Gerhard Schröder teilt gegen Bürgergeld aus: „Jeder, der für sich selbst sorgen kann, muss das auch tun.“
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„Es hat sich ausgekanzlert, Herr Schröder reicht völlig“, stellt der Kanzler a. D. gleich eingangs klar, als der „Weltwoche“-Chefredakteur und Moderator Roger Köppel Alt-Kanzler Gerhard Schröder als „Herr Bundeskanzler“ vorstellt. Es ist eine Art Heimspiel im Ausland, was Schröder am Mittwochabend im Zürcher Hotel Dolder Grand vor rund 1000 Gästen absolviert. Nicht wenige sind eigens aus Deutschland für die Veranstaltung angereist (Eintritt: 90 Franken, mit anschließendem Drei-Gänge-Dinner sind es 300 Franken mehr).
Ob er sich vorstellen könne, noch einmal in die Politik zurückzukehren, will Köppel gleich zu Anfang wissen. Das Publikum hat Fragen per Mail geschickt, die der Moderator getreulich in das Gespräch einstreut. „Ich passe da nicht mehr rein“, sagt Schröder. „Ich bin jetzt 80 und finde, Jüngere sollten das jetzt tun.“ „78-Jährige zum Beispiel“, schiebt er scherzend mit Blick auf US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump und dessen Alter nach. Es ist dieser typische Schröder-Humor, der den Saal sofort auf seine Seite bringt. „Die 80 sieht man Ihnen gar nicht an, hätte jetzt mal jemand sagen können …“

Schröder am Mittwochabend in Zürich mit Weltwoche-Chef Roger Köppel.
Schröder und das Leben, von privat bis politisch
Überhaupt ist Schröder, der gemeinsam mit Ehefrau So-yeon Schröder-Kim unterwegs ist, erstaunlich agil, frisch und mitunter geradezu sportlich. „Mein Leben“ – so ist der Abend überschrieben. Ein Titel, der hinreichend unscharf ist, um von der privaten Biografie bis zur politischen Abrechnung alles unter eine Schlagzeile zu bringen.
Schröder über seine Kindheit und Jugend: Prägend sei seine Mutter für ihn gewesen, erzählt er, die nur vier oder fünf Jahre Volksschule hatte, dann „in Stellung“ zum Arbeiten musste und doch zeitlebens an ein besseres Leben für sich und die Kinder geglaubt hat. Sein Vater bleibt im Krieg, der zweite Mann der Mutter stirbt früh. Am Schluss ist sie mit Gerd und seinen vier Geschwistern allein, nimmt mehrere Putzstellen gleichzeitig an und stirbt 2012 mit 98 Jahren. Es seien ärmliche Verhältnisse gewesen. Fleisch gab es meist nur sonntags. „Und wenn das Pferdegulasch auf dem Tisch stand, machten mein Bruder und ich mit den Fingern nur kurz das Trappeln von Hufen nach, und schon konnten wir die Portion unserer drei pferdevernarrten Schwestern zu Ende essen.“ Niemals habe seine Mutter ihn geschlagen.
… seine Vorbilder: Willy Brandt und mehr noch Helmut Schmidt und dessen „hohes Maß an Professionalität“ hätten ihn geprägt, sagt Schröder, der die mittlere Reife und das Abitur später aus eigenem Antrieb nachholt, eine Lehre macht, Jura studiert.

Helmut Schmidt im Jahr 1982: „Wir können nicht mehr Ausländer verdauen, das gibt Mord und Totschlag.“
… nötige Kanzler-Eigenschaften: Eine „solide Ausbildung“ sei schon wichtig, sagt Schröder, und es geht ein verächtliches Raunen durch den Saal, das wohl das aktuelle Polit-Personal betrifft. Anstelle eines Karriere-Ratgebers, erzählt Schröder, habe ihm seine Mutter immer wieder gesagt, dass ein Junge nicht heult, wenn er lädiert vom Spielen heimkam. Ein Spruch, der heute als verpönt gilt und doch ganze Generationen prägte. Man müsse auch nach Niederlagen immer wieder aufstehen.
… Ex-US-Präsident George W. Bush: Es habe sich angesichts der Anschläge auf die Twin-Tower in New York 2001 einfach gehört, den USA die volle Solidarität auszusprechen, und doch sei er nicht bereit gewesen, sich 2002 am Irak-Krieg zu beteiligen. Wichtig sei gewesen, dass er sich dabei mit Frankreichs Präsident Jacques Chirac einig gewesen sei. George W. Bush sei dennoch menschlich „ein feiner Kerl“, der ihm bei einem Besuch einmal erklärte, er habe mit Gott über diesen Krieg gesprochen. „Mir hat er etwas anderes erzählt“, habe er darauf geantwortet, erzählt Schröder mit jenem schelmischen Schröder-Lächeln.
… Sozialpolitik und Reformen: Es müsse einfach eine Balance geben zwischen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit des Landes und sozialen Leistungen, sagt Schröder. Wenn er die Hartz-Reformen nicht angepackt hätte, wäre die Arbeitslosigkeit weiter gestiegen und hätte Land und Wirtschaft weiter abgeschnürt. Man dürfe auch nicht vergessen, dass Sozialhilfe-Empfänger zum Beispiel Konkurrenten auf dem Wohnungsmarkt für diejenigen seien, die ihr Geld mit einfacher Arbeit verdienen. „Jeder, der für sich selbst sorgen kann, muss das auch tun. Erst, wenn es nicht mehr geht, greift der Sozialstaat.“ Einfache, gerade Sätze, die heute bereits mit Applaus bedacht werden, weil sie nicht mehr selbstverständlich sind.
… erfolgreiche Wahlkämpfe: Man brauche auch „eine Form von Selbstsuggestion“, eine tiefe Überzeugung von der Richtigkeit der Sache und die Fähigkeit, die Dinge gut und einfach zu erklären. Und natürlich habe er den „Professor aus Heidelberg“ Paul Kirchhof im Wahlkampf 2002 „auf ein bisschen bösartige Weise“ demontiert, als dieser von 1,3 Kindern pro Frau sprach. Wissenschaftlich sei das ja völlig in Ordnung … Grinsen …
… Migration: Welches Problem das derzeit Drängendste sei, wird Schröder gefragt. „Wir haben ja nicht nur eins“, sagt er und erntet wissendes Lachen im Saal. Wenn etwa die Zahl derjenigen, die ohne wirkliche Gründe nach Deutschland und Europa kommen, überhandnehme, ohne dass der Staat handle, dann sei das „im Bewusstsein der Menschen keine akzeptable Haltung“. Wenn dann auch noch die Menschen mit einfachen Einkommen ihre Situation mit der der Migranten vergleichen, wird es sehr schwierig. „Die Politik muss den Eindruck vermitteln, dass sie die Probleme der Menschen kennt“, sagt Schröder und zweifelt indirekt, dass die aktuelle Regierung dazu in der Lage sei.

