Völlig entkoppelt: Warum will Olaf Scholz seinen Urlaub verheimlichen?
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In der „Sesamstraße“ gab es früher immer einen lustigen Geheimagenten (oder Schwarzmarkthändler) mit Trenchcoat und tief in die Stirn gezogenem Schlapphut:
„Hey du, ich habe hier ein O…“
„Oh Mann, du hast ein richtiges O…?“
„Pssssst!!! Ja, genau, ein O…“
Fahrige Blicke zur Absicherung nach allen Seiten. Strengste Verschwiegenheit für so ein heikles Ding wie ein O!

Schlemihl und Ernie aus der Sesamstraße
So ähnlich nur viel weniger komisch und schon gar nicht lehrreich kann man sich die Frage nach dem Urlaub von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und seinen Ministern vorstellen. Wer Genaueres zur sommerlichen Erholung des Kanzlers erfahren wollte, wurde von Regierungssprecher Steffen Hebestreit dieser Tage mit der düsteren Wendung beschieden, Scholz mache „ein paar Tage“ Urlaub im „befreundeten europäischen Ausland“.

Regierungssprecher Steffen Hebestreit lässt alle Fragen nach dem Urlaubsort unbeantwortet
Warum dieses Gedruckse?
Meisterdetektiv Sherlock Humbug aus der bereits zitierten „Sesamstraße“ hätte daraus zumindest einige brandheiße Schlüsse ziehen können: „Ein paar Tage“ klingt, als sei es im Grunde nicht der Rede Wert und eigentlich auch kein Urlaub im eigentlichen Sinne, mehr so ein flüchtiger (Wortspiel!) Ausflug, denn das Amt lässt einen ja sowieso nie ganz los…
Und das „befreundete europäische Ausland“ schließt also inländisches Ausspannen aus, und ein Wanderurlaub in Weißrussland dürfte auch nicht unter „befreundet“ fallen.
Aber mal ganz im Ernst: Warum dieses Gedruckse? Verständlich, dass Scholz nicht noch einmal, wie im vergangenen Jahr, von einem BILD-Reporter begleitet und angequatscht werden möchte. Aber mit einem ganz normalen Verweis auf das Land seines Urlaubs hätte er sich auch nichts abgebrochen, und die Bodyguards die auch hier immer dabei sind, kümmern sich um den Rest.
Baerbock will weniger fliegen
Die Heimlichtuerei der Grünen-Minister, so raunt man es in Berlin-Mitte, habe dagegen weniger mit peinlichen Begegnungen zu tun, als vielmehr damit, dass man womöglich bis zum Urlaubsziel ein Flugzeug nutzen muss und sich dessen Öko-Bilanz nicht vorhalten lassen will. Das sind natürlich böswillige Spekulationen, die zum Beispiel damit zu tun haben könnten, dass ausgerechnet Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) zu Beginn ihrer Amtszeit erklärte, weniger Fliegen und mehr Bahnfahren zu wollen. Ein ziemliches Kunststück für eine zwischen internationalen Krisen und Gipfeln jetsettende Außenministerin, das sich im Grunde auch in einer öffentlichkeitswirksamen Zugfahrt von Brüssel nach Paris erschöpfte.

2019 teilte Cem Özdemir noch seine Urlaubsfotos mit seinen Fans auf Social Media.
Fakt ist, dass der Sommerurlaub des Kabinetts zu den festen Ritualen der Politik gehört, mit denen die Großköpfe sich ohne steifes Protokoll nahbar und menschlich zeigen. Geschenkt, dass die Bilder meist gestellt und durchtränkt von falscher Idylle waren. Konrad Adenauer spielte Boule in Cadenabbia am Comer See – entspannt mit Krawatte und ohne Jackett oder spazierte im Dreiteiler mit keckem Hut durch die Landschaft. Willy Brandt reiste in den Sommern zurück in das Land seines Exils nach Norwegen, Helmut Schmidt zog sich in sein Ferienhaus in Langwedel am Brahmsee zurück, Helmut Kohl ließ sich am Wolfgangsee mit Frau und Söhnen in falscher Idylle ablichten. Gerhard Schröder entspannte in der Toscana oder auf Borkum, und Angela Merkel wanderte zu Ostern auf Iscia und im Sommer in Sulden in Südtirol.
Die Ampel legt noch einen drauf
Es gibt kein Gesetz, das Amtsinhaber verpflichtet, diese Tradition fortzusetzen, und es ist selbstverständlich statthaft, sich als öffentliche Person ein paar Tage lang in die Anonymität eines abgelegenen Urlaubsortes zu flüchten. Und doch ist es ein Zeichen seltsamer Distanz zum Land, dessen Schicksal in die Hände der Regierung gelegt ist: Wir machen den Job, aber sommers um eins macht jeder seins. Man könnte es als einen verweigerten Gleichklang verstehen mit dem Rest des Landes, der am Strand, in den Bergen oder in der Mittagspause keinen Blick auf entspannte Politiker werfen können soll.
Für die Öffentlichkeit dürfen teure Amtsfotografen zur Dienstzeit das Wunsch-Image des Regenten verbreiten. Mehr gibt es nicht. Basta, wie Gerhard Schröder gesagt hätte. Oder es steckt noch ein viel raffinierterer Plan dahinter: Seit Jahren zeigten die Umfragen in den Sommerferien einen leichten Aufwärtstrend für die jeweilige Regierung. Motto: Wenn sie nichts tun, machen sie wenigstens keinen Schaden und stören nicht. Die Ampel legt noch einen drauf und verschwindet für zwei Wochen ganz aus den Augen der Wähler.
Wenn das nicht hilft, wird guter Rat wirklich teuer…
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