1994: Das beste Kinojahr aller Zeiten feiert 30. Geburtstag – eine Liebeserklärung
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1994 war allein mit „Pulp Fiction“, „Forrest Gump“ und „Die Verurteilten“ ein fulminantes Kinojahr, das sich in dieser Qualität nicht so schnell wiederholen wird.
Wer heutzutage ins Kino gehen will, hat oft nicht die Qual der Wahl, sondern die Wahl der Qual. Soll man sich nun den x-ten Marvel Aufguss anschauen, der auf gefühlten 30 Prozent der Leinwände läuft? Oder lieber eine Komödie, der man den Humor vorsichtshalber operativ entfernt hat, um ja niemanden zu verletzen? Oder ein überlanges Arthouse-Drama, bei dem jemand entweder aus dem Fenster fiel oder gestoßen wurde?
Als die Freude am Erzählen noch zählte
1994, vor genau 30 Jahren also, hatte man noch die Qual der Wahl – und zwar so richtig, da es sich um das wohl beste Kinojahr der letzten Jahrzehnte handelte. Genau zehn Jahre nach George Orwells fiktiver Zeitaufnahme einer gleichgeschalteten und auf Konsens gebügelten Gesellschaft, ging es im Mainstreamkino nämlich hoch her – dem Kino, das nicht nur Filmkritikern und Hardcore-Arthouse-Fans vorbehalten ist, sondern auch dem zahlenden Publikum.
Es waren Filme, an die man sich noch heute erinnert. Filme, die uns obskure Regisseure und Schauspieler nahebrachten, die heute Weltgeltung haben. Filme, die man gesehen haben muss. Zum Beispiel:
„Pulp Fiction“
Kein Film der letzten 50 Jahre hat unsere Kultur so nachhaltig geprägt, wie dieser – nicht nur die Filmkultur, sondern auch die Popkultur. An den Plot kann sich wahrscheinlich noch nicht einmal Regisseur Quentin Tarantino erinnern – aber niemand vergisst die großartigen Momente: Travolta und Uma Thurman auf der Tanzfläche, das Gespräch über McDonalds „Royal with Cheese“ und warum er in Europa so heißt, Harvey Keitel als der ultimative Tatortreiniger „Wolf“. Kino ohne traditionelle filmische Regeln, die Tarantino sicher kannte und bewusst ausließ. Und mit grenzenlosem Spaßfaktor.

Uma Thurman als Mia Wallace in „Pulp Fiction“
„Forrest Gump“
Auch hier ist es nicht leicht, die Handlung stringent zu beschreiben, es sei denn als die chronologisch erzählte Lebensgeschichte eines Mannes in den Vereinigten Staaten der 50er, 60er und 70er Jahre. Aber es geht um mehr: Forrest Gump ist ein Film über Amerika – seine Schattenseiten, aber auch das einzigartige Lebensgefühl, durch das seine Bürger Einzigartiges vollbringen konnten. Zweieinhalb der schönsten und unterhaltsamsten Geschichtsstunden aller Zeiten.

Tom Hanks als Forrest Gump
„Die Verurteilten“
„The Shawshank Redemption“, so der weniger schnöde Originaltitel, hat eine stringente Handlung, aber sie ist so wenig schmissig, dass man heutzutage kein Filmstudio überzeugen könnte, den Film zu finanzieren: Ein einfacher Mann landet unschuldig im Gefängnis und versucht dort zu überleben. Gewalt liegt ihm nicht, also nutzt er seine Intelligenz und ein Übermaß an Geduld. Klar, er will raus – aber scheint nie etwas zu tun, um dieses Ziel zu erreichen – sodass der Film aus lauter kleinen Geschichten besteht. Und eines der bombastischsten und intelligentesten Enden aller Zeiten bereithält.

