Happy Birthday, „Wir sind das Volk“ – der stolzeste Satz der Deutschen wird heute 35!
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Wer genau den Spruch erfunden und als erster skandiert hat, ist nicht überliefert. Fakt ist, dass „Wir sind das Volk“ auf der Leipziger Montagsdemo am 2. Oktober 1989 erklang und das erste Mal als wirkmächtiger Sprechchor registriert wurde. Es war die Zeit, als die Demonstranten trotz ihrer schieren Masse und der Aufmärsche in allen Teilen der DDR von den Parteimedien und -funktionären als „Rowdys“ und westliche Provokateure verunglimpft wurden.

Am 2. Oktober 1989 fand in Leipzig die größte Demonstration seit dem Volksaufstand 1953 in der DDR statt.
Der Slogan stellte sich dem mit beachtlicher Raffinesse entgegen, hielt gewissermaßen dem selbst erklärten „Staat der Arbeiter und Bauern“ entgegen, dass man genau dieses Volk sei, das zu vertreten die SED als vermeintlicher „Partei der Arbeiterklasse“ vorgab. Und auch den damals noch bedrohlichen „Volkspolizisten“ schleuderten die Demonstranten die entwaffnende Botschaft ins Gesicht, dass man im Grunde der Namens- und Auftraggeber der „VoPos“ sei. Ob all das ein gutes Ende nehmen würde, war zum damaligen Zeitpunkt längst nicht klar, und so schwang noch immer eine gewisse Sorge mit, wie „das Regime“ reagieren würde.
Das „gute Volk“ von damals ist zum ungezogenen Bengel geworden
Soziologen sprechen rückblickend von einer „Selbstwirksamkeitserfahrung“ der Ostdeutschen in diesem Wende-Herbst 1989: Man hatte als Volk „der Obrigkeit“ gezeigt, wer die Mehrheit und das Sagen hatte. Es ist deshalb kein Zufall, dass „seit 2014 der Ausruf zunehmend in Kreisen rund um die völkische, rassistische, islamfeindliche, antidemokratische, rechtspopulistische PEGIDA-Bewegung und bei Demonstrationen und Aktionen gegen Asylbewerber sowie Moscheen in Deutschland verwendet“ wurde, wie es im entsprechenden Wikipedia-Eintrag heißt. Das „gute Volk“ von damals ist zum ungezogenen Bengel, dem „bösen Volk“ geworden.

Spruchbänder mit „Wir sind das Volk“ auf der Montagsdemo vom 9. Oktober 1989.
Ein Thema, das bis heute auf vielen Ebenen Teil des gesellschaftlichen Diskurses ist: Wer Volksnähe als eine andere Spielart von „Populismus“ für sich beansprucht, gerät unter Verdacht. Das Volk als Souverän im Sinne des Grundgesetzes (Art. 20) reklamiert das verfassungsrechtliche Mandat für sich, und Besserwissende in Politik und Medien fahren ihm in die Parade. In einer Demokratie eine schwierige Situation.
Heute so aktuell wie damals
„Wir sind das Volk!“ Der Spruch hat seine demokratische Vitalität und Aktualität bis heute dennoch nicht verloren. Kein Wunder also, dass er mit forderndem Unterton bis heute immer wieder auf Demonstrationen – nicht nur im Osten – zu hören ist. Dabei ist die Situation heute gar nicht vergleichbar mit dem Wende-Herbst 1989, als man einer niedergehenden Ein-Parteien-Diktatur die Mitsprache der Massen abringen musste. Heute erleben wir in einer freiheitlichen Demokratie, dass viele Menschen ihren Protest an den Wahlurnen durch die Wahl sogenannter „Populisten“ artikulieren, die von den konkurrierenden Parteien aber gewissermaßen als nicht Macht-zugriffsberechtigt deklariert werden.

Fahne mit „Wir sind das Volk“ Aufschrift auf einer Demo gegen die Ampel in Brandenburg im Januar 2024.
Auch wenn die „Brandmauer“ gegenüber der AfD und Unvereinbarkeitsbeschlüsse mit der Linken dem formellen Regelwerk und der Koalitionsfreiheit der Parteien entsprechen, macht sich doch gerade im Osten heute mehr und mehr ein Gefühl breit, als stehe man wiederum einem System gegenüber, das nicht bereit ist, den – nun ganz legal – abgegebenen (Wahl-)Denkzettel entgegenzunehmen. Demokratie sei „friedlicher Machtwechsel“, habe man nach der Wende erklärt bekommen. Nun stelle sich heraus, dass die etablierten Parteien einem vorschreiben wollten, aus welchen Parteien, nämlich möglichst nur aus ihren eigenen Reihen, man zur Artikulation von Kritik „frei“ auswählen dürfe. Und: Unterhalb der absoluten Mehrheit reagiere auch die bundesdeutsche Demokratie nicht auf Signale des Widerwillens.
Besonderen Sinn für Humor und skurrile Überzeichnung offenbarte übrigens schon 1989 ein Demonstrant, der dem Slogan „Wir sind das Volk“ ein Transparent mit der Aufschrift entgegenhielt: „Ich bin Volker!“ Das Volk als Konjunktiv. Darüber lohnt es nachzudenken.
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Ralf Schuler
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