Wie Aktivist Christoph May im Rundfunk als Wissenschaftler präsentiert wird
Ein Beitrag von
Öffentlich-rechtliche Sender präsentieren den Aktivisten Christoph May als „Männlichkeitsforscher“ – obwohl sie auf Anfrage nicht wussten, ob er über einen entsprechenden wissenschaftlichen Hintergrund verfügt. Stattdessen verwiesen NDR und Deutschlandfunk darauf, dass der Begriff nicht geschützt sei. Am Sonntag hat May, den NIUS vor Veröffentlichung dieses Textes angefragt hatte, dann angegeben, über einen Magister-Abschluss zu verfügen.
Das Phänomen „Männercoach“ ist nicht neu. Es gibt zahlreiche Berater, die Seminare darüber geben, was es bedeutet, ein Mann zu sein. In der Regel geht es darum, die eigene Männlichkeit zu finden. Oft geht es dabei naturverbunden und archaisch zu: Männer schreien sich im Wald an oder rennen nackt in einen See. So viel lässt sich sagen: Männer sind Wesen, die es bisweilen nicht scheuen, seltsame Dinge zu tun.

„Rechte“ Männerseminare treiben bisweilen kuriose Blüten.
Christoph May gehört zur linken Variante dieses Phänomens. Er tourt nicht durchs Land, um Männern zu zeigen, wie sie ihre Männlichkeit wiederentdecken können, sondern wie sie sie ablegen. Sein Projekt zielt darauf, Männern einzureden, dass der Männerbund nicht erst beim rudelförmigen Waldspaziergang im Adamskostüm beginnt, sondern bereits dort, wo Männer überhaupt unter sich sind – etwa in einer Fußballmannschaft 12-jähriger Jungs. Fehlt die weibliche oder queere Durchmischung, gilt das in seiner Logik bereits als problematischer Männerbund, wie er in einem Podcast erklärte. Mit seinem „Detox Masculinity Institute“ bietet May Workshops, Vorträge und Beratungen an, auch für Unternehmen. So weit, so vertraut.
„Forscher ist keine geschützte Berufsbezeichnung“
Doch während May vor allem als Berater und Aktivist auftritt, präsentieren ihn öffentlich-rechtliche Medien als „Männlichkeitsforscher“. So führt ihn der NDR in einem Beitrag zum Gender Pay Gap als Experten ein. Der Deutschlandfunk wiederum verteidigt auf Anfrage von NIUS ausdrücklich die Bezeichnung „Forscher“ und erklärt, diese setze keinen akademischen Grad voraus, sondern lediglich eine „systematische Beschäftigung“ mit einem Thema. Er schreibt:
„Forscher ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Der Begriff suggeriert somit keinen akademischen Grad oder Titel, sehr wohl aber, dass der Bezeichnete sich mit der systematischen Gewinnung von neuem Wissen beschäftigt. Das sehen wir bei Herrn May als gegeben an, durch die Beiträge, die er im Detox Masculinity Institute verfasst hat, welches er zusammen mit seiner Frau gegründet hat. Er beteiligt sich zudem an wissenschaftlichen Publikationen, hält Vorträge und Seminare an Universitäten. In unserem Kulturmagazin bildet die Auswahl unserer Gesprächspartner die Breite der Gesellschaft ab. Wir laden sowohl Menschen aus der Wissenschaft ein als auch Künstler und Akteure der Zivilgesellschaft. Als solchen haben wir Herrn May bereits zuvor eingeladen.“
Der Deutschlandfunk betont damit, May als „zivilgesellschaftlichen Akteur“ eingeladen zu haben – präsentiert ihn zugleich aber als „Männlichkeitsforscher“.

Screenshot: Deutschlandfunk.de
Auch beim SWR tritt May in einem Kulturbeitrag über Popmusik als Forscher auf. Mehr noch: Er spricht dort nicht nur als Forscher, sondern als Stimme einer ganzen Disziplin.
„Mann muss: Was die Männlichkeitsforschung zum neuen Song von Apache 207 sagt“, lautet der Titel. Auf Nachfrage teilte der Sender mit, kommende Woche Stellung zu nehmen.

Screenshot SWR.de
Der NDR argumentiert ähnlich. Man habe May als Gesprächspartner gewählt, weil er sich „eingehend mit der Thematik beschäftigt“ habe. Ob seine Qualifikation im Vorfeld überprüft wurde, ob ein akademischer Abschluss vorliegt oder eine institutionelle Anbindung existiert, bleibt unbeantwortet. Auch die Frage, ob durch die Bezeichnung „Forscher“ beim Publikum ein wissenschaftlicher Autoritätsanspruch suggeriert wird, der faktisch nicht gedeckt ist, bleibt offen.
Letztlich ist es nicht entscheidend, ob Christoph May sich mit dem Thema Männlichkeit intensiv beschäftigt, denn das tut er offensichtlich. Entscheidend ist, warum große Rundfunkanstalten diese Beschäftigung so framen, dass sie den Anschein von Wissenschaftlichkeit erzeugt, ohne die entsprechenden Maßstäbe anzulegen. Wenn jeder, der sich intensiv mit einem Thema beschäftigt, ein „Forscher“ ist – was unterscheidet dann noch Forschung von Meinung?
Oder sollte man nicht wenigstens formal nachgewiesen haben, in der Lage zu sein, wissenschaftlich zu arbeiten? Diese Frage müssen sich die Sender stellen lassen.
Transparenzhinweis: NIUS hatte May am Mittwoch angefragt, ob er über einen Abschluss verfügt. Er zog es vor, diese Frage nicht zu beantworten. Am Sonntag gab er NIUS gegenüber dann an, über einen Magister-Abschluss zu verfügen, den er auch verlinkte (hier und hier als PDF). Titel seiner Arbeit: „Deutschhoden. Show-Realität und Teilnehmende Beobachtung in Deutschboden (2010) von Moritz von Uslar.“ Seit Kenntnis dieser Information wurde dieser Text an den entsprechenden Stellen angepasst.
Mehr NIUS:
Medienbericht: Ministerpräsident Voigt soll Holocaust-Gedenkrede mit KI geschrieben haben
Ein Nachmittag der Absurditäten: NIUS undercover beim Würmer-Parlament
Grüne verhandeln umstrittene Parteireform: Zu viel Macht für Funktionäre?
Die Schlacht der langen Männer
Wie Al Gores apokalyptische Doku die Welt in die Klima-Angst hypnotisierte
Weil er sich in einer ZDF-Doku kritisch äußerte: Bremen feuert Jobcenter-Mitarbeiter Fred Göcken
Sogar von Grünen kommt Kritik: Aufstand gegen NIUS-Zensur bei der BVG
Die wahre Putin-Partei ist die SPD
Mehr NIUS:
Die Schlacht der langen Männer
Wie Al Gores apokalyptische Doku die Welt in die Klima-Angst hypnotisierte
Weil er sich in einer ZDF-Doku kritisch äußerte: Bremen feuert Jobcenter-Mitarbeiter Fred Göcken
Sogar von Grünen kommt Kritik: Aufstand gegen NIUS-Zensur bei der BVG
Die wahre Putin-Partei ist die SPD
Warum die Politik den Majestätsbeleidigungsparagraphen gar nicht abschaffen will
CSU blamiert sich mit „Frohnleichnahm“-Doppelfehler: Krah wurde Fake vorgeworfen, doch er hatte recht
CDU sagt Präsidiumsklausur in Sachsen-Anhalt ab
Felix Perrefort
Artikel teilen
Kommentare