Wie die Deutsche Presseagentur Propaganda verbreitet ... und die Fotografen dahinter doppelt abkassieren
Die Kosten für die Selbst-Inszenierung unserer Bundesregierung sind komplett aus dem Ruder gelaufen. Außenministerin Annalena Baerbock (43, Grüne) verpulverte allein im Jahr 2022 pro Tag mehr Steuergeld für ihr Aussehen als ein Rentner im Monat erhält – etwa 860 Euro pro Tag.
Einen großen Batzen dieser Gelder kassiert die Berliner Agentur Photothek. Das Unternehmen hat inzwischen exklusive Rahmenverträge mit sechs Ministerien, darunter das Wirtschafts-, Finanz sowie das Außenministerium. Das Auftragsvolumen geht in die Hunderttausende pro Ministerium. Allein Christian Lindners Ministerium zahlt, vertraglich festgehalten, mehr als 300.000 Euro an Photothek.
Doppelt Kasse machen
Besonders absurd: Exakt diese PR-Fotos der Regierung verbreiten seriöse Fotoagenturen für Nachrichtenfotografie wie die Deutsche Presseagentur (dpa) oder Imago – ohne jeglichen Hinweis auf den Ursprung der Bilder.
So zahlen Medienhäuser in Deutschland für das gleiche Foto doppelt: zunächst mit Steuergeld und dann mit Lizenzkosten. Und die Fotografen von Photothek kassieren doppelt.

April 2022: Annalena Baerbock in Niger. Das Foto machte Photothek-Fotograf Florian Gaertner. Es wurde unter anderem genutzt und lizensiert von FAZ, Spiegel, Merkur, Berliner Kurier und Rheinische Post.
Politische Instrumentalisierung der Selbstinszenierung
Dass die deutsche Bundesregierung zunehmend Geld für Öffentlichkeitsarbeit ausgibt, indem sie professionelle Fotografen engagiert, ist legitim. Doch die politische Instrumentalisierung der Nachrichten-Fotografie ist ein Grenzübertritt, der klar benannt werden sollte. Im vergangenen Jahr gewann die Agentur Photothek auch einen Auftrag des Bundespresseamts, sie darf den Bundeskanzler sowie den Bundespräsidenten nun auf seinen Reisen begleiten. Doch die Flüge und Hotels sind teuer. Freie Fotografen „normaler“ Nachrichtenagenturen bekommen für solche Reisen nicht genug Geld in die Kassen gespielt. Da ist es wirtschaftlicher, die beauftragten Bilder der Exklusiv-Agenturen anzubieten.
Die Folge: Die auftragsgebundenen Fotografien landen auch in den Kanälen der Nachrichtenseiten und rückt Annalena Baerbock und Kollegen stets ins richtige Licht. Selbstdarstellung wird zur Nachricht.

Annalena Baerbock im September 2023 in New York City. Inszeniert wurde das Foto Thomas Trutschel von der Agentur Photothek.
Ausschreibungen sind so gestaltet, dass Konkurrenz nahezu unmöglich ist
Grundsätzlich müssen Aufträge der Ministerien immer deutschland- oder gar europaweit ausgeschrieben werden. Doch die Ministerien können natürlich die Kriterien des Auftrags bestimmen und so unmittelbar Einfluss auf den Zuschlags-Partner nehmen. Das Bundespresseamt etwa verlangte vom künftigen Foto-Partner: mindestens fünf fest angestellte Fotografen mit jeweils fünfjähriger Berufserfahrung und zudem für die vergangenen beiden Geschäftsjahre einen durchschnittlichen Mindestumsatz von 200.000 Euro. Da kommen neben Photothek nicht mehr viele Wettbewerber infrage. Und klar: Viel Jahresumsatz ist der Garant für gute Fotos.

Kasachstan im Oktober 2022: Außenministerin Baerbock wird von Photothek-Fotograf Florian Gaertner als umsichtige Gesprächspartnerin in Szene gesetzt. Die Deutsche Welle hat das Werbe-Foto ohne entsprechenden Hinweis übernommen.
Kommen bald auch Regierungstexte in die Zeitung?
NIUS hat die Deutsche Presseagentur befragt. Was hält man davon, dass Photothek Auftragsarbeiten zusätzlich noch als Agenturmaterial verbreitet? „Wir kommentieren die Geschäftsmodelle unserer Partner nicht. Bitte wenden Sie sich dafür direkt an Photothek“, antwortet ein Sprecher. Photothek selbst antwortete auf die Anfrage nicht.
NIUS fragte weiter: Warum werden die Fotos, die von der Bundesregierung beauftragt und bezahlt werden, nicht eindeutig als PR-Bilder von den Nachrichtenagenturen gekennzeichnet? Das beantwortete der dpa-Sprecher ausweichend.
Und: Wenn schon Fotos, die im Auftrag der Regierung entstanden sind, verbreitet werden, könnte man nicht direkt auch Texte vom Bundespresseamt anbieten? Diese Frage wollte man bei der dpa-Gruppe gar nicht beantworten.