Die illegale Migration nach Deutschland ist von Schleusern professionell organisiert.
… den Krieg in der Ukraine: „Dieser Krieg ist nicht zu rechtfertigen“, sagt Schröder gleich zu Beginn. „Es gibt dafür keine Entschuldigung.“ Eine demonstrative Ansage an alle, die ihn zum unkritischen Parteigänger Putins stempeln wollen. Er sei allerdings der Meinung, dass dieser Krieg militärisch nicht zu beenden sei und hätte deshalb parallel zur Unterstützung der Ukraine „gleichzeitig immer wieder auf die Beendigung“ gedrungen, wenn es nach ihm gegangen wäre. „Wir müssen jede Chance nutzen, diesen Krieg zu beenden!“ Da erntet er offenen Applaus. Die Vorstellung, dass Russland sich geschlagen zurückziehe, sei einfach unrealistisch. Die Argumentation, wenn man Putin nicht stoppe, werde er weitermarschieren und Europa angreifen, hält Schröder für abwegig. „Ich hatte immer den Eindruck, in der Geschichte seit Napoleon sei es eher andersherum gewesen“, fügt er mit einem Lächeln an.
Er würde allerdings auch keine weitreichenden Waffensysteme nach Kiew liefern, die Moskau erreichen können, sagt er. Die Bundesregierung habe ihn nie gebeten, in dem Konflikt zu vermitteln. Es gab einen Vorstoß, der über den Schweizer Ringier-Verlag an ihn herangetragen worden sei und zu Gesprächen in der Türkei geführt habe. Am Ende sei Russland „entscheidungsfähig“ gewesen, die Ukraine aber nicht. „Man musste da wohl bei seinen Hauptunterstützern nachfragen“, sagt Schröder. „Der Einmarsch und der ganze Krieg ist ein Fehler Russlands. Das ist kaum zu bestreiten“, stellt er noch einmal klar. Gleich mehrfach trümmert Schröder auf die Rolle der EU-Kommission und „der Dame, die sich da gerade hervortut“ in diesem Konflikt ein, die „man vergessen kann in solchen Fragen“.
Aus seiner Sicht sollte man die Hilfe verbinden mit Forderungen nach Verhandlungen. Er sei politische kein Fan von Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán, halte dessen Versuch zur Vermittlung aber für nützlich und sinnvoll. Es sei doch einigermaßen schräg, dass man im Grunde ausgerechnet auf Donald Trumps Wahlsieg in den USA hoffen müsse, um ein Ende dieses Kriegen hinzubekommen. Und: „Ich halte die Gefahren, die von diesem Krieg ausgehen, für größer, als sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.“ Das betreffe nicht nur die atomare Bedrohung, sondern auch die wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen.
Seine Botschaft: „Ihr müsst den Krieg beenden, weil es gut ist für alle Seiten. Das muss geschehen!“ Donnernder Applaus im Saal.
Schröders Erfolg ist auch der nach wie vor fröhlich kollernde niedersächsische Akzent, der im Verein mit der Schweizer Diktion Köppels einen hinreißenden Charme versprüht. „Ich habe ihn und seine Partei nie gewählt“, hört man von vielen im Publikum beim Herausgehen. „Heute würde ich es mir überlegen.“ Heute allerdings steht Kanzler Olaf Scholz (SPD) zur nächsten Wahl, der für die Anwesenden eher nicht in Betracht kommt. Er gehe davon aus, dass Scholz antritt, sagt Schröder später beim Dinner im kleinen Kreis. Was er von der aktuellen Besetzung seiner Partei hält, sagt er nicht. Man kann es ahnen.
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Ralf Schuler
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