Die Schlacht der langen Männer
Ein Beitrag von
Lange hielt Mathias Döpfner, Chef des einflussreichen Medienhauses Axel Springer, Friedrich Merz als Hoffnungsträger der Konservativen die Stange. Inzwischen fühlt der sich, von Kritik zermürbt, nur noch angegriffen und als Opfer einer Verschwörung.
Der mächtigste Medienmanager des Landes gegen den mächtigsten Mann in der Politik. Der eine, der allmächtige Verleger Mathias Döpfner, misst 2,02 Meter, der andere, Bundeskanzler Friedrich Merz, ist mit 1,98 ebenfalls ein weit überdurchschnittlich hochgewachsener Mann. Es geht um die Deutungshoheit in der Politik – und die beiden, früher Verbündete, haben sich darüber heillos zerstritten.
Lange war das Medienunternehmen Axel Springer der natürliche Resonanzraum des Friedrich Merz. Nach den 16 Merkel-Jahren, in denen die Kanzlerin die CDU nach links bewegt hatte, galt Friedrich Merz als Hoffnungsträger, der die Partei wieder auf konservativeren Kurs bringen würde. Als tendenziell nicht-linke Leitmedien begleiteten Bild und Welt die Rückkehr des Sauerländers in die Politik wohlwollend.

Merz und Döpfner mit ihren Ehefrauen im Jahr 2003.
Viel Goodwill zu Beginn
Im Juli 2025, da war Merz gerade seit zwei Monaten Bundeskanzler, wurde die Initiative „Made for Germany“ – ursprünglich auch als „Initiative für Deutschland“ diskutiert – bei einem Treffen von etwa 60 Unternehmern mit dem Kanzleramt vorgestellt. Ziel war es, internationale und deutsche Investoren sowie Großunternehmen zu bündeln und das Signal zu senden: Deutschland ist wieder ein attraktiver Investitionsstandort.
Einer der Initiatoren: Mathias Döpfner, der seit Jahren über enge Kontakte in die internationale Finanzwelt verfügt. Nach dem Einstieg von KKR bei Axel Springer wurde er zu einer der bekanntesten deutschen Stimmen, die für mehr Risikokapital, Private Equity und Kapitalmarktfinanzierung werben. Die Botschaft: Deutschland braucht nicht nur staatliche Programme, sondern auch privates Kapital in großem Umfang. Die Initiative sollte also zeigen, dass internationale Investoren grundsätzlich bereit seien, Milliarden in Deutschland zu investieren.
Dadurch unterstützte sie indirekt die wirtschaftspolitische Agenda der neuen Regierung. Die Initiative war darauf ausgerichtet, ihr zum Erfolg zu verhelfen, und ermöglichte Merz, auf eine große Investitionszusage der Wirtschaft zu verweisen und seine Erzählung einer wirtschaftlichen Trendwende zu unterstützen. Allerdings war ein erheblicher Teil der angekündigten Investitionen bereits vorher geplant oder reine Absichtserklärung und die Initiative daher teilweise ein PR-Stunt.

Gruppenfoto des Investitionsgipfel „Made for Germany“ im Juli 2025.
Dennoch berichteten Welt und Bild exklusiv vorab, und Merz lobte „Made for Germany“ als „eine der größten Investitionsinitiativen der letzten Jahrzehnte“.
„Längst im Sozialismus angekommen“
Danach kam es zum Bruch zwischen Döpfner und Merz. Der Kanzler setzte zwar auf den Einfluss von Medien wie Bild oder Welt, betrieb aber frühzeitig erkennbar eine Politik, die vor allem den Koalitionspartner SPD zufriedenstellte. Was in den Kommentaren liberal-konservativer Autoren bei Axel Springer als Abkehr von angekündigten Vorhaben kritisiert wurde, nahm der Bundeskanzler zunehmend als feindselig wahr.
