Flicks Graugans-Voodoo in Katar: Der DFB hat sein eigenes Versagen perfekt dokumentiert
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Timing ist alles. Und das Timing beim DFB ist überragend. Nur eben nicht so, wie sie sich das beim größten Sportverband der Welt vorgestellt haben. Die Entlassung von Nationaltrainer Hansi Flick kommt zwei Tage nach der Veröffentlichung einer WM-Doku.
Wer diese Bilder gesehen hat, hat nur noch eine Frage: Wie konnte Flick so lange im Amt bleiben? Die ganze Welt konnte mit ansehen, wie kläglich die Nationalmannschaft in Katar gescheitert ist. Der DFB wollte das zweite WM-Vorrunden-Aus in Folge im Anschluss gründlich aufarbeiten. Das Ergebnis der Manöverkritik in Kurzform: Alles nicht so schlimm, Flick darf weiter machen als Bundestrainer.
Scheitern in Hochglanz
So richtig nach gnadenloser Taskforce-Arbeit klang das nicht. Ist aber auch gar nicht nötig. Die ganze Welt kann jetzt in einer Dokumentation nachvollziehen, was hinter den Kulissen los war. Der DFB hat seinen Kurztrip nach Katar in eine Hochglanz-Produktion verwandeln lassen, Kamerateams haben intime Einblicke in das Seelenleben der Nationalmannschaft eingefangen. Mannschaftssitzungen. Trainer-Besprechungen. Einzelgespräche. Kreuzworträtsel-Lösen ohne Google. Orientierungslosigkeit in der Wüste. Alles in HD.
Die Dokumentation „All or nothing“ läuft auf Amazon, hat mehr Teile (vier) als der DFB Spiele hatte (drei) und zeichnet ungefiltert das bizarre Bild einer Reise, die wie eine Massen-Karambolage auf der Autobahn wirkt: Wenn du denkst, es kommt keiner mehr, knallt doch noch einer hinten drauf und du kannst einfach nicht weggucken. Und dann noch einer. Und noch einer.
Sie müssen diese Dokumentation sehen. So perfekt hat noch nie ein Verband sein Scheitern dokumentiert.
Eine Beispielszene: Die Mannschaft soll kochen. Julian Brandt haut ein Ei in die Pfanne, mutmaßlich zum ersten Mal in seinem Leben, es brennt an, er kann drüber lachen, Teflon-Profi eben. Julian Angebrandt.

Julian Brandt bei der Auftakt-Pressekonferenz zur Fussball-WM in Katar.
Einer muss ja mal aufs Menschliche achten
Wir sehen eine Mannschaft, die immer wieder betont, wie wichtig Coach Flick das Zwischenmenschliche ist und dass die Atmosphäre so klasse ist. Eingefleischte Stromberg-Fans warten nur darauf, dass Christoph-Maria Herbst irgendwann durchs Bild rauscht und betont, wie wichtig ihm das Menschliche ist als Chef. Fachlich gibt’s sicherlich bessere, ja, aber einer muss ja mal aufs Menschliche achten in der Versicherung, äh Verzeihung, beim DFB.
Leon Goretzka plaudert aus, das bei der WM 2018 das Leistungsprinzip nicht mehr gegolten habe und er froh ist, dass es wieder gilt. Was eine besondere Ironie in sich trägt, wenn man bedenkt, dass er sichtlich angesäuert beim ersten Gruppenspiel gegen Japan auf der Bank Platz nehmen musste und beim Stand von 1:0 eingewechselt wurde. Das Spiel endete 1:2.
Wenn sie nicht alle Folgen schauen wollen, schauen sie die zweite Episode. Die Nationalmannschaft kommt in Katar an, das Hotel irgendwo im Nirgendwo, eine künstliche Oase, die mal so gar nichts Paradiesisches hat. Serge Gnabry bringt es auf den Punkt: „Wer fährt hier hin?“ Weiß keiner so wirklich. Aber jetzt sind sie halt da.

