Ausgesuchte Gäste bei Bürgerdialogen – Warum die Bürger nicht das Volk sind
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Die Bürger sind nicht das Volk. Nahezu täglich deckt etwa der Twitter-Kanal „ÖRR Blog“ (@OERRBlog) auf, dass bei Gesprächsrunden und Interviews vermeintlich zufällig ausgewählte Bürger Mitarbeiter von Parteien und parteinahen Stiftungen sind, oder zumindest dem etablierten Politikbetrieb nahestehen. Das zeigte sich jüngst auch beim „Bürgerdialog des Bundeskanzlers“, der auf Phoenix übertragen wurde.
Felix Ehrich aus dem jüngsten Bürgerdialog sitzt für die Linke im Gemeinderat Grammetal. Im MDR wird Lea Wengel interviewt und soll das Gespräch des Kanzlers mit Bürgern aus Erfurt einschätzen. Sie arbeitet in der Pressestelle der Grünen in Thüringen. Und als der RBB unlängst einen Report über die Migranten-Randale in Berliner Freibädern drehte und vermeintliche Passanten befragte, waren ganze vier Mitarbeiter von parteinahen Stiftungen von Grünen und SPD.

Felix Ehrich beim Bürgerdialog
Sollen wir schlicht veräppelt werden? Alles bedauerliche Zufälle? Leider nein. Die „Zufälle“ haben System.
Wer, wie ich, schon mal „Leser-Stammtische“ organisiert hat, weiß, wie mühsam die Auswahl der Teilnehmer ist. Zeitungen und Medienhäuser können da wenig mogeln, weil sie die Leser ja aus ihren Zuschriften ziehen. Allerdings wird auch da langwierig und aufwändig recherchiert, dass man eben gerade keine Lobbyisten, Parteipropagandisten oder auffällige Schreihälse dabei hat, die entweder die Veranstaltung kaputtmachen, Werbeblöcke für ihre Einrichtungen absondern oder schlimmstenfalls ein Sicherheitsrisiko für eigeladene Prominenz bedeuten.
In der Regel werden Fragen vorab nicht abgefragt
Bei „Bürgerdialogen“ amtierender Politiker organisieren oft professionelle Agenturen die Veranstaltung und bedienen sich zum Rekrutieren des vermeintlichen Volkes der Einfachheit halber gesellschaftlicher Organisationen, wie Gewerkschaften, Vereinen oder Einrichtungen, um aufwändige Recherchen zu den Einzelnen zu sparen.
Die Idee dahinter: Fragt man etwa die Freiwillige Feuerwehr, ob sie geeignete und interessierte Kandidaten fürs Publikum im Kanzler-Talk empfehlen könne, örtliche Blaskapellen oder die lokale Tafel, dann haben die ein Interesse daran, keine Pöbler, Wutbürger oder andere Störenfriede zu schicken und kennen die Vorgeschlagenen zudem namentlich, so dass die Einbindung in das soziale Umfeld der „Bürger“ zusätzlich disziplinierend wirkt. Wer will schon als öffentlich auffälliger TV-Rowdy und Kanzler-Pöbler ins heimische Umfeld zurückkehren.
Der Vorteil: Ein einigermaßen gepflegter Dialog mit dem Spitzenpolitiker kommt zustande, für die Zuschauer oft unverständliche Schrei-Orgien und wüste Beschimpfungen unterbleiben, und der Ertrag für den Zuschauer ist einigermaßen kontrolliert und nachvollziehbar konsumierbar. In der Regel werden die möglichen Fragen der Gäste nicht konkret vorher abgefragt, aber im „Vorgespräch“ zur eigentlichen Veranstaltung wird grob über die Themen gesprochen, die den verschiedenen „Bürgern“ unter den Nägeln brennen, so dass keine einseitige Debatte entsteht.

Bundeskanzler Olaf Scholz (r, SPD) und Moderatorin Stephanie Müller-Spirra im Gespräch mit den Gästen
Die Organisatoren haben zudem einen ganz guten Blick, welche Kandidaten womöglich aus dem Ruder laufen könnten und platzieren dann dementsprechend. Am Ende ist bei TV- oder Rundfunkübertragungen niemand hörbar, der kein Mikro bekommt oder rasch wieder abgeben muss.
Ganz ausschließen kann man mit dieser Methode unvorhersehbare „Zwischenfälle“ allerdings auch nicht. Aber man kann sie stark begrenzen.
Der Nachteil: Ein wirklich repräsentativer Schnitt der Gesellschaft kommt bei solchen Veranstaltungen nicht ins Studio. Wenn sich derzeit rund zwanzig Prozent der Deutschen vorstellen könnten, AfD zu wählen, müssten diese normalerweise auch bei den „Bürgerdialogen“ dabei sei und sich äußern.
Tatsächlich ist das messbar nicht der Fall, wobei man auch die disziplinierende Wirkung höherer Amtspersonen mit berücksichtigen muss. Mancher Maulheld im privaten Umfeld ist in Gegenwart des Kanzlers deutlich kleinlauter als am heimischen Stammtisch. Mancher läuft allerdings auch erst dann zu vorher nicht erkannter konfrontativer Hochform auf.
Fakt ist: Dieser Auswahlprozess des Publikums läuft bei den öffentlich-rechtlichen Sendern oft schief und beschränkt sich eben nicht auf moderate „Normalverbraucher“. Stattdessen werden der Einfachheithalber gleich lupenreine Parteigänger geschickt, weil die Veranstalter nicht damit rechnen, dass jemand die Namen nachrecherchiert. Das ist nicht nur peinlich, sondern die komplette Glaubwürdigkeit des Formats. Und die des Politikers gleich mit. Wer mit handverlesenem Volk in Dialog tritt, der kann es im Grunde gleich ganz lassen. Sollte man den Veranstaltern vielleicht mal sagen. Aber ganz vorsichtig…
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