Matthias Berger ist das Zünglein an der Waage im Sächsischen Landtag: „Das Land ist doch einfach marode“
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Er ist einer der mächtigsten Abgeordneten im Sächsischen Landtag: Matthias Berger (parteilos für Freie Wähler) war bislang Oberbürgermeister der Stadt Grimma und kann mit seiner Stimme im Landesparlament der AfD zur „Sperrminorität“ von 41 Stimmen verhelfen. Im Gespräch bei „Schuler! Fragen, was ist“ erklärt er, warum es für ihn keine „Brandmauer“ gibt. „Eine gute Idee ist eine gute Idee“, sagt Berger, „ganz gleich, von wem sie kommt.“
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Beim Interview in einem Dresdner Gasthof fällt vor allem eines auf: Berger ist geradeheraus, offen und ohne Scheu, die Dinge auszusprechen, wie er sie sieht. Über die Kommunen in Sachsen, die er als Bürgermeister bestens kennt, sagt er: „Wir sind quasi alle pleite und das, was mit der Carolabrücke da passierte letztens, das ist für mich symptomatisch. Also die Carolabrücke, ein Standard-Bau, bricht zusammen, und dahinter in der Staatskanzlei wird darüber diskutiert, ob man nun 1, 2, 3, 4, 5, oder 6 Vizepräsidenten für den Sächsischen Landtag bestellt. Das versteht niemand mehr.“

Matthias Berger im Gespräch mit Ralf Schuler.
„Das hat was mit Wohlstands-Dekadenz zu tun“
Auf die Frage, warum das Wahlverhalten vieler Ostdeutscher von demjenigen der Westdeutschen abweiche, sagt Berger, aus Wendezeiten hätten viele ein „gewisses Misstrauen gegenüber den Obrigkeiten“ mitgebracht. Das zweite ist: „Wir wissen, wie schnell so ein System ins Rutschen kommen kann. Keiner hätte im August 1989 gedacht, dass so ein extrem überwachtes System wie die DDR so schnell kollabieren kann. Und es ist passiert. Und ich glaube, in Westdeutschland, da sind jetzt vier Generationen im Wohlstand groß geworden. Gerade die Generation, die jetzt am Drücker ist, da ist so viel Geld da, so viel Kapital, die können sich manche Dekadenz, auch politische Dekadenz leisten. Das können wir im Osten nicht. Ich habe nach der Wende angefangen zu studieren und mir was aufzubauen. Die Generation meiner Kinder werden die Ersten sein, die einen gewissen Wohlstand irgendwann erben werden. Und das ist im Westen über Jahrzehnte kumuliert, und ich denke, da lebt man in so einer Wohlstandsblase.“

Diplomatie ist Bergers Sache nicht. „Das Land ist doch einfach marode. Ich denke, das hat was mit Wohlstands-Dekadenz zu tun, die aber aus meiner Sicht in den alten Bundesländern vorherrscht. Und da haben wir Ossis aufgrund der Geerdetheit der eigenen Erfahrung eine andere Sicht. Wir haben noch ein besseres Gefühl für die tatsächlichen Möglichkeiten.“
„Wir werden euch schon zeigen, wie ihr zu denken habt“
Die „Brandmauer“ zur AfD und das allgemeine Gesprächsklima sieht der Jurist und frühere Anwalt als Ausdruck einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung „dieser mittlerweile ja kranken Gesellschaft. Das sollte nicht sein. Also ich bin so erzogen worden, dass man sich miteinander unterhält, dass man eben Diskussionen führt, Themen, Thesen austauscht, und dann vielleicht gemeinsam eine Entscheidung trifft. Oder einer trifft eine Entscheidung. Aber danach schaut man sich in die Augen. Das geht ja vielfach heute gar nicht mehr.“

Die Freien Wähler, auf deren Liste er kandidierte, ohne Mitglied zu sein, füllen aus Sicht Bergers eine politische Lücke. „Das Bürgerlich-Konservative ist in diesem Land nicht mehr vorhanden, sondern in der Mitte herrscht quasi ein Vakuum. Die CDU hat dieses Bürgerlich-Konservative verraten. CDU und SPD versuchen, so eine Art Einheitspartei darzustellen, die sie aber nicht sind, weil sie in der Summe für nichts stehen. Und das ist das Problem.
Und dann gibt es aus meiner Sicht eine sehr ideologische und sehr überhebliche linksgrüne Szene, die für sich in Anspruch nimmt: Wir wissen, wie es geht und wir werden euch das schon zeigen. Wir werden euch schon zeigen, wie ihr zu denken habt. Aber die Mitte ist quasi entleert. Und dann gibt es eben als Gegenpol – leider als einzigen Gegenpol – hinter der berühmten Brandmauer die AfD.“
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Ralf Schuler
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