Serge Gnabry (vorne rechts) mit seinem Team in Katar. Nach drei Spielen war die Mannschaft aus dem Turnier ausgeschieden.
Hansi und die Graugänse
Vor dem ersten Gruppenspiel hat der Trainerstab sich etwas ganz Besonderes zur Motivation überlegt. Einen Kurzfilm über Graugänse. Der Film trägt den Titel: „WM 2022 – lasst uns von den Gänsen lernen und gemeinsam unseren großen Flug machen!“
Graugänse können im Kollektiv 70 Prozent mehr Reichweite schaffen, wenn jeder seine Aufgabe macht, doziert Hobby-Ornithologe Hansi. Daraus leitete Flick fünf Leitsätze ab. Einer lautet: „Wir geben uns gegenseitig Aufwind.“
Das alles sind keine nachgestellten Szenen, sondern trug sich am Abend vor dem Auftaktspiel gegen Japan zu. Das war der Abend, an dem der Geist von Katar final gestorben ist.
Als Flick sein Graugans-Voodoo präsentiert, ist es still im Raum. Man würde gerne alle Gesichter der Anwesenden sehen. Wir sehen in der Dokumentation leider nur das Gesicht von Niklas Süle. Sollte es repräsentativ sein, nimmt seit diesem Moment kein Nationalspieler Hansi Flick mehr ernst. Süle weiß nicht, was er mit seinen Gesichtszügen machen soll. Wie auch. Da spricht ein Mann mit einem Wellensittich-Vornamen von Graugänsen!

Niklas Süle beim WM-Spiel gegen Costa Rica in Katar.
Rudel-Jubeln am Pool
Überhaupt: Es ist in Momenten der Vollversammlung eine sehr ruhige Truppe, die da für Deutschland aufläuft. Es gibt nur zwei Momente der Euphorie in der gesamten Dokumentation: Niklas Füllkrug, wie er nach einer echten Gänsehaut-Ansprache in der Kabine das 1:1 gegen Spanien erzwingt. Und das Rudel-Jubeln am Pool, als Costa Rica überraschend Japan schlägt und ein deutsches Weiterkommen ein bisschen wahrscheinlicher macht.
Der Rest: Tristes Schwitzen in der Wüste. Zwischendurch unterbrochen von Thomas Müller als Gute-Laune-Onkel, der sich noch an die gute alte Campo-Bahia-Zeit von Brasilien erinnert. Vier Rio-Weltmeister sind übrigens mit dabei: Müller, Kapitän Manuel Neuer, Final-Torschütze Mario Götze und Matthias Ginter. Unklar, ob einer der vier mal Oliver Bierhoff gefragt hat, was er mit diesem Quartier bezwecken wollte.
Bierhoff gibt einen mit
Apropos Bierhoff. Der löste als einziger der Verantwortlichen nach der WM seinen Vertrag mit dem DFB auf, gilt als Architekt der aktuellen Strukturen. Einmal rastet er vor versammelter Truppe aus („Mir brodelt’s, könnt kotzen“), versucht offenbar eine Reaktion zu erzwingen. Die Reaktion aus der Mannschaft: Nicht vorhanden. Kein Aufbäumen, kein Widerspruch, nichts.
Von allen traurigen Bierhoff-Momenten ist einer aber ganz besonders traurig. Der Oli möchte der Mannschaft was mitgeben. Er hat ja seit 2006 jede WM mitgemacht. Vom Turniergewinn bis zum Vorrunden-Aus in Russland. Deswegen möchte er den Jungs jetzt mitgeben: Sie sollen an sich glauben. Daraus muss dann tiefe Überzeugung werden. Dann stehen alle mit einem Teelicht am Wasser und lassen das Licht aufs Wasser hinausschwimmen. Es fehlt nur ein Rudel Graugänse, das in diesem Moment vom Himmel stürzt und die Lichter in den Himmel trägt. Graugänsehaut.
Es bleibt ein Rätsel
Was hat der DFB mit dieser Dokumentation bezwecken wollen? War man sich sicher, ein einzigartiges Dokument des Sieges zu schaffen? Hat sich Oliver Bierhoff geärgert, diese Idee nicht schon in Brasilien gehabt zu haben? Hat man es für ausgeschlossen gehalten, dass es so in die Hose geht? Es bleibt ein Rätsel.
Fest steht: Sie sollten diese Dokumentation sehen. Wirklich. Der Amazon-Vierteiler wird ein Standardwerk der Sportgeschichte. Und wahrscheinlich das letzte Mal, dass ein Kamerateam die Nationalmannschaft so nah begleiten darf. Der DFB wird sich nicht noch einmal beim Scheitern filmen lassen.
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