Wüst, Wegner und Günther beim EM-Spiel: Geheimer Handball-Gipfel der Merz-Feinde?
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Offiziell sind es drei „Freunde des Sports“, die sich am Dienstagabend in der Berliner Mercedes-Benz Arena bei der Handball-EM das Spiel Deutschland gegen Frankreich ansehen wollen. Doch wer in der CDU eins und eins zusammenzählen kann, sieht hinter der illustren Herrenrunde aus Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidenten Hendrik Wüst, seinem Kieler Amtskollegen Daniel Günther und Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner (alle CDU) viel mehr als Spielfreude und Ballbegeisterung.
Nach Bekanntwerden der NIUS-Recherchen ließ NRW-Ministerpräsident Wüst umgehend dementieren. Er halte am Dienstag eine lange geplante Rede beim Neujahrsempfang der Amerikanischen Handelskammer. Günther ist am Dienstag in der ARD-Sendung „Maischberger“ zu Gast und hatte zuvor den Wunsch geäußert, das Spiel zu sehen, wenn es die Zeit zuließe. Ob Berlins Regierender Bürgermeister anwesend sein wird, sei bislang noch offen, hieß es. In jedem Falle gehe es ausschließlich um Sport…
(M)Erzfeinde unter sich
Ausgerechnet die Anti-Merz-Koalition der Union beim vermeintlich zwanglosen Herrenabend... Die wenigen Parteifreunde, die von dem Treffen wissen, gehen davon aus, dass es vor oder nach dem Spiel (20.30 Uhr) noch ein Gespräch unter sechs Augen geben wird, in dem auch die K-Frage der Union zur Sprache kommt. Der Grund: Die Zeit für mögliche Weichenstellungen gegen CDU-Chef Friedrich Merz wird knapp. Hatte es im vergangenen Sommer noch so ausgesehen, als wäre Merz aus dem Rennen nachdem er wahrheitsgemäß von Zusammenarbeit der Union mit der AfD auf kommunaler Ebene gesprochen und die Grünen zum „Hauptgegner“ der Union erklärt hatte, so hat sich das Blatt für den Sauerländer inzwischen komplett gewendet.
Hatte Wüst im Juni 2023 mit einem programmatischen Gastbeitrag in der FAZ seinen Machtanspruch gegenüber Merz noch unübersehbar angemeldet und den CDU-Chef zu einem heftigen Konter provoziert, so war es Günther, der wenig später die Koalitionen mit den Grünen demonstrativ lobte. Wüst, selbst in einem schwarz-grünen Bündnis, sieht das genauso und wird im kleinen Kreis nicht müde zu betonen, dass er überhaupt keine Gegner ausrufen und um alle Bürger werben wolle.

Hendrik Wüst (CDU), Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen
Wegner wiederum hatte sich zuletzt in der Debatte um eine mögliche Lockerung der Schuldenbremse gegen Merz gestellt und war von diesem im Bundestag offen zusammengefaltet worden. Merz: „Die Entscheidungen werden hier im Deutschen Bundestag getroffen und nicht im Rathaus von Berlin.“ Es ist also kein Zufall, dass der Herrenabend der (M)Erzfeinde in der Unionsspitze eher mit Argwohn beobachtet wird. Denn Fakt ist auch: Merz sitzt aktuell auch als Kanzlerkandidat der Union fester im Sattel denn je. „Wenn er es will, hat er den Job zu 99 Prozent sicher“, sagt einer aus dem engeren Umfeld des Konrad-Adenauer-Hauses.

Kai Wegner (CDU), Bürgermeister von Berlin
Kehrtwende vom Merkel-Kurs
Einerseits ist es Merz’ Konkurrenten inklusive CSU-Chef Markus Söder bislang nicht gelungen, mit Attacken durchzudringen oder sich als weithin sichtbare Alternative aufzubauen. Andererseits hat Merz ohne großes Aufsehen das neue Grundsatzprogramm und das Reformkonzept für den öffentlichen Rundfunk bei der Vorstandsklausur in Heidelberg durchgebracht. Obwohl es Versuche von verschiedener Seite gab, etwa in der Atompolitik oder beim Thema Islam das Papier wieder aufzuweichen, beschloss der Bundesvorstand einstimmig den Merz-Linnemann-Entwurf, der im Kern eine völlige Abkehr von der Politik von Alt-Kanzlerin Angela Merkel umfasst.
Besonders raffiniert: Es gibt keine offene Distanzierung von Merkel, aber inhaltlich eine totale Kehrtwende. Kein Flügel hatte Kraft oder Mehrheiten für einen erfolgreichen Angriff. Von jetzt an arbeitet die Zeit für Merz, so die interne Sicht der Strategen.

Friedrich Merz (CDU), Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion
Derzeit gibt es keinen plausiblen Grund für eine Attacke auf Merz, mit der ein Konkurrent in der CDU Mehrheiten hinter sich bringen könnte. Beim bevorstehenden Europaparteitag Anfang Mai dürfte sowohl das Grundsatzprogramm in seinen Grundzügen bestätigt, als auch Friedrich Merz als Parteichef im Amt bestätigt werden. Die eigene Partei vor der Europawahl mit so einer Affäre zu schwächen, kann sich niemand erlauben. Danach sind Ruhe und Geschlossenheit vor den Landtagswahlen im Osten Parteiräson. Allenfalls danach könnte man Merz für das möglicherweise schlechte Abschneiden angehen. Allerdings ist kaum vorstellbar, dass im angehenden Bundestagswahlkampf die Union den Top-Mann austauscht.
Putschpläne für die Schublade und Pfiffe für den Kanzler
Es spricht also einiges dafür, dass sich die Merz-Kritiker am Dienstag ganz auf das Handballspiel konzentrieren können und mögliche Putschpläne vorerst in der Schublade bleiben. Es sei denn, Merz selbst verfällt erneut ins Grübeln, ob er sich das Kanzleramt wirklich zutraut, weil er im November 2025, wenige Wochen nach der nächsten Bundestagswahl, 70 Jahre alt wird: „Ich wäre nach Konrad Adenauer der älteste Bewerber um das Amt des Bundeskanzlers. Das sind Überlegungen, die ich auch im Blick behalten muss“, sagte er kurz vor dem Jahreswechsel in einem dpa-Interview. Um allerdings im gleichen Atemzug seine Fitness zu betonen, die er unlängst in einem siebenstündigen Check bei der Bundeswehr zur Vorbereitung eines Eurofighter-Fluges bescheinigt bekommen habe.
Neben dem Handballspiel dürfte für die Länder-Chefs aber noch etwas interessant werden am Dienstagabend: der Empfang durch die Zuschauer. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) war dieser Tage vom Publikum mit Pfiffen und Buh-Rufen begleitet worden:
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