„Viele Leben gerettet“? – Wie Lauterbach jetzt mit Hitzetoten Politik machen will
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Mit 3100 Menschen sind im Sommer 2023 im Vergleich zu den Vorjahren relativ wenig Menschen in Verbindung mit Hitze gestorben, wie das Robert-Koch-Institut schätzt – Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will das als Erfolg seines „Hitzeschutzplans“ verbuchen: „Viele Leben gerettet“, schreibt er bei X (früher Twitter).
Zum einen ist diese Zahl kein großer Erfolg, denn in 12 der vergangenen 20 Jahre gab es weniger, teils deutlich weniger Tote in Verbindung mit Hitze (siehe Grafik weiter unten). Zum anderen kann Lauterbachs Gesundheitsministerium weder beziffern, wie viele Menschenleben „gerettet“ worden sein sollen, noch einen Einfluss belegen – nicht einmal zu den Maßnahmen konnten konkrete Angaben gemacht werden.
Projekt @BMG_Bund Hitzeschutz hatte das Ziel, die Zahl der Hitzetoten 2023 unter 4.000 zu senken. Das ist uns gelungen. Besonderer Dank an alle Pflegekräfte, @DPflegerat und den Deutschen Hausärzteverband für die Teamarbeit. Viele Leben gerettet https://t.co/VinO2sKS4i
— Prof. Karl Lauterbach (@Karl_Lauterbach) September 30, 2023
Gute Ratschläge
Auf NIUS-Anfrage verwies Lauterbachs Ministerium auf die (oben zitierten) Angaben des RKI, die jedoch schlicht eine Schätzung zu Todesfällen anhand von Temperaturdaten sind. Das RKI weist sogar ausdrücklich darauf hin, dass ein direkter Hitzetod nur sehr selten vorkommt, „während in den meisten Fällen die Kombination aus Hitzeexposition und bereits bestehenden Vorerkrankungen zum Tod führt“. Das erklärt auch, warum laut der Schätzungen mehr als 58 Prozent der „Hitzetoten“ 85 Jahre oder älter, knapp 86 Prozent 75 Jahre oder älter waren.
Dass Lauterbachs Hitzeschutzplan zahlreiche Menschenleben gerettet haben soll, ist also unbelegt. Konkret sind bisher lediglich Plakate mit bedeutungsvollen Hinweisen – wie etwa man solle bei Hitze „ausreichend Wasser trinken“ und die „Wohnung kühl halten“ – und weitere Informationsbroschüren ähnlicher Qualitätsklasse an Seniorenheime und Arztpraxen ausgeliefert worden.
Darüber hinaus bleibt es bei Ankündigungen von Analysen, Expertenrunden und dem Versprechen, sich besser austauschen zu wollen.

Dieses Plakat ist der zentrale Bestandteil des „Hitzeschutzplans“.
Das gibt Lauterbach sogar selbst zu: „Der Schwerpunkt der Initiativen liege derzeit vor allem auf der Kommunikation und der Sensibilisierung“, heißt es auf der Website.
„Die Maßnahmen wirken“
Lauterbachs Behauptung ist aber nicht nur unbelegt, sie ist auch wenig plausibel: Am 28. Juli – zu diesem Zeitpunkt hatte das RKI bereits 1600 Hitzetote geschätzt – stellte Lauterbach seine Pläne vor, also in der zweiten Hälfte des Sommers. Vier Wochen später, Ende August lag die Zahl der geschätzten Hitzetoten laut RKI bereits bei 3000.
Es klingt ein wenig wie während der Corona-Krise: „Die Maßnahmen wirken“, behauptete der Minister immer wieder ohne dabei jeglichen Beleg vorzuweisen, selbst wenn sich Inzidenzen europaweit synchron veränderten, völlig unabhängig von den Maßnahmen. An diese Strategie scheint Lauterbach nun auch bei anderen Themen anzuknüpfen.
Lauterbach erfand zehntausende Hitzetote
Schon als Lauterbach seinen Hitzeschutzplan vorgestellt hatte, hantierte der Minister mit frei erfunden Zahlen, um dem Phänomen „Hitzetote“ mehr Gewicht zu verleihen. „Es ist nicht akzeptabel, wenn wir jedes Jahr zwischen 5000 und 20.000 Todesfälle beklagen“, so Lauterbach im Juni.
Noch nie gab es in Deutschland 20.000 Hitzetote – nicht einmal im Ansatz. 1994, als Deutschland von Ende Juni bis Ende Juli von Dauerhitze heimgesucht wurde, starben 10.100 Menschen in Verbindung mit Hitze – im heißesten deutschen Sommer aller Zeiten (2003) waren es 9500 Hitzetote, wie eine Studie des Robert-Koch-Institutes zeigt.

So weit weg ist Realität von Lauterbachs Panik-Zahlen zu Hitzetoten.
Und auch der zweite Teil von Lauterbachs Aussage, es gebe „jedes Jahr zwischen 5.000 und 20.000 Todesfälle“ erweist sich bei genauerem Hinsehen als frei erfunden: In 25 der vergangenen 31 Jahre gab es weniger als 5000 Hitze-Todesfälle, in 17 Jahren davon weniger als 2000.
Lauterbach erfindet also zehntausende Hitzetote.
NIUS hatte das Bundesgesundheitsministerium gefragt, auf welcher Daten-Grundlage Lauterbach seine Behauptungen stützt – trotz mehrfacher Nachfrage bekamen wir keine Antwort.
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