Außenministerin Baerbock betritt in Skopje den Regierungsflieger auf dem Weg nach Tiflis. Das Foto inszenierte Thomas Trutschel (Photothek) im Auftrag der Bundesregierung. Die Deutsche Presseagentur vertreibt dieses und alle anderen Fotos ohne Hinweis, dass es sich um PR-Material handelt.
Die Minister selbst machen kein Geheimnis daraus, dass die Photothek-Fotos gute Imagewerbung sind. Annalena Baerbock postet das Material fleißig auf ihren Social-Media-Kanälen.
Baerbocks Ministerium wollte die doppelte Geldmacherei von Photothek auf NIUS-Anfrage übrigens nicht kommentieren.
Wie im Bilderbuch: NIUS zeigt die schönsten Propaganda-Fotos der Bundesregierung
Alle nachfolgenden Bilder werden von der dpa vertrieben und sind von Photothek-Fotografen inszeniert:

26. Oktober 2023: Robert Habeck steht in Ankara wie zufällig auf dem Dach des Hilton-Hotels. Fotograf Dominik Butzmann hielt diesen nachdenklichen Moment fest. Das Foto können Journalisten kostenpflichtig und ohne Hinweis auf Werbefotografie bei der Deutschen Presseagentur beziehen.
Besonders verwunderlich sind die sündhaft teuren Rahmenverträge mit Photothek – vor allem vor dem Hintergrund, dass nahezu jedes Ministerium bereits über festangestellte Fotografen verfügt. Allein das Bundespresseamt hat vier Fotografen angestellt.

Mai 2022: Robert Habeck sitzt bei der Kabinettsklausur in Meseberg auf einer Treppe. Das Foto inszenierte Thomas Trutschel für die Agentur Photothek.
Über einen Rahmenvertrag mit dem Bundeswirtschaftsministerium kassiert die Agentur Photothek eine Summe von rund 400.000 Euro über einen Zeitraum von vier Jahren.

Der Nachrichtenwert dieses Fotos? Man weiß es nicht. Der Photothek-Fotograf Florian Gaertner inszenierte dieses Bild im Mai 2023 bei der Übergabe des OECD-Wirtschaftsberichts an Robert Habeck. Der Vertrieb des Fotos erfolgt ohne Hinweis auf Werbefotografie bei der Deutschen Presseagentur.
Wenn Sie als Leser also künftig Bilder von unseren Ministern bei Besuchen im fernen Ausland sehen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass nur der Auftragsfotograf der Bundesregierung mit vor Ort war:

Oktober 2022: Finanzminister Christian Lindner bei der IWF-Herbsttagung in Washington DC. Diesen Spaziergang inszenierte der Fotograf Xander Heinl für Photothek. Das Foto ist im Auftrag des Finanzministeriums entstanden und wird zusätzlich über die Deutsche Presseagentur zu Geld gemacht.

Diese Foto-Inszenierung von Christian Lindner führte Florian Gaertner von Photothek durch, sie entstand im Rahmen eines Interviews. Wer dort wen interviewt, kann man dem Foto nicht entnehmen. Auch dieses PR-Foto vertreibt Photothek kostenpflichtig über die Deutsche Presseagentur.
Nichts Neues: Die alte Bundesregierung ließ sich ebenfalls inszenieren
Die Inszenierungen sind aber keinesfalls eine Erfindung der Ampel-Regierung. Bereits zu Groko-Zeiten griff Heiko Maas nur allzu gerne auf die Kompetenzen von Photothek zurück:

Heiko Maas bei seiner Ankunft in Tripolis (Libyen) im September 2021. Das Foto inszenierte Florian Gaertner (Photothek) im Auftrag der Bundesregierung. Es wird zusätzlich kostenpflichtig von der Deutschen Presseagentur vertrieben.
Dabei zieht sich die Handschrift der Photothek-Fotografen durch zahlreiche Ministerien. Der geübte Blick lässt sofort erkennen, welches Foto von Florian Gaertner und welches von Thomas Trutschel geschossen wurde.

September 2021: Heiko Maas in der UN-Vertretung Deutschlands in New York City. Das Foto ohne erkennbaren Nachrichtenwert machte Felix Zahn für die Agentur Photothek im Auftrag der Bundesregierung. Medien können dieses Foto aber auch kostenpflichtig bei der Deutschen Presseagentur beziehen.

Liebe Leser, auf diesem Foto reist Heiko Maas von Berlin nach Südasien. Können Sie erraten, welcher Propaganda-Fotograf es geschossen hat? Die verblüffende Ähnlichkeit zu den Bildern oben ist alles, aber kein Zufall. Credit: photothek / dpa
Wer also eine kritische – oder wahlweise neutrale – Berichterstattung zu den Reisen unserer Bundesregierung sucht, sollte gut aufpassen. Das Foto in Ihrer Zeitung mit dem Hinweis auf „dpa / Photothek“ könnte von der Bundesregierung bezahlt sein.
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