Der Panik-Minister ist wieder da! Lauterbach spricht von einer „Pflegefall-Explosion“, obwohl nichts explodiert ist
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Mehr als siebenmal so viele Fälle wie erwartet: Gesundheitsminister Lauterbach warnte am Montag vor einem „explosionsartigen“ Anstieg bei Pflegebedürftigen im Jahr 2023. Dabei liegt die Zunahme mit etwa 360.000 neuen Fällen im Trend der vergangenen Jahre. Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem sagt im Gespräch mit NIUS: „Es hat mich erstaunt, dass Lauterbach erstaunt war.“
Immer mehr Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig. Die Zahl der Antragsteller steigt seit Jahren kontinuierlich an. „Dieser Anstieg ist auf Einführungseffekte der Reform des Pflegebedüftigkeits-Begriffs zurückzuführen“, erklärt der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem, der eine Professur für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen innehat. 2017 wurden mit der Pflegereform auch kognitive Beeinträchtigungen mit in den Leistungskatalog der Pflegeversicherung übernommen. „Langsam kommt bei den Menschen an, dass man trotz körperlicher Fitness pflegebedürftig sein kann. Wir haben seitdem in jedem Jahr das Problem, dass wir mehr Fälle haben als prognostiziert.“

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt seit Jahren um 260.000 bis 380.000 neue Fälle. (Visualisierung: @tomdabassman/X)
Es erstaunt, „dass Lauterbach erstaunt war“
Doch wie kommt der Gesundheitsminister auf eine Prognose von lediglich 50.000 zusätzlichen Fällen im Jahr 2023? „Dass der tatsächliche Wert über der Prognose liegt, ist kein neues Phänomen“, sagt Wasem. „Wir hatten das die letzten Jahre regelmäßig. Von daher hat mich erstaunt, dass Lauterbach erstaunt war.“
Dass sich die Realität so eklatant von der Prognose unterscheidet, liegt an der Art der Rechnung:
In die Prognose wird zum einen die Zahl der Pflegefälle pro 1000 Personen einer Altersgruppe aus dem Vorjahr eingepreist. Diese wird dann mit den vom Statistischen Bundesamt ermittelten Demografie-Zahlen verrechnet, die Aufschluss darüber geben, wie viele alte/mittelalte/junge Menschen im betreffenden Jahr in Deutschland leben. Was nicht mit einkalkuliert wird: Der seit Jahren andauernde ansteigende Trend, hinter dem Wasem „Einführungseffekte“ des neuen Pflegebegriffs vermutet.

Besonders stark war der Anstieg im ersten Jahr nach der Pflegereform. Von 2017 auf 2018 betrug er 11,6 Prozent, von 2022 auf 2023 liegt er bei 7,4 Prozent. (Daten: Bundesministerium für Gesundheit. Trend -Projektion und Visualisierung: @tomdabassman/X)
Anders ausgedrückt: Lauterbach prognostiziert einen Wert, der keine Steigerung bedeuten würde – sondern lediglich den Status quo auf eine veränderte Altersstruktur überträgt – um sich dann überrascht über den Anstieg zu geben.

Gerade bei den Jüngeren kommen deutlich mehr Pflege-Fälle hinzu. (Aufbereitung und Visualisierung: @tomdabassman/X)
Auffällig auch: Vor allem in den jüngeren Altersgruppen fällt der Anstieg besonders stark aus. Wasems Erklärung: „Ich vermute, das liegt daran, dass in älteren Jahrgängen körperliche und kognitive Beeinträchtigungen häufiger miteinander korrelieren. Bei den jungen hingegen kommen sie on top.“

Jürgen Wasem ist Professor für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen.
Auch wenn der Anstieg der Pflegebedürftigen, anders als von Lauterbach dargestellt, keine unerwartete „Explosion“ darstellt, sondern vielmehr im Trend der letzten Jahre liegt, ist er dennoch ein großes Problem, schließlich steigen dadurch auch die Kosten und der Bedarf an Pflegekräften.
Laut einer Befragung des Evangelischen Verbands für Altenarbeit und Pflege vom Februar müssen vier von fünf Pflegeeinrichtungen ihr Angebot einschränken, weil Personal fehlt. Neun von zehn ambulanten Diensten lehnten 2023 Neukunden ab. Die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg führt Pflegekräfte an der ersten Position unter allen Engpass-Berufen. Dabei waren vergangenes Jahr 10.000 Beschäftigte mehr als im Vorjahr in der Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege im Job – knapp 1,7 Millionen.
Lauterbach sieht reine Beitragsfinanzierung vor dem möglichen Ende
82 Prozent aller Pflegekräfte sind Frauen. Mehr als jede zweite arbeitet in Teilzeit. Die Pflege im Heim wird unterdessen immer teurer. Die Zuzahlungen für Pflegebedürftige stiegen trotz Entlastungszuschlägen zum 1. Januar im Bundesschnitt auf 2576 Euro pro Monat – 165 Euro mehr als Anfang 2023.
Lauterbach hatte bereits deutlich gemacht, dass er die reine Beitragsfinanzierung der Pflegeversicherung vor dem möglichen Ende sieht. Langfristig komme man um Steuermittel hierfür nicht herum, sagte er im April auf der Altenpflegemesse in Essen.
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