Insbesondere die Meinungsbeiträge des erzliberalen Welt-Herausgebers Ulf Poschardt waren Merz ein Dorn im Auge. Dieser kritisierte Merz wiederholt als politisch zu vorsichtig und strategisch uneindeutig. Im April 2025 schrieb Poschardt, Friedrich Merz und Markus Söder hätten noch in der Oppositionsrolle mutige „Kulturkämpfer“ abgegeben, seien aber nun „milde geworden“. Die Union habe ihre Identität „im Staatsfetischismus gefunden“ und sei damit „keine bürgerliche Partei mehr“.
Merz und sein Umfeld seien sich doch einig gewesen, dass die „kulturelle Dominanz rot-grüner Eliten, die mit Steuergeld oder Zwangsgebühren abgesichert sind, gebrochen werden müsse“, stattdessen drohe ein „Konglomerat etatistischer Steuergeldverbrennungen“, die nichts weiter seien als der kleinste gemeinsame Nenner jener Parteien, die sich „für die politische Mitte halten und längst im Sozialismus angekommen sind“.

Ulf Poschardt teilt gern gegen Merz aus und hat sich so dessen Zorn zugezogen.
Poschardt ein Rechtsaußen?
Merz soll äußerst aufgebracht über diese Einschätzung gewesen sein. Im Interview mit der Zeit rückte er Poschardt, ohne ihn zu nennen, in die Nähe des Rechtsradikalismus: „Es gibt mittlerweile einen bestimmten Ton, auch in der Kritik von rechts außen an meiner Person, den nehme ich offen gestanden nicht mehr ernst.“ Poschardt als Rechtsaußen? Die Verbitterung des Bundeskanzlers muss sehr tief gesessen haben.
Auch Peter Tiede, Chef-Autor Politik bei Bild, zog sich den Zorn des Friedrich Merz zu. In seinem Kommentar „Der Nichtregierungskanzler“ hatte Tiede bemängelt, dass in der Koalition nichts entschieden werde: „Entscheidet da endlich mal einer was? Vielleicht der Chef, der Kanzler? Aber nein: Schwarz-Rot entpuppte sich heute als Nichtregierungsorganisation. Und Merz als ihr Vereinsvorsitzender.“
Nach NIUS-Informationen soll Merz außer sich gewesen sein. Dabei soll sein Umfeld ihm immer wieder verzweifelt signalisieren, dass es keine gute Idee ist, sich mit dem einflussreichen Medienhaus Axel Springer zu überwerfen. Doch scheint Merz inzwischen davon überzeugt zu sein, dass sich dort eine Intrige gegen ihn formiert hat.
Merz wittert eine Intrige seiner Erzrivalin
Hinter der kritischen Berichterstattung von Bild und Welt vermutet er die Verlegerin Friede Springer, die wiederum von Altbundeskanzlerin Angela Merkel beeinflusst wird – jener Frau, die ihn 2002 aus der Politik kickte, ihn für unfähig hält und zweimal verhinderte, dass er Parteivorsitzender wurde.

Wird von Merz als Drahtzieherin hinter den Kulissen vermutet: Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel.
Doch ist an dieser Verschwörungstheorie nichts dran. Merz, der sein politisches Schicksal auf Gedeih und Verderb von den Sozialdemokraten abhängig gemacht hat, kann es nur nicht ertragen, wenn in den Zeitungen von Axel Springer auch nur über andere Konstellationen, etwa eine Minderheitsregierung, nachgedacht wird. So wäre es nach der verlorenen Landtagswahl in Baden-Württemberg möglich gewesen, selbst den Ministerpräsidenten zu stellen. Welt-Herausgeber Ulf Poschardt sagte am Wahlabend in einem Talk-Spezial, die Landes-CDU müsse dazu lediglich „mit der AfD reden“.
Allein diese nüchterne Benennung einer rechnerisch möglichen politischen Option veranlasste Merz, allen Spekulationen in diese Richtung sogleich eine knallharte Absage zu erteilen: „Ich werde, auch wenn ich mittlerweile sogar aus einzelnen Verlagshäusern dazu aufgefordert werde, eine andere Mehrheit im Bundestag nicht suchen. Ich werde es nicht tun.“ Wen Merz mit den „einzelnen Verlagshäusern“ meinte, ist unschwer zu erkennen: die Axel Springer SE. „Und alle diese Avancen können sich die Damen und Herren sparen“, schob der Kanzler trotzig hinterher.