„The Shawshank Redemption“: Morgan Freeman als Ellis Boyd „Red“ Redding
Was diese drei Filme gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie eine Erzählfreude widerspiegeln, die man heutzutage schmerzlich vermisst. Klar, im Gedächtnis bleiben großartige Szenen und Momente – aber diese sind nicht einfach aneinandergereiht, noch nicht einmal bei „Pulp Fiction“, der anfangs diesen Anschein erweckt.
Heutzutage hat man oft das Gefühl, Mainstreamkino sei nichts weiter als eine Folge von Kabinettstückchen mit kurzen Verschnaufpausen dazwischen. „Pulp Fiction“ und „Forrest Gump“ kommen ohne letztere aus – hier passt jeder Höhepunkt aneinander. „Die Verurteilten“ ist so ruhig erzählt, dass einem die großartigen Momente erst im Nachhinein klarwerden.
Das Schema ist dasselbe: wenn man genau hinschaut, gibt es kein Schema. Nur originelle Ideen und eine liebevolle Erzählung.
Und was machte 1994 sonst noch aus?
Ganz einfach: eine ganze Menge an weiteren großartigen Filmen, an denen der Zahn der Zeit noch nicht einmal geknabbert hat. Zum Beispiel:
Tim Burtons „Ed Wood“ über den „schlechtesten Filmemacher aller Zeiten“, der gern Angora-Pullover trug und sich als Frau verkleidete. Allerdings nie behauptete, er könne Babys stillen – dass er sich als Regisseur bezeichnete, was schon schräg genug.
Jan de Bonts „Speed“, dessen Prämisse so blödsinnig klang (Bus mit Bombe fährt durch L.A. und wird explodieren, wenn er eine gewisse Geschwindigkeit unterschreitet), dass staugeplagte Agenten und Produzenten schon über ihn lästerten, bevor er rauskam. Als er ein Blockbuster wurde, lachten sie nicht mehr.
„Natural Born Killers“, der so wild und ungezügelt war, dass man sich fragen musste, was der scherzhaft so benannte Regisseur „Oliver Stoned“ wieder geraucht hatte. Sicherlich was Gutes, aber das Drehbuch von Quentin Tarantino mag auch seinen Anteil gehabt haben.

„Natural Born Killers“: Woody Harrelson als Mickey Knox
Selbst Disneys Animationsfilm „Der König der Löwen“ war deutlich über dem Qualitätsniveau der damaligen Filme aus dem „Haus von Mickey Mouse“, da er mit deutlich mehr Drama zwischen den Musiknummern aufwarten konnte, als seine unmittelbaren Vorgänger.
Hinzu kamen, außerhalb der USA, Filme wie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, Prototyp der „britischen romantischen Komödie“ und „Léon – Der Profi“, der das Killergenre wiederbelebte und um ein seitdem oft kopiertes Element anreicherte: der Killer mit dem Kind.

Jean Reno und Natalie Portman in „Léon – Der Profi“
„Shallow Grave“ und „Heavenly Creatures“ machten ein größeres Publikum mit Regisseuren wie Danny Boyle und Peter Jackson bekannt, während bei uns der Überraschungshit „Der bewegte Mann“ das deutsche Unterhaltungskino aus dem Koma holte. Und einen obskuren Soap-Darsteller namens Til Schweiger zum Kinostar machte. Hier muss man im Nachhinein Kosten und Nutzen abwägen, aber erst einmal schien es eine willkommene Entwicklung.
Und warum wurden 1994 so gute Filme gemacht?
Da steckt garantiert eine Menge Glück dahinter, aber 1992 – als die meisten Filme für 1994 „grünes Licht“ bekamen – herrschte eine ziemliche Katerstimmung in Hollywood. Das, was an der Kinokasse funktionierte, war oft sehr teuer. Also ging es den Studios nicht nur darum, um jeden Preis einen Hit zu haben – man wollte einen Hit haben, der wenig kostete. Also wurde viel Geld gestreut und auch obskure Ideen fanden Beachtung.
Manchmal waren die Filmemacher auch bereit, eigenes Geld in ein Herzensprojekt zu stecken, wie Robert Zemeckis, der die Sequenz, in der „Forrest Gump“ durch Amerika läuft, selbst finanzierte und an Wochenenden drehte. Tom Hanks machte umsonst mit.
Und warum 1995 nicht mehr?
Das lässt sich einfach beantworten: Es war das Kinojahr 1993, das an der Kasse von „Jurassic Park“, „The Fugitíve“ und „The Firm“ dominiert wurde – und in dem man die Weichen für zwei Jahre später stellte. Was sich als desaströs entpuppen sollte – statt um 4 bis 5 Prozent zu wachsen, ging das Einspielergebnis um gerade mal 0,9 Prozent hoch. Der erfolgreichste Film war Joel Schumachers „Batman Forever“ – legendär teuer und legendär schlecht.
Dies mag einen solchen Schlag in die Magengrube dargestellt haben, dass alle plötzlich nur noch auf Nummer sicher gingen. Und dies bis heute tun.
Grund genug, sehnsüchtig an das Kinojahr 1994 zurückzudenken und alles Gute zum 30. Geburtstag zu wünschen. Schön, dass es dich gibt!
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