Die Methode Scholz: Wie der Kanzler sagt, dass er nichts sagt
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Sommer-Interviews sind nicht anders als Winter- oder Herbst-Interviews. Lediglich die Hintergrundbilder weichen jahreszeitlich bedingt etwas ab. Die rhetorischen Ausflüchte, Standardwendungen und politischen Girlanden der Befragten weisen ebenfalls zu allen Jahreszeiten ein hohes Maß an Kontinuität auf. „Probleme“ gibt es nicht, allenfalls „Herausforderungen“. „Streits“ sind „klärende Debatten“, und wenn etwas richtig schlecht gelaufen ist, hätte man sich „in der Kommunikation eine andere Tonlage gewünscht“.
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat es in der Kunst des Teflon-Interviews (nicht zu verwechseln mit „Telefon-Interview“!) zu wahrer Meisterschaft gebracht. Es bleibt auch bei sommerlich hohen Temperaturen einfach nichts haften. Das ZDF-Sommer-Interview mit Theo Koll am Sonntag war dafür ein Paradebeispiel.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Ariane Fäscher (SPD) besuchen den Brieselanger Sportverein auf der Sommerreise durch den Wahlkreis von Scholz.
Man kann Koll, ein durchaus erfahrener Kollege, nicht vorwerfen, dass er nicht alles versucht hätte. Zum Beispiel klare Entscheidungsfragen. Während journalistische Neulinge noch glauben, dass sich der Interviewte zwischen den beiden möglichen Alternativen logischerweise entscheiden müsse, wissen Profis: Man muss gar nichts. Scholz auch nicht.
Als Koll ihn auf sein Hobby Rudern anspricht und wissen will, ob er im politischen Betrieb eher Schlagmann sei und das Boot mit Blick nach hinten vorwärtstreibt oder Steuermann, der den Kurs angibt, aber nichts zur Fahrt beisteuert, antwortet Scholz: „Ich bin derjenige, der das Tempo macht und sorge auch dafür, dass es vorankommt.“
So!
Tipps und Tricks für die gelungene Beliebigkeit
Alte Interview-Regel für Politiker: Nicht von den Fragen beeindrucken lassen, sondern antworten, was man sich vorbereitet hat. (Gern auch eingeleitet mit der Formel: „Diese Frage stellt sich nicht!“). Als Scholz Deutschland als Exportnation lobt, wendet Koll ein, ganze Firmen gingen inzwischen ins Ausland.
Hier zeigt sich einmal mehr die hohe Perfektion der Methode Scholz: Er ignoriert völlig ungerührt den Einwurf und bringt den Satz ohne zu ruckeln in gleicher Tonhöhe zu Ende. Wenig später schwärmt Scholz von den Hightech-Ansiedlungen internationaler Chipfirmen in Deutschland. „Hoch subventioniert“, wirft Koll ein. Und wieder marschiert die eiserne Sprechmaschine stoisch weiter. Wo andere sich aus der Ruhe bringen lassen, rollt Scholz seine Sätze so faltenlos aus, wie einen makellosen Filzteppich.
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Eine andere Methode besteht darin, einfach etwas anderes zu antworten, als gefragt war. Als Koll auf die schlechten Wirtschaftszahlen, die Rezession und das schlechte Abschneiden Deutschlands in der Bewertung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu sprechen kommt, bleibt Scholz einfach dabei, dass er ein neues Wirtschaftswunder erwarte: „Ich habe das bezogen auf all die Möglichkeiten, die mit all den Investitionen verbunden sind in die erneuerbaren Energien… mit ganz neuem Tempo beim Ausbau der Stromerzeugung, Windkraft, Biomasse, Wasserkraft, Stromnetze…“ Ist schon recht. Gefragt war aber nach den Ursachen der schlechten Werte und nicht nach des Kanzlers Visionen und Hoffnungen.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) spricht auf der Sommerreise durch seinen Wahlkreis mit Menschen in Potsdam.
Was wie eine, nun ja, lässliche sprachliche Ungenauigkeit in der Antwort missverstanden werden könnte, hat durchaus Methode. Scholz weiß, dass Koll eine gewisse Mindestliste an Themen abarbeiten muss (Wirtschaft, Migration, Ukraine) und deshalb nicht bei jedem Ausweichmanöver nachfragen und zeitraubend in Nebenstraßen abbiegen kann.
Und auch wir alle können von Politikern lernen, wie man sich unangenehmen Fragen elegant entzieht: Man trägt mit großer Entschlossenheit Dinge vor, die niemand bestreiten würde. „Ich plädiere ausdrücklich dafür, dass wir weiter eine erfolgreiche Exportnation sein wollen…“ Das Gegenteil wäre eine Überraschung gewesen.
Sehr beliebt – nicht nur bei Scholz – ist auch die so genannte „1x1“-Methode. Einmal eins ist gleich eins, man hat also tapfer gerechnet und es kommt immer das Gleiche heraus. „Was wir brauchen, ist, dass wir die Probleme lösen, die wir haben“, sagt Olaf Scholz und hat damit so gnadenlos Recht, dass man ihm nicht widersprechen kann. Richtig ist, was richtig ist. Und Wetter ist auch immer.
Das können nur Profis
Man kann auch einfach das Gegenteil von dem behaupten, was Sache ist – und hoffen, damit durchzukommen. „Wir haben da ein unglaubliches Tempo vorgelegt“, sagt Scholz beim Thema Ausbau erneuerbarer Energien. Das mag bei der Gesetzgebung vielleicht noch stimmen, aber beim Ausbau etwa der Windkraft ist die von Scholz selbst ins Spiel gebrachte Marke von sechs Windrädern pro Tag nicht einmal ansatzweise in Sicht.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) besucht im Rahmen seiner Sommerreise die Biobank für die Probeneinlagerung im Deutschen Institut für Ernährung.
Und so geht es weiter. Mit dem „Fachkräfteeinwanderungsgesetz“ wird das Beschäftigungsproblem gelöst, sagt der Kanzler, und wenn deutsche Firmen im Ausland investieren, sei das doch gut. Das lerne schließlich jeder Volkswirt im ersten Semester. Und hier lernen wir im Sommer-Interview eine weitere wichtige Lektion: Gefällige Wortwahl statt düsterer Wahrheiten. „Auslandsinvestition“ klingt schließlich besser als „Kapitalflucht“.
Manche Verbal-Purzelbäume sind aber auch wirklich nur Profis vorbehalten. Wenn etwa 72 Prozent der Befragten finden, dass Scholz in Interviews zu oft ausweicht, verkehrt der seine Antworten zu beinharten Beweisen seiner Standhaftigkeit: „Das ist eine Antwort, wie sie ein verantwortlicher Regierungschef gibt, der nicht dazu da ist, Pressekonferenzen zu geben, sondern das Land zu führen. Das heißt, Entscheidungen müssen immer sorgfältig gewogen werden. Das werde ich weiter tun und das auch sehr klar sagen und da wird mich auch keiner von abbringen.“
Sehr klar sagen, dass man nichts sagen will. Und davon wird ihn auch keiner abbringen! Sapperlot!
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