Es ist vorbei: Merz und Döpfner liegen fatal im Clinch.
Jeder hält den anderen für einen Wegbereiter der AfD
Es ist bizarr: Merz und sein Umfeld werfen Bild und Welt vor, der AfD den Weg zu bereiten – und umgekehrt ist es genauso. Denn manche Journalisten bei Springer befürchten, dass Merz’ Festhalten an der Brandmauer nur der Union schaden und die Konkurrenz von rechts nur noch stärker machen wird. Ein Ulf Poschardt wirkt als Stachel im Fleisch für Merz’ strikten Kurs, während Merz dem Verlag vorwirft, rechten Kräften zuzuarbeiten. Die Debatte ist hochgradig polarisiert – links wird Springer als Rechtsruck-Treiber gesehen, rechts Merz als zu ängstlich gegenüber dem Establishment. Aktuelle Umfragen zeigen die AfD inzwischen acht Prozentpunkte vor der CDU/CSU, was den Druck noch erhöht.
Offenbar ist Friedrich Merz aber nicht willens, die Kritik von Konservativen anzunehmen, er fühlt sich als Opfer einer Verschwörung mit dem Ziel, auf gemeinsame Mehrheiten von Union und AfD hinzuarbeiten. Merz behauptet weiter, die CDU/CSU habe mit der AfD „nichts gemein“, und betont immer wieder: „Wir werden mit dieser Partei nicht zusammenarbeiten.“
Im Januar 2025, noch vor der Bundestagswahl, war Merz von großen Teilen der Öffentlichkeit vorgeworfen worden, die „Brandmauer“ beschädigt zu haben, als die Union Anträge zur Migration eingebracht hatte, die nur mit Stimmen der AfD eine Mehrheit erhielten. Den Shitstorm und die Massendemonstrationen hielt der aussichtsreiche Kanzlerkandidat nicht aus. Fortan wurde er nicht müde, sich von der AfD abzugrenzen. „Es gibt keine Zusammenarbeit, es gibt keine Duldung, es gibt keine Minderheitsregierung, gar nichts.“

So jung kommen die langen Kerls nicht mehr zusammen: Döpfner und Merz, 2003.
AfD: Immer wieder als „Rechtsaußen-Partei“ geschmäht
Innerhalb der CDU entstand indes der Eindruck, dass insbesondere einige prominente Springer-Journalisten die Debatte systematisch in Richtung einer Öffnung zur AfD verschoben hätten. Filipp Piatov und Paul Ronzheimer etwa vertraten die These, die CDU müsse die AfD politisch stellen, statt sich hinter einer Brandmauer einzuigeln. In der Union wurde dies von manchen als publizistische Begleitung einer Strategie verstanden, die faktisch auf eine Normalisierung der AfD hinauslaufe. Auch die von Piatov immer wieder geäußerte Kritik an einer verfehlten Migrationspolitik spiele nur der rechten Konkurrenz in die Hände.
Die Befürchtung dahinter: Wenn die Brandmauer als strategischer Fehler dargestellt wird und die AfD als nunmehriger Machtfaktor, werde die CDU unter Druck gesetzt, Kooperationsverbote aufzuweichen, was der AfD langfristig den Weg zur Regierungsfähigkeit ebne. Doch spricht sich ein Filipp Piatov keineswegs ausdrücklich für eine Koalition mit der AfD aus, er stellte aber immer wieder die Frage, ob die bisherige Strategie funktioniert.
Der Vorwurf, die Medien des Hauses Axel Springer seien AfD-nah oder man sehe sie dort gar gern an der Macht, ist jedenfalls nachweislich unbegründet. Seit ihrer Gründung wird die Partei hart kritisiert und als „Rechtsaußen-Partei“ geschmäht, obwohl es wirklich knallrechte Parteien wie „Die Heimat“ oder den „Dritten Weg“ gibt. Axel Springer unterstützte viele wirtschafts- und migrationspolitische Positionen der Union und Merz galt über Jahre als Wunschfigur großer Teile des konservativen Medienlagers.
