Melkkuh Mittelschicht: Warum Normalverdiener in Deutschland häufig Frust schieben
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Wenn man sich mal anschauen will, wie Deutschland seinen Motor abwürgt, muss man einfach in die Mitte der Gesellschaft gehen. Obwohl sich 80 Prozent der Deutschen noch immer zur Mittelschicht zählen, schrumpft nach einer Untersuchung des Münchner ifo Instituts genau dieser mittlere Einkommensbereich: weil Teuerung den Lohn auffrisst und die hohen Zinsen den Aufbau von (Immobilien-) Vermögen erschweren.
„Die Melkkuh der Nation ist die Mitte“, sagt Reiner Holznagel, Präsident des Bundes der Steuerzahler zu NIUS. Genau diese Mittelschicht trägt die Hauptlast der Einkommenssteuer – derzeit sind das rund 305 Milliarden Euro. Eine Summe, die bis 2027 auf knapp 400 Milliarden Euro anwachsen wird. Das Frustrierende für diese Mittelschicht, zu der 26 Millionen Haushalte in Deutschland gehören, ist, dass sie bereits mit dem Spitzensteuersatz belastet ist – und von jedem weiteren hinzuverdienten Euro nur fünfzig Cent bleiben.

Menschen in Kölner Einkaufsstraße.
Der Grund für das nicht endende Schröpfen der Normalverdiener (Single: 17.000 bis 46.000 Euro, Familie mit zwei Kindern: 36.000 bis 98.000 Euro) ist einfach: Es ist die größte Gruppe der Gesellschaft, der man in die Tasche greifen kann. „Nur Masse macht Kasse“, sagt Holznagel. „Dort ist am meisten zu holen, weil es die Fleißigen sind, die arbeiten, sich etwas aufbauen wollen und gleichzeitig konsumieren, also auch bei den indirekten Steuern noch kräftig dabei sind.“ Bei Geringverdienern ist für den Fiskus wenig zu holen, und die Superreichen sind zu wenige.

Das Ifo-Institut sieht Menschen mit mittleren Einkommen in Deutschland „am Rande ihrer Belastungsfähigkeit“.
Besonders absurd wird es ausgerechnet beim Mindestlohn, rechnet Holznagel vor. „Durch die politisch gewollte Anhebung von 9,81 Euro auf zwölf Euro haben Arbeitnehmer eine Lohnerhöhung von 22 Prozent erhalten. Die Steuerbelastung für diesen Mehrverdienst wuchs allerdings um 50 Prozent.“
Und die Mitte wird nicht nur durch die Steuer gepiesackt. Auch die Beitragsbemessungsgrenzen, die die Abzüge von Sozialabgaben wie etwa der Krankenversicherung regeln, steigen still und heimlich von Jahr zu Jahr – und sorgen dafür, dass weniger Netto vom Brutto übrigbleibt. Wie beim Hasen und dem Igel: Die Kosten für die Mittelschicht sind immer schon da, wenn man mit einer kleinen Gehaltserhöhung um die Ecke kommt, und hofft, dass am Monatsende etwas in der Haushaltskasse bleibt.

Berlin: Exemplare des Buchs „Das Ende der Mittelschicht. Abschied von einem deutschen Erfolgsmodell“ von Daniel Goffart liegen bei einem Termin zur Buchvorstellung auf einem Tisch im Hotel Albrechtshof.
Dass man zur Mittelschicht gehört, merkt man rasch auch daran, dass man bei Kita-Gebühren stets ganz vorn dabei sein darf und nichts vom Amt bekommt, keinen Wohngeld-Anspruch hat und auch in der Schule der Kinder immer hübsch am zahlen ist, wo andere Zuschüsse oder Kostenübernahmen erhalten, zum Beispiel für Bücher und Klassenfahrten.
Nun kann man zu Recht stolz darauf sein, für sein Leben und die Kinder selbst sorgen zu können. Und doch kommt hin und wieder der Verdacht auf, zu den Dummen zu gehören, die sich ehrlich machen. Leistung muss sich lohnen, heißt es immer. Bürgergeld lohnt sich allerdings in vielen Fällen auch.
Lesen Sie auch: Wie der deutschen Mittelschicht ihr Wohlstand geraubt wird
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Ralf Schuler
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