Wir stehen vor einem großen Hindernis und dieses Hindernis ist die Produktivität. Die Produktivität der deutschen Wirtschaft ist seit etwa einem Jahrzehnt mehr oder weniger niedrig. Deshalb müssen wir unser Sozialsystem reformieren. Die Rentenversicherung, die Sicherung, das Gesundheitssystem, aber auch die Arbeitszeit. Die Deutschen sind daran gewöhnt, rund 200 Stunden weniger zu arbeiten, als zum Beispiel Beschäftigte und Unternehmen in der Schweiz“, so Friedrich Merz.
„Da steckt dieses Faulheitselement schon sprachlich drin“
Pauline Voss, stellvertretende Chefredakteurin, widerspricht dieser Pauschalisierung des Kanzlers entschieden. Zwar gebe es statistische Mittelwerte, doch Merz formuliere bewusst verallgemeinernd. „Er sagt: Die Deutschen sind daran gewöhnt. Da steckt dieses Faulheitselement schon sprachlich drin“, so Voss, und kritisiert den politischen Ton des Kanzlers scharf: „Ich finde, diese Aussage hat mal wieder so einen Regierungsendzeit-Charakter.“
Statt eigene Versäumnisse zu benennen, richte Merz seine Kritik an die Bevölkerung. „Friedrich Merz hat sich darauf versteift, die eigene Bevölkerung zu kritisieren: Ihr versteht nicht, was ich Tolles mache – und ihr seid auch noch zu faul.“ Das sei nicht nur unberechtigt, sondern auch politisch fatal. „Ich habe nicht das Gefühl, zu wenig zu arbeiten. Und sehr viele Menschen in diesem Land haben das auch nicht.“
„Das ist frei erfunden“
Auch von Chefredakteur Julian Reichelt wird die Aussage des Kanzlers inhaltlich scharf kritisiert: „Das ist Fake News, das ist frei erfunden. Das stimmt so nicht. Die Deutschen arbeiten nicht 200 Stunden weniger als die Schweizer.“
Zwar gebe es tarifliche Vergleichswerte, doch die Realität sehe deutlich komplexer aus: „Es gibt Millionen Deutsche, Selbstständige, Handwerker zum Beispiel, viele Unternehmer, Menschen, die selbst etwas aufgebaut haben, die arbeiten nicht acht Stunden am Tag, die arbeiten neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn Stunden. Viele nehmen die Arbeit mit ins Bett.“ Gerade in Hochlohnsektoren arbeiteten Deutsche keineswegs weniger: „Millionen Menschen in diesem Land arbeiten genauso viel wie die Schweizer, teilweise mehr als die Schweizer.“
Hier nehmen Pauline Voss und Julian Reichelt Stellung zu Merz’ Aussagen:
„Er traut sich einfach nicht, die realen Probleme zu benennen“
Warum fliegt ein Kanzler nach Davos, um dort das eigene Volk zu kritisieren? Pauline Voss sieht darin eine bewusste Ablenkung von den eigentlichen Problemen: „Es ist natürlich ein fatales Signal und es zeigt auch, dass er sich einfach nicht traut, die realen Probleme zu benennen.“ Das größte Wachstumshindernis liege nicht bei den Bürgern, sondern in der Regierung selbst: „Es gibt nun mal ein zentrales Hindernis und das ist momentan die SPD. Sein eigener Koalitionspartner, der an Reformen nicht interessiert ist, der jeden Versuch einer Wirtschaftswende boykottiert.“
Besonders brisant: Selbst vereinbarte Reformen im Koalitionsvertrag werden nicht umgesetzt. Ein Beispiel ist die Umstellung von täglicher auf wöchentliche Arbeitszeit. Und dennoch setze sich Merz nach Davos und fordere mehr Arbeit von den Deutschen. „Friedrich Merz ist dafür verantwortlich, dass das im Moment nicht passiert. Und dann setzt er sich in Davos hin und sagt: ,Die Deutschen sollen mehr arbeiten‘.“
„Wann immer Deutsche ärmer werden, ist es politisches Versagen“
Julian Reichelt findet deutliche Worte: „Wann immer Deutsche ärmer werden, wann immer Deutsche verarmen, ist es politisches Versagen.“ Deutschland sei historisch ein Land des Fleißes: „Das grundsätzliche Streben dieses Landes ist Fleiß und Arbeit. Das war immer so.“ Der Grund für stagnierende Produktivität liege in politischer Fehlsteuerung: „Produzieren ist so wahnsinnig teuer geworden – durch die Kosten von Arbeit, durch die Kosten von Energie. Alles politische Fehlsteuerung, ausschließlich politische Fehlsteuerung.“
Ein weiterer wichtiger Aspekt: Mehrarbeit lohnt sich in Deutschland oft nicht. Das durchschnittliche Netto in Deutschland liege bei rund 2.500 Euro, in der Schweiz hingegen bei umgerechnet fast dem Doppelten. „Warum sollen Menschen mehr arbeiten, wenn das, was sie mehr arbeiten, ihnen vom Staat weggenommen wird?“, so Julian Reichelt.
Hier geht es zur ganzen Sendung:
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