Haben Sozialdemokraten ausgedient? Warum immer mehr Arbeiter AfD statt SPD wählen
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Einst war die Parole „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten“ das Credo unzufriedener SPD-Mitglieder, die vom Burgfrieden und Kriegskrediten vor dem ersten Weltkrieg enttäuscht waren – und sich abspalteten. Später wurde die Losung von den Nationalsozialisten aufgegriffen, die in der SPD Volksverräter sahen. Und heute? Könnte der Leitsatz kaum aktueller sein, besonders im Kontext der Arbeiter, also: der Wähler, die einst das Prunkstück der stolzen SPD waren.
Die jüngsten Ergebnis sollten dabei jedes SPD-Mitglied alarmieren. Bei Landtagswahlen in Berlin kam die SPD unter Arbeitern auf 19 Prozent, in Niedersachsen auf 28 Prozent, Nordrhein-Westfalen auf 29 Prozent und Schleswig-Holstein auf 14 Prozent, und wenngleich diese Zahlen auf den ersten Blick nicht desolat aussehen, legen sie doch auf den zweiten Blick Zeugnis darüber ab, dass die SPD unter Arbeiter kaum noch überdurchschnittlich gut abschneidet – und dass sie in dieser Berufsgruppe teilweise spektakuläre Verluste verzeichnete: in Niedersachsen 13 Prozentpunkte weniger im Vergleich zur letzten Wahl, in NRW fünf, in Schleswig-Holstein gar 17.
Dies wiederum lässt zwei Schlüsse zu: Erstens ist die SPD keine klassische Arbeiterpartei mehr und zweitens, und das ist viel entscheidender: Sie verliert zunehmend ihre Wählerklientel. Der Unter Tage-Malocher aus dem Ruhrpott, der im Kohlewerk 14-Stunden-Schichten kloppte? Existiert nicht mehr. Und dass SPD-Granden wie Sigmar Gabriel, Gesine Schwan oder Wolfgang Thierse in den vergangenen Jahren die eigene Partei dafür kritisierten, sich zu sehr linksidentitär-bildungsbürgerlichen Milieus zuzuwenden, ist deshalb auch keine Überraschung; ebensowenig, dass Ex-SPD-Politiker wie Guido Reil inzwischen für die AfD antreten.
A propos AfD: Es ist bemerkenswert, dass in denselben Zeiträumen, in der die SPD bei der klassischen Malocherschicht Einbußen erlitt, die AfD unter ihnen immer stärker wurde. In Baden-Württemberg war die AfD fast drei Mal so stark wie die SPD (26 Prozent vs. 10 Prozent). Im Osten, etwa Brandenburg oder Sachsen, wählen mehr als 40 Prozent der Arbeiter die Alternative. Und: Bei allen relevanten Landtagswahlen der vergangenen Jahren verzeichneten Wahlanalysten unter Arbeitern relevante Wählerwanderung von SPD zu AfD.
Zwischen Verachtung und Kulturkampf
Ein Grund dafür könnte sein, dass dieser Tage nichts so sicher ist, wie die Beschimpfung von AfD-Wählers durch SPD-Politiker. Sawsan Chebli etwa attestierte AfD-Wählern jüngst eine „antidemokratische Agenda“, sprach von „Rechtsextremen“ und argumentierte, man solle sie am besten aus demokratischen Diskussion ausschließen. Parteichef Lars Klingbeil sieht eine „menschenverachtende“ Partei und Olaf Scholz wollte ihr im Bundestagswahl die „rote Karte“ zeigen. Womöglich reagieren Wähler oder Unentschlossene gereizt, wenn ihnen mit solcher Wortwahl unterstellt wird, verlorene Demokratiefeinde zu sein.
Ein zweiter Grund könnte die Entkopplung der SPD von den Sorgen und Nöten der Arbeiterschicht sein. Handwerker, Kfz-Mechaniker oder Bauarbeiter haben aber Bedürfnisse, die relativ pragmatisch sind: Sie wollen mehr Netto vom Brutto am Ende des Monats haben, gute Bildung für ihre Kinder und sichere Viertel, in denen sie leben können. Meistens möchten und müssen sie Auto fahren – und Fleisch verzehren, ohne auf den eigenen CO2-Fußabdruck zu achten. Sie haben Sinn für Identität und Heimat, die Recklinghausen, Chemnitz oder Wilhemshaven heißt – und nicht gleichbedeutend mit einer global vernetzten Welt ist. Zumeist hält er nicht viel davon, mittels unsinniger Corona-Vorschriften oder Gendersprache zu einem besseren Menschen erzogen zu werden – und spricht nicht nach Regeln der politischen Korrektheit, sondern wie ihm die Schnauze gewachsen ist. Er ist kein Ausländerfeind, aber will geregelte Migration und sieht, dass hier vieles aus dem Ruder gelaufen ist.
#HelmutSchmidt #Migration#ClashOfCivilisation #Maischberger https://t.co/ZSqtGbCeai pic.twitter.com/4BtoTZaT1n
— Atze Schneider (@Berlina030) August 24, 2021
Zurück zu den Wurzeln?
Kurz: Er hat kein Interesse an einem linken Kulturkampf, der ihn im Zweifelsfall zum Klimasündern, Rassisten oder alten weißen Mann erklärt, wenn er die einstudierten Rituale des bildungsbürgerlichen Milieus missachtet. Ihm sind Helmut Schmidt und Otto Schilly näher als postmigrantisches Berufsopfertum. Nur: Die SPD hat sich in dieser Hinsicht fast schon auf erschreckende Art und Weise den Grünen angenähert.
Insofern ist der sozialdemokratische Bedeutungsverlust im im Arbeitermilieu nur konsequent. Erst wenn die SPD begreift, dass diese Menschen keine verlorenen und rechtsoffenen Taugenichtse sind, weil sie AfD wählen, kann sie zu ihnen zurückfinden. Bis dahin hat der Malocher jeden Grund zu glauben, dass seine Partei ihn verrät – und er bei seinen Wahlentscheidung Parteien bevorzugt, die ihn nicht gängeln und bevormunden, sondern respektieren und schätzen.
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