„Scheitert Putin, droht ein Bürgerkrieg“: 9 Möglichkeiten, wie es jetzt in Russland weitergeht
Der Blick aufs vergangene Wochende scheint heute fast unwirklich. Seit Freitagabend überschlugen sich die Schlagzeilen: Mit einem Putsch-Versuch ließ Söldner-König Jewgeni Prigoschin Russlands Präsidenten Putin für 24 Stunden überraschend schwach aussehen. Zwar gab der Chef der paramilitärischen Wagner-Truppe ganz plötzlich auf, der Vertrauensverlust in Putins Regime ist trotzdem riesig.
Zwei Tage nach dem inner-russischen Skandal mitten im laufenden Ukraine-Krieg fragt sich die Welt: Wie geht es jetzt weiter mit Putin, Russland und dem Kriegszustand, der nach wie vor die ganze Welt beunruhigt? Neun Szenarien, die heute in den europäischen Medien diskutiert werden:
Die Demütigung wird Putin noch gefährlicher machen
Der Londoner Guardian: „Der russische Staatschef zog am Samstag Parallelen zu den Kriegsereignissen im Jahr 1917, die zur ‘Zerstörung der Armee und des Staates‘ führten. Andere verwiesen auf 1991: Michail Gorbatschow konnte einen Putsch abwenden, aber weder seine Regierung noch die Sowjetunion überlebten den Rest des Jahres. Nur wenige gehen davon aus, dass Putin das gleiche Schicksal widerfährt. Aber seine Herrschaft über das Land war noch nie so bedroht wie heute.
In den vergangenen 18 Monaten hat er zwei schwere Rückschläge einstecken müssen, die er selbst verursacht hat: den gescheiterten Versuch, Kiew einzunehmen und die Ukraine zu unterwerfen, und nun die Rebellion seines Schützlings mit Kräften, die Putin selbst in die Lage dazu versetzt hatte. Die Unsicherheit und die Demütigung könnten ihn noch gefährlicher machen. Prigoschins Aufstand scheint zwar beendet zu sein, aber die Folgen davon beginnen sich gerade erst zu entfalten.“
In Russland droht ein Bürgerkrieg
Der österreichische Standard: „Was geschieht nun? Unwahrscheinlich, dass sich die Wagner-Kämpfer der regulären Armee unterstellen werden. Eher werden sie sich in Belarus unter ihrem Chef Prigoschin versammeln. Zu welchem Zweck auch immer.
Nicht unwahrscheinlich ist, dass Putin seinen Verteidigungsminister Schoigu und dessen Generalstabschef Gerassimow entlässt. Hardliner könnten an die Macht kommen. Für die Ukraine wäre das keine gute Perspektive. Und für Putin eine nicht sehr populäre Entscheidung, nicht einmal ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl. Die Wahl wird er wohl gewinnen, einen wirklichen Nachfolger gibt es nicht. Aber was kommt dann? Scheitert Putin, droht in Russland ein Bürgerkrieg. Das Gespenst des Chaos der 90er-Jahre steht im Raum. Machtkämpfe, politische Morde. Diesmal allerdings mit diversen Privatarmeen. Dann würde sich der Westen Putin wohl händeringend zurückwünschen. Auch damit die Atomwaffen unter Kontrolle blieben.“
Plötzlich als Lösung im Raum: Vermittlung und Verhandlung
Die tschechische Hospodarske noviny: „Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin ist das ein erheblicher Prestigeverlust – nicht nur, weil eine Söldnertruppe bereits auf dem Weg nach Moskau war. In dem Konflikt vermittelte mit dem belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko jemand, der in den Augen gewöhnlicher Russen bisher nur ein treuer Vasall des Kremls war. Wann wird sich die russische Armee an Lukaschenko mit der Bitte wenden, zum Beispiel einen Waffenstillstand in der Ukraine auszuhandeln oder einen friedlichen Rückzug Putins aus dem Amt zu arrangieren? Auf einmal erscheinen solche Überlegungen nicht mehr als reines Wunschdenken, sondern als etwas, das unter bestimmten Umständen eintreten könnte.“
Sicherheit des russische Atom-Arsenals hinterfragen
Der britsche The Telegraph: „Die unmittelbare Gefahr für Wladimir Putin ist gebannt, auch wenn allgemein davon ausgegangen wird, dass er geschwächt wurde. Die russische Bevölkerung, die von Anfang an mit Lügen über die Invasion in der Ukraine gefüttert wurde, muss sich allerdings fragen, wie es sein kann, dass eine schwer bewaffnete Truppe eine Stadt mit mehr als einer Million Einwohnern fast unbehelligt einnimmt.
Präsident Putins Unbehagen ist zwar erfreulich, aber niemand sollte sich ein zerfallendes Russland wünschen. Wenn das Chaos regiert, was wird dann aus dem russischen Atomwaffenarsenal? Zumindest während des Kalten Krieges wusste man, dass es unter starker zentraler Kontrolle stand. Prigoschins Rebellion zeigt, dass diese Waffen in die Hände einer bunt zusammengewürfelten Bande von Söldnern fallen könnten, die offenbar in der Lage sind, das Land nach Belieben zu durchqueren. Putin droht immer wieder mit dem Einsatz von Atomwaffen, was nur von wenigen Analysten ernst genommen wird. Aber wissen wir, wie sicher die Bestände des Landes sind?“
Stimmung der Russen könnte sich drehen
Die norwegische Boulevardzeitung Verdens Gang: „Die Spuren dieses Tages lassen sich nicht wegwischen. Alle konnten sehen, dass Putin unter gewaltigen Druck gesetzt wurde. Der Propaganda-Apparat konnte nicht länger verbergen, dass Russland gespalten und die Unzufriedenheit mit dem Krieg groß ist. Putin wirkte verletzlicher als jemals zuvor in seiner Zeit als Präsident. Und kaum etwas ist für einen Autokraten demütigender, als verletzlich zu wirken. Er wurde gezwungen, denjenigen Straffreiheit zu geben, denen er wenige Stunden zuvor noch Verrat vorgeworfen hatte. Er musste stillschweigend akzeptieren, dass Prigoschin den Russen die Wahrheit über die falsche Begründung für den Krieg erzählt hat.
