Auch Merz geht auf Distanz zu Schwarz-Grün!
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Merz macht mobil!
Eine der ärgerlichen Seiten des Älterwerdens besteht darin, dass man mit dem kollektiv geteilten Kulturgut seiner Generation irgendwann allein bleibt, wenn immer mehr junge Leute die Dinge nicht mehr kennen, mit denen man aufgewachsen ist. Den Werbespruch für den Schokoriegel „Mars“ kannte ehedem jedes Kind: „Mars macht mobil bei Arbeit, Sport und Spiel!“ Auf jedem Schulhof wurde das „zu meiner Zeit“ gesungen, und es liegt Leuten meiner Generation förmlich auf den Lippen, wenn man über den jetzt beginnenden Wahlkampf von Friedrich Merz (CDU) als Kanzlerkandidat der Union schreiben will.
Ausgerufen ist Merz nun seit Dienstag, die Zustimmung der Parteigremien von CDU und CSU ist reine Formsache, doch nach dem Aufatmen im engsten Umfeld des CDU-Chefs kam dann gleich nach der öffentlichen Verkündung auch das Bewusstsein, dass die schwerste Wegstrecke noch vor Merz und seinen Getreuen liegt: Der Wahlkampf, von jetzt an bis zum Wahltag am 28. September 2025, der nicht nur die Unionsmitglieder motivieren und versammeln, sondern Merz auch mit möglichst gutem Ergebnis ins Kanzleramt tragen soll.
Bevor sich der Klang der Worte „Bundeskanzler Friedrich Merz“ allzu wohlig in den Gehör- und Gehirngängen der Unionsspitze festsetzt, müssen noch die Wähler überzeugt werden, dass diese Job-Bezeichnung auch für sie ein Wohlklang wäre. Am Dienstagabend gab es deshalb bei Merz und seinen Leuten keine Triumph-Party, sondern ein Interview-Marathon bei ARD und ZDF mit Merz, Generalsekretär Carsten Linnemann und anderen Granden.

Friedrich Merz, CDU-Bundesvorsitzender, und Carsten Linnemann, CDU-Generalsekretär
Wahlkampf und die magische 35
Ein wirkliches Wahlkampf-Team gibt es im Konrad-Adenauer-Haus noch nicht, dafür läuft dieser Tage die Ausschreibung für die begleitenden Wahlkampfagenturen an. Wer hier den Zuschlag erhält, wird später die Slogans und Plakatmotive maßgeblich mitgestalten. Das interne Ziel: Mindestens 35 Prozent sollen CDU und CSU gemeinsam holen, um mit möglichst großer Dominanz in die vermutlich unvermeidlichen Koalitionsgespräche mit potenziellen Partnern gehen zu können. Die 35 ist für die Union eine Art magische Hoffnungszahl. Wenn sie in den Umfragen erreicht wird, so die interne Hoffnungslogik, könnte eine Art Sog entstehen, dass jede weitere Stimme Merz und seine Mannen in die Nähe der absoluten Mehrheit und damit einer möglichst kraftvollen und nicht von Koalitionspartnern verwässerten Politikwende.
Öffentlich gibt sich derzeit freilich die gesamte Union als geschlossenes „Team Merz“, hinter vorgehaltener Hand gibt es aber durchaus Zweifel. Die sind bei einigen Strategen ganz grundsätzlicher Natur: CDU und CSU profitierten derzeit vor allem von der schlechten Performance der Ampel und würden notgedrungen als Kontrapunkt von Leuten gewählt, die bürgerlich stimmen, also AfD und BSW nicht in Betracht ziehen. Wirkliche Überzeugungswähler seien das aber meistens nicht, so dass die gut 30 Prozent in den Umfragen für die Union keineswegs eine sichere Basis seien, heißt es. Man habe es bislang versäumt, mit klarer Themensetzung ein festes Fundament zu legen.
