Historiker Hubertus Knabe über Ostdeutschland nach 1945: „Von Befreiung kann da keine Rede sein“
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Seit der berühmten Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker († 2015) gilt der 8. Mai als „Tag der Befreiung“ vom Nationalsozialismus. Im Gespräch bei „Schuler! Fragen, was ist“ widerspricht der Historiker Hubertus Knabe dieser Begrifflichkeit. „Von Befreiung kann da keine Rede sein“, sagt Knabe. „Es hatte auch niemand vor, die Deutschen zu befreien. Nicht einmal die Amerikaner, in deren Direktive JCS 1067 es ausdrücklich hieß: Wir sind nicht hier zur Befreiung, sondern wir sind in besetztem Feindesland.“
Wörtlich heißt es in dem Papier der US-Stabschefs: „Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als ein besiegter Feindstaat. Ihr Ziel ist nicht die Unterdrückung, sondern die Besetzung Deutschlands, um gewisse wichtige alliierte Absichten zu verwirklichen. Bei der Durchführung der Besetzung und Verwaltung müssen Sie gerecht, aber fest und unnahbar sein. Die Verbrüderung mit deutschen Beamten und der Bevölkerung werden Sie streng unterbinden.“
Das ganze Interview sehen Sie hier:
„Der Sowjetunion ist es schon gar nicht um Befreiung gegangen“
Von „Befreiung“ könne auch deshalb keine Rede sein, so Knabe, weil der Nationalsozialismus kein Regime war, das die Deutschen gewissermaßen widerwillig ertragen hätten, wie das Wort irrtümlich signalisieren könnte. Im Gegenteil: „Die Deutschen haben verbissen Widerstand geleistet bis zuletzt. Selbst als Adolf Hitler Selbstmord begangen hatte, gab es immer noch Kämpfe in Berlin.“ Der Sowjetunion sei es „schon gar nicht“ um Befreiung gegangen, so der Historiker. „Die Sowjetunion war wild entschlossen, dieses Land zur Wüste zu machen, wie es in dem Befehl hieß, als die Rote Armee nach Ostpreußen einmarschierte.“

Historiker Hubertus Knabe im Gespräch mit Ralf Schuler
In seinem neuen Buch setzt Knabe hinter dem Titel „Tag der Befreiung?“ dann auch ausdrücklich ein Fragezeichen. Das Buch beschäftigt sich vor allem mit der unmittelbaren Nachkriegszeit in Ostdeutschland, wo die nationalsozialistische Diktatur bruchlos in die stalinistische Diktatur überging, wo es zu massenhaften Internierungen, Erschießungen und vor allem auch flächendeckenden Vergewaltigungen kam.
„Es ist eben doch angenehmer, zu Hitlers Opfern zu zählen als zu Hitlers Mittätern“
Hubertus Knabe vermutet, dass bei der Rede von Richard von Weizsäcker das Schicksal seines Vaters eine Rolle gespielt haben könnte, „zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Da ist es natürlich naheliegend, dass man sagt, wir waren alle Unterdrückte und wurden befreit.“
Dass das Schlagwort von der „Befreiung“ so gern und willig aufgegriffen wurde, liegt auch daran, „dass es eben doch angenehmer ist, zu Hitlers Opfern zu zählen als zu Hitlers Mittätern oder zu den Mitläufern“, sagt Knabe. „Dieser psychologische Effekt, der spielt da, glaube ich, eine große Rolle. Unter Historikern ist aber eigentlich klar, dass das keine Befreiung, sondern eine bedingungslose Kapitulation war.“
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Ralf Schuler
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