Gerüchte über Kanzlertausch machen Merz wütend
Es ist einfach so: Seit sich Friedrich Merz durch den Ausschluss der einzigen weiteren Option zum Gefangenen der SPD gemacht hat, verteidigt er Positionen, die Teile seines früheren publizistischen Unterstützermilieus inzwischen für strategisch falsch halten. Merz verwechselt das mit Feindseligkeit und wittert eine Verschwörung von rechts. Die Abneigung ist beiderseits: Mathias Döpfner soll ihn für einen Totalversager halten, der die Union in den Abgrund führt.
Eine Anti-Merz-Agenda gibt es bei Axel Springer allerdings nicht. Selbst nach dem Koalitions-Gipfel in der Villa Borsig gab man bei Bild der Regierung noch einmal Kredit, sprach vom „Reform-Triple“ – bis auch da die Hoffnung der Enttäuschung Platz machen musste. Eigentlich ist es offensichtlich: Abgesehen von kritischen Stimmen wie Ulf Poschardt oder Marion Horn, die die „Brandmauer“ als kontraproduktiv kritisierte, finden sich dort hauptsächlich Beiträge, die ebenso gut in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) oder in der Süddeutschen Zeitung (SZ) stehen könnten.
Die sichtbar prekäre Lage von Friedrich Merz, der mit der SPD keinerlei Reform durchsetzen kann, dessen Partei in Umfragen abschmiert und der selbst nur dramatisch niedrige Beliebtheitswerte verzeichnen kann, wird jedoch nicht verhindern können, dass weiter über einen „Kanzlertausch“ nachgedacht wird. Bild berichtete mehrmals über angebliche interne Diskussionen in der Union über einen möglichen Wechsel von Merz zu NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst („Die Gerüchte kommen aus dem Herzen seiner Partei“).
Ob es sich wirklich um „wüste Spekulation“ handelt, wie Merz wütend anmerkte? Falls an diesen Überlegungen etwas dran sein sollte, liegt es jedenfalls an seiner Amtsführung und seiner Art der Kommunikation – und nicht an Hendrik Wüst oder Angela Merkel – und schon gar nicht am Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner. Der Kanzler hat sich verrannt.
Lesen Sie dazu auch: Plötzlich gegen die Brandmauer: Hat die Bild-Zeitung ihren AfD-Kurs geändert?
Mehr NIUS:
Grüne verhandeln umstrittene Parteireform: Zu viel Macht für Funktionäre?
Wie Al Gores apokalyptische Doku die Welt in die Klima-Angst hypnotisierte
Weil er sich in einer ZDF-Doku kritisch äußerte: Bremen feuert Jobcenter-Mitarbeiter Fred Göcken
Sogar von Grünen kommt Kritik: Aufstand gegen NIUS-Zensur bei der BVG
Die wahre Putin-Partei ist die SPD
Warum die Politik den Majestätsbeleidigungsparagraphen gar nicht abschaffen will
CSU blamiert sich mit „Frohnleichnahm“-Doppelfehler: Krah wurde Fake vorgeworfen, doch er hatte recht
CDU sagt Präsidiumsklausur in Sachsen-Anhalt ab
Mehr NIUS:
Sogar von Grünen kommt Kritik: Aufstand gegen NIUS-Zensur bei der BVG
Die wahre Putin-Partei ist die SPD
Warum die Politik den Majestätsbeleidigungsparagraphen gar nicht abschaffen will
CSU blamiert sich mit „Frohnleichnahm“-Doppelfehler: Krah wurde Fake vorgeworfen, doch er hatte recht
CDU sagt Präsidiumsklausur in Sachsen-Anhalt ab
Warum Friedrich Merz in den eigenen Reihen als „Quassel-Kanzler“ gefürchtet ist
USA wollen zurück ins Impf-Bündnis GAVI: Wird Kennedy wirklich seine Bill-Gates-Haltung verraten?
Wankelmut, Belehrungen, Großspurigkeit: Warum die Merz-Regierung im UN-Sicherheitsrat durchgefallen ist
Claudio Casula
Artikel teilen
Kommentare