Virologe Klaus Stöhr widerspricht Corona-Panik: „Ganz normale Sommerperiode“
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Corona ist zurück in den Schlagzeilen.
Die Fallzahlen steigen laut Robert-Koch-Institut (RKI) wieder, die Virus-Varianten heißen nicht mehr „Omikron“, sondern „Eris“ oder „Pirola“. „Das Virus ist noch nicht fertig mit uns“, zitiert der Spiegel die Schweizer Virologin Isabella Eckerle, auf die sich auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) beruft, wenn er warnt, dass das Virus „noch zu größeren Veränderungen imstande“ sei und daher „stetig die Impfstoffe“ angepasst werden müssten.
Der Virologe Klaus Stöhr (ehemals WHO) sieht das grundlegend anders und gibt Entwarnung: „Kein einziger Indikator deutet darauf hin, dass wir uns nicht in der ganz normalen, entspannten Sommerperiode der Atemwegserkrankungen befinden: Weder die Anzahl der Atemwegsinfektionen bei den Hausärzten noch die der schweren Infektionen in den Krankenhäusern geben Anlass daran zu zweifeln, dass wir uns in der endemischen Phase von Corona und im Sommer befinden“, so Stöhr zu NIUS.
Bei der dauerhaften Überwachung des RKI von Atemwegserkrankungen, der sogenannten „Aktivität akuter respiratorischer Erkrankungen“ (ARE), mache Sars-Cov-2 weniger als 10 Prozent der Erkrankungen aus, erklärt Stöhr.

Minister Karl Lauterbach
RKI Zahlen bestätigen: Inzidenzwerte weiterhin sehr niedrig
Die Zahlen aus dem jüngsten ARE-Wochenbericht des RKI bestätigen das: Rhinoviren sind mit 38 Prozent der eingeschickten Proben der größte Teil der entdeckten Atemwegserkrankungen, dahinter Parainfluenzaviren mit zwölf Prozent, Corona macht nur sechs Prozent aus.
Das Fazit des RKI-Berichts: „Die ARE-Aktivität in der Bevölkerung liegt aktuell noch auf einem niedrigen Sommerniveau. Die Zahl schwer verlaufender Atemwegsinfektionen bleibt ebenfalls auf einem niedrigen Niveau.“ Seit gut sechs Wochen würden wieder mehr Corona-Fälle gemeldet, heißt es weiter: „Insgesamt sind die COVID-19-Inzidenzwerte aber weiterhin sehr niedrig.“
Furcht vor neuer Variante „Priola“
Die Virologin Isabella Eckerle sieht „erstaunlich viele Mutationen“ bei der BA.2.86-Variante, die auch den Namen „Priola“ trägt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte die Mutation vergangene Woche als eine von derzeit sieben „variants under monitoring“ (Varianten, die beobachtet werden) ein. „Priola“ unterscheide sich „genetisch ungefähr so stark von Omikron wie Omikron von den vorherigen Varianten“, sagte Eckerle dem Spiegel. Die Virologin vermutet, dass BA.2.86 eine deutliche Immunflucht aufweisen werde.
Stöhr nennt die Diskussion „erstaunlich“. Sie zeige, „wie wenig selbst Fachleute davon verstehen: Es gibt zwar tatsächlich einige genetische Veränderungen bei den zirkulierenden Viren. Aber entscheidend ist, ob diese den Immunschutz durch vorherige Impfung und Infektion unterlaufen. Das ist nicht der Fall“, so Stöhr. Das werde im Laufe der Zeit zwar möglich werden, sei aber kein Grund, jedes Jahr im Herbst erneut in Panik zu verfallen und Hygienemaßnahmen einzuführen.

RKI-Chef Lothar Wieler
Coronaviren würden, so Stöhr, zudem „im Vergleich zu anderen Atemwegsviren wie zum Beispiel der Influenza eher langsam mutieren“. Hinzu komme die biologische Plausibilität: „Die Immunitätslage ist nach diversen Infektionen und Impfungen in Deutschland sehr gut“, so der Virologe. Es gebe keinen Anlass zur Panik.
Auch den Nutzen anlassloser Coronatests – wie sie zum Teil wieder empfohlen werden – sieht Stöhr nicht: „Testen ist dann sinnvoll, wenn der einzelne einen therapeutischen Vorteil hat oder es eine Gefahr für die Allgemeinheit abzuwenden gilt – beides ist gegenwärtig nicht der Fall. Wenn sie mit einer Atemwegserkrankung zum Arzt gehen, werden Sie in der Regel immer gleich behandelt, ob mit oder ohne Testergebnis.“
Corona-Welle, aber nur in den Schlagzeilen
Trotz eine Mikro-Inzidenz von 5 und kaum messbarer schwerer Erkrankungen hat es Corona und die Sorge um einen Herbst mit vielen Infektionen wieder in die Medien geschafft. Top-Virologe Stöhr teilt diese Sorge nicht.
Warum warnen unterschiedliche Virologen und Epidemiologen nun erneut vor einer anscheinend nicht vorhandenen Gefahr? Stöhr meint, das sei eine Frage, mit der sich Psychologen und Psychiater beschäftigen sollten.
„Ich als Laie kann nur sagen, dass offenbar einige medial plötzlich bekannte Personen – seitdem die Pandemie in die Endemie übergegangen ist und das Thema nicht mehr allgegenwärtig ist – offenbar ein Aufmerksamkeitsdefizit erleben. Außerdem fällt es sicher vielen Menschen – auch mir natürlich – schwer, eigene Entscheidungen und Positionen aus der Vergangenheit kritisch zu hinterfragen und Fehler einzugestehen. Es gibt große Persönlichkeiten, die das können, aber eben nicht jeder“, so der Virologe.
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