Merz und die Migration
Und dann ist da noch das alles überwölbende Thema Migration, mit dem Friedrich Merz in den zurückliegenden Tagen punkten konnte. Effektiv habe sich an den deutschen Grenzen trotz des jüngsten Vorstoßes bislang nichts geändert. Noch immer kommen auf eine vollzogene Abschiebung 17 neue Asylanträge, wie Gabor Steingart bei Media Pioneer dieser Tage vorrechnete. Wenn also die Bemühungen der Union fruchtlos blieben, könnte die Flüchtlingskrise zum Konjunkturprogramm für die AfD werden, die ohnehin in den Umfragen eine Kompetenzzuweisung für dieses Thema habe, so die Befürchtungen.
Merz will diesen Themenkomplex deshalb am liebsten aus dem Wahlkampf heraushalten, weiß aber selbst, dass jeder neue Anschlag, jeder Übergriff und jede Kalifat-Demo es wieder in die tägliche Agenda spült. Er würde gern einen Wahlkampf über die Wirtschaftskraft Deutschlands führen, von der nicht nur der Staatshaushalt abhängt, sondern auch das Sozialsystem und am Ende natürlich auch die Fähigkeit, Migranten ohne allzu große Verwerfungen aufzunehmen. Mit der Wirtschaftskompetenz könnte er ganz persönlich – und auch die Union insgesamt – punkten.
Ob diese Rechnung aufgeht, hängt allerdings auch von der Kampagne der „Mitbewerber“ ab. Hier erwartet man in der Union heftige Attacken auf Merz persönlich als ehemaliger Repräsentant des Milliardenfonds Black Rock, Reformen beim Bürgergeld dürften gezielt als „soziale Kälte“ diffamiert und die Union in eine permanente Abgrenzungsdebatte von der AfD gezwungen werden, wenn es um Migration geht. Die AfD dürfte vor allem versuchen, die Glaubwürdigkeit der Union in Zweifel zu ziehen und immer wieder die Frage aufwerfen, mit welchen Koalitionspartnern CDU und CSU denn ihre Versprechen umsetzen wollen. Ungemütliche Zeiten also und ein eher schmutziger Wahlkampf nach amerikanischem Vorbild könnten da drohen.

Für viele eine Erleichterung: Der „Merkelianer“ und CDU-NRW-Chef Hendrik Wüst wird kein Kanzlerkandidat.
Bei Schwarz-Grün scheiden sich die Geister
Und dann ist da noch jener Richtungskampf, den ich bereits im August vorhergesagt hatte, sorry, soviel Eigenlob muss sein!
Er wird inzwischen ganz unverhohlen und ohne jede Rücksicht auf den Kanzlerkandidaten auf offener Bühne ausgetragen. Noch am Tag seiner Ausrufung erklärten Nordrhein-Westfalens Regierungschef Hendrik Wüst und sein schleswig-holsteinischer Amtskollege Daniel Günther, beide in schwarz-grünen Bündnissen, dass diese Option in ihren Augen nicht vom Tisch sei. Söder konterte einen Tag später brutal in die Gegenrichtung: „In der Wirtschaftspolitik stellen wir fest, dass in Berlin keine Kompetenz herrscht. Deswegen wiederhole ich an der Stelle nochmal aus tiefer, tiefer Überzeugung, dass für uns Schwarz-Grün unter keinen Umständen infrage kommt“, sagte er am Mittwoch bei einer Klausurtagung der CSU-Landtagsfraktion in Kloster Banz.
Motto: Uns doch egal, wer unter uns Kanzlerkandidat ist!
Mit anderen Worten: Die Feierlaune dürfte im Merz-Lager nicht lange anhalten und angestrengter Arbeitsatmosphäre weichen. Und auch dafür könnte man auf einen alten Reklamespruch für „Mars“-Riegel zurückgreifen. Denn bevor „Mars“ mobil machte, warben die Hersteller der Schoko-Gaumen-Klebe-Barren: „Mars bringt verbrauchte Energie sofort zurück!“ Und das könnte sogar Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) für seine Energiewende gebrauchen. Aber daran erinnern sich ja noch weniger Zeitgenossen … Seufz!
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Ralf Schuler
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