Putin wollte Kiew einnehmen und ein gehorsames und autoritäres Regime einsetzen. An diesem Wochenende waren russische Stärken auf dem raschen Vormarsch zu seiner Bastion, dem Kreml. Man kann sich kaum ein deutlicheres Zeichen dafür vorstellen, wie schlecht der Krieg für Russland läuft.“
Weitere Feinde von innen
Die französische Libéaration: „Die ganze Welt blickte – zum ersten Mal in seiner langen Regierungszeit – auf einen wankenden Wladimir Putin. Nicht nur, dass die Warnungen seiner Geheimdienste nicht funktionierten, auch dass seine Truppen bei einer Invasion, die innerhalb von drei Tagen zusammengefaltet werden sollte, versagt haben, ist kein Geheimnis mehr. Der gedemütigte Wladimir Putin hat realen Grund, paranoid zu werden. Er weiß, dass seine Feinde auch auf seinem eigenen Territorium lauern. Und seit dem Aufstand von Prigoschin ist die ganze Welt zu dem Schluss gekommen, dass er sie nicht mehr unter Kontrolle hat. Die Ereignisse des 24. Juni könnten sich wiederholen. Clans, Fraktionen oder Privatarmeen... Wer von seinen inneren Dämonen wird als nächstes auf Moskau marschieren?“
Verwundbarkeit ab jetzt immer präsent
Die italienische Zeitung Corriere della Sera: „Moskau und seine Symbole werden nicht mehr attackiert. Es scheint sogar, dass sie es nie wurden. Nichts bleibt von diesem dramatischen Tag übrig, der eine Seite der Geschichte zu schreiben schien. Die Staatsnachrichten sind zu den üblichen Meldungen zurückgekehrt, am Morgen danach gibt es Kochsendungen.
Was von Wagners Marsch auf Moskau wirklich übrig geblieben ist, kann man mit bloßem Auge nicht sehen, aber man kann es spüren. Trotz seiner Kürze hat der Aufstand die Verwundbarkeit des Machtsystems von Putin gezeigt, indem er den Kern seiner Stärke getroffen hat. (...) Das Unentschieden, mit dem der Showdown endete, ändert nichts am Ausmaß dieser Wunde.“
Putin könnte seine engsten Vertrauten opfern
Die belgischen Zeitung De Tijd: „Wie der ukrainische Präsident Selenskyj erklärte, hat die Meuterei deutlich gemacht, dass Putin nicht unantastbar ist. Fast ein Vierteljahrhundert lang hat der russische Staatschef alles getan, um seine Macht zu festigen. Oligarchen mit politischen Ambitionen wurden aus dem Weg geräumt oder eingesperrt, die Opposition wurde erfolgreich zum Schweigen gebracht und die Bevölkerung wurde durch Repressionen und staatliche Propaganda in Schach gehalten.
Prigoschin verschaffte sich mit seiner unverblümten Kritik eine Anhängerschaft, insbesondere unter russischen Nationalisten und Extremisten. Wichtig war auch, dass er sich immer wieder an der Front in der Ukraine filmen ließ, wo er mit seinen Männern unter Beschuss stand. Damit unterschied er sich deutlich von den ‘Sesselgenerälen', die von weit hinter der Front aus Soldaten in den sicheren Tod schicken.
In den kommenden Tagen wird sich zeigen, wie groß der Schaden ist. Mit besonderer Spannung wird das Schicksal von Verteidigungsminister Schoigu und Generalstabschef Gerassimow beobachtet, die sich übrigens am Samstag nicht gezeigt haben. Werden sie die Rebellion überleben oder wird Putin sie opfern?“
Verschärfte Repressionen
Die niederländischen Zeitung „de Volkskrant“: „Die Auswirkungen auf den Krieg gegen die Ukraine sind noch unklar. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte am Sonntag, der Aufstand von Prigoschin beweise, dass Putin ‘keine Kontrolle‘ über Russland und ‘offensichtlich große Angst‘ habe.
Doch außer Prigoschin scheint Putin vorerst keine Verbündeten innerhalb seines Sicherheitsapparates verloren zu haben. Putins Sprecher Dmitri Peskow sagte am Sonntag, der Krieg gegen die Ukraine gehe unverändert weiter. Er weigerte sich, zu Gerüchten über bevorstehende Entlassungen innerhalb der Armeespitze Stellung zu nehmen – Prigoschin hatte vor allem den Abgang von Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow gefordert.
Man kann davon ausgehen, dass Putin die Repressionen in Russland verschärfen wird, weil er eine Neuauflage der Revolte von Prigoschin befürchtet. Er weiß, dass Revolutionen in Russland manchmal erst im zweiten Anlauf gelingen. Und sein wichtigstes Versprechen an das russische Volk lautet seit 23 Jahren: keine Revolution.“
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