Warum Presseauftritte in den USA nach Kampf aussehen – und in Deutschland nach Kontrolle
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Rufen, Schreien, ein ohrenbetäubendes Bieterverfahren: „Mr. President! Mr. President! ... “ Ein Fingerzeig des Präsidenten reicht, um zu entscheiden, wer den Zuschlag für eine Frage bekommen hat. Gut anderthalb Stunden trat US-Präsident Donald Trump am Ostermontag vor die Presse, erläuterte die „großartige Aktion“ zur Befreiung eines GIs im Iran und beantwortete anschließend in dem engen Presseraum auf der rückwärtigen Seite seines Amtssitzes die Fragen des White House Press Corps. Auch im Oval Office sind die Pressebegegnungen unter Trump ähnlich turbulent. Wer am lautesten schreit oder anderweitig auf sich aufmerksam macht, kann mit etwas Glück seine Frage anbringen, ganz gleich, ob es sich um die Milchpreise handelt oder den Krieg in Nahost.
Pressekonferenzen, die nicht selten einer offenen Feldschlacht gleichen, bei der Trump schon mal ungehobelt zurückkeilt, wenn ihm eine Frage oder ein Fragesteller nicht passt, bei der er aber auch vor keiner Attacke sicher sein kann. Pressekonferenzen, bei denen man der politischen Wahrheit nicht näherkommt, als bei uns, bei denen man aber immer ein einigermaßen ausgeglichenes Druckpotenzial hat und den Regierungschef konfrontieren und seine Reaktion ungefiltert beobachten kann. Ganz gleich, ob großkotzig, unsicher, nervös, wolkig oder verräterisch detailverliebt – alles wird offen ausgetragen, teilt sich oft unfreiwillig dem Zuschauer mit, wenn der Präsident im Kreuzfeuer auf dem Podest hinter seinem Adler-Pult reagiert. Trump hat sichtliche Freude an Konfrontation.

Ein Fingerzeig des Präsidenten reicht, um zu entscheiden, wer den Zuschlag für eine Frage bekommen hat. Spaß an der Konfrontation hat er auch.
Es sind Pressekonferenzen, die einer völlig anderen Kultur und Konzeption folgen als bei uns, und die bei uns genau deshalb undenkbar wären. Während das ganze Politikverständnis in den USA genau wie diese Art der Pressekonferenzen mit Kampf und Konkurrenz zu tun hat, steht bei uns vor allem die Kontrolle im Mittelpunkt der politischen Kommunikation. Wenn Kanzler Friedrich Merz (CDU) vor die Presse tritt, sind Zeit oder sogar die Anzahl der Fragen in der Regel begrenzt. Auch unter US-Präsident Barack Obama gab es in der Regel eine vorher festgelegte Liste von wenigen Fragestellern.
Bei den Pressestatements im Kanzleramt werden in der Regel etwa drei Fragen zugelassen, wobei beispielsweise der Chef des Bundespresseamts, Stefan Kornelius, den Journalisten das Wort erteilt. Mit anderen Worten: Schon durch diese Auswahl, die meist zuerst auf Agentur-Kollegen fällt, wird einerseits große Verbreitungsreichweite mitgedacht und andererseits eine gewisse planbare Sachlichkeit angestrebt. Bei den Auftritten in der CDU-Parteizentrale wird den Fragestellern ebenfalls von einem Mitarbeiter der Pressestelle das Wort erteilt, wobei die regelmäßig knappe Zeit am Ende leider, leider nicht für alle reicht. Die Reporter selbst haben keinen Einfluss darauf, wie weit unten sie in der Liste des Moderators stehen, und können in der Regel auch nicht beweisen, wenn sie den Eindruck haben, dass man sie systematisch nicht zu Wort kommen lässt.
Institutionelle Verkörperung amtlicher Auskunft
Während Trump bei jeder Gelegenheit geradezu lustvoll mit der Pressemeute spielt und diese Auftritte als Chance für sich versteht, eine gute Show zu inszenieren, werden in Deutschland Auftritte von Spitzenpolitikern in den meisten Fällen unter dem Gesichtspunkt der politischen Gefahrenabwehr gesehen. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass Kanzler in der Regel nur ein- oder zweimal pro Jahr vor der Bundespressekonferenz (BPK) erscheinen. Und auch dann gibt es ein klares Reglement, wonach jeder Journalist nur eine Frage plus Nachfrage hat. Der jeweilige Moderator aus den Reihen der BPK erteilt dabei das Wort und schaltet die Mikrofone für den Fragesteller frei und wieder ab.

Regierungssprecher Stefan Kornelius und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)
In den jeweiligen Morgenlagen von Kanzleramt und Ministerien wird immer auch geplant, bei welchen Gelegenheiten des jeweiligen Tagesprogramms es zu Begegnungen mit Menschen oder Presse kommen könnte und welches die aktuellen Fragen sind, die womöglich gestellt werden könnten. Hierzu werden dann Sprechzettel vorbereitet. Stehen unangenehme Themen im Raum, kann das Tagesprogramm auch so arrangiert werden, dass der jeweilige Chef direkt vom Auto zum Termin geht, in Tiefgaragen verschwindet oder andere mögliche Fragen beantworten lässt.
Die Regierungspressekonferenzen im Haus der Bundespressekonferenz (dreimal pro Woche) sind im Verständnis vieler Politiker die institutionelle Verkörperung amtlicher Auskunft. Jedes Ministerium entsendet dabei einen Sprecher, der dann montags, mittwochs und freitags befragt werden kann und als Ersatz für den Ressortchef betrachtet wird. Das muss in den Augen der meisten Politiker reichen, die nicht selten in Journalisten ohnehin nur eine Art Wegelagerer sehen, die künstliche Aufgeregtheiten durchs Dorf treiben und viel zu selten über gelingende Projekte und das segensreiche Wirken der Politik berichten. Motto: Und wo bleibt das Positive?
Kanzlerin a. D. Angela Merkel (CDU) erklärte einem ihrer ehemaligen Sprecher mal ganz unumwunden, dass man mit Journalisten grundsätzlich nicht kooperieren sollte. Begründung: Wenn man sie mal braucht, schreiben sie eh, was sie wollen. Erst in Wahlkämpfen suchen deutsche Politiker regelmäßig Transporteure für ihre Botschaften. Dazwischen würde man meist gern auf sie verzichten. Auf die Idee, dass man für das Volk, mit dem Volk Politik macht und deshalb auch immer wieder mit dem Volk zwischen den Wahlen sprechen sollte, kann man kommen, muss man aber nicht.
Während es in den USA unerlässlich ist, die Straße für sich zu gewinnen, entscheiden im deutschen Politiksystem am Ende meist Gremien, wer für die Top-Posten nominiert wird. Gremien gefügig zu machen, ist allemal leichter, als mit kratzbürstigen Reportern zum Volk zu sprechen.
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Ralf Schuler
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