Wie das deutsche Publikum den Streik der Hollywood-Schauspieler zu spüren bekommt
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- Der Streik in Hollywood dauert an.
- Fertig gedrehte Produktionen werden verschoben.
- Hauptsächlich, weil es den Schauspielern verboten ist, sie zu bewerben.
Der Streik von Schauspielern und Drehbuchautoren in Hollywood sollte erst einmal nur wenig Auswirkungen für das deutsche Publikum mit sich führen – möchte man meinen.
Natürlich wird momentan nicht gedreht, da aber Filmproduktionen knapp ein Jahr brauchen können, bis sie tatsächlich das Licht der Leinwand erblicken können – erst wird geplant, dann gedreht, dann kommen Schnitt, Effekte, Farbkorrektur und Tonmischung – sollten große Auswirkungen bis 2024 eigentlich erst einmal ausbleiben. Abgesehen davon lassen sich auch ein paar Streikmonate durch eine Mehrzahl an Produktionen aufholen, so wie es oft bei verspäteten Flügen oder (weitaus seltener) bei der deutschen Bahn passiert.

Ohne Marketing geht es aber nicht. Und dafür braucht man Schauspieler.
Was aber oft übersehen wird, ist das, was zwischen Fertigstellung und Filmpremiere kommt: die Vermarktung. Und genau hier hakt es, weil die Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA es ihren Mitgliedern verbietet, während des Streiks auch Interviews für ihre bereits abgeschlossenen Projekte zu geben oder sie in den sozialen Medien zu promoten.
Und das zeigt sich daran, dass das große Verschieben der Starttermine bei Studios und Streamern bereits begonnen hat. Prominentestes Beispiel ist Sonys Spiderman Spin-Off „Kraven the Hunter“, das zwar nicht mit den allergrößten Namen (Aaron Taylor-Johnson, Ariana DeBose, Russell Crowe) aufwarten kann, mangels Vermarktungsmöglichkeit aber dennoch vom Oktober diesen Jahres in den August des nächsten geschoben wurde. In diesem Zuge räumte auch das dazugehörige Mutterschiff „Spider-Man: Beyond the Spider-Verse“ seinen Starttermin im nächsten Frühjahr für ein noch unbekanntes Datum.
Andere Studios und Titel werden zweifelslos folgen, sollte der Streik noch länger anhalten – auch um die verblebenden Produktionen so zu verteilen, dass die Lücken bis zu den nach dem Streik produzierten Filmen nicht zu groß ausfallen.
Gerade die Streamer bunkern und verschieben
Bei TV und Streamern sieht es nicht anders aus: Hulus Serie „A Murder at the End of the World“ von und mit Britt Marling, eigentlich für diesen Monat vorgesehen, ist nun auf den November verschoben worden, während man bei Netflix darüber redet die neue Staffel von „Fargo“ (mit Jon Hamm) und „Feud: Capote’s Women“ mit Naomi Watts, Demi Moore, Diane Lane, Calista Flockhart, Chloë Sevigny and Molly Ringwald zu bunkern. Weiterhin hängen „Orphan Black: Echoes“ mit Krysten Ritter, „The Curse“ mit Emma Stone und „Bad Monkey“ mit Vince Vaughn in der Schwebe – alle abgedreht und sendefertig.
Was die Situation noch erschwert ist die Tatsache, dass der wichtigste Fernsehpreis weltweit, die Emmys, nun nicht mehr am 18. September verliehen werden sollen, sondern mindestens einen Monat später, weil es sonst ein wenig leer im großen Saal werden könnte, da Schauspieler momentan aus Imagegründen lieber mit einem Streikplakat auf dem Gehweg, als in Abendgarderobe auf dem roten Teppich fotografiert werden wollen. Wer also auf einen großen Boost für seine Serie durch Emmy-Statuen hoffte, überlegt jetzt natürlich doppelt.

Auch in Boston streiken Schauspieler und Drehbuchautoren für bessere Bedingungen.
All dies betrifft natürlich primär den US-Markt, rieselt aber – wie bei Reagans berühmter „Trickle-down-Ökonomie“ – langsam zu uns runter. Deutsche Verleiher, Sender und Streamer setzen seit Jahrzehnten auf das kolossal starke US-Marketing ihrer Produkte, das dank den sozialen Medien und deutlich verbesserter Englischkenntnisse jüngerer Generationen den Grundstein für die eigene Werbekampagne legt.
Wie lange dauert der Streik und worum geht es?
Jetzt bleibt natürlich noch die Frage, wie lange der Streik andauern wird. Das ist schwer zu beantworten – und die laufenden Wetten unter Branchenkennen laufen von 14 Tage bis drei Monate. Die Drehbuchautoren scheinen einer Annährung durchaus näher zu sein, was auch daran liegt, dass ihre Forderungen einfacher umgesetzt werden können. Sie wollen (Überraschung!) mehr Geld und Tantiemen – kein unüberwindbares Hindernis. Einzig allein die Tatsache, dass es verbindliche Mindestgrößen für die Autorenteams geben soll, ist etwas weit hergeholt, da einige der besten Serienautoren problemlos mit einem kleinen Team auskommen. Und wahrscheinlich selbst dann ein- bis zwei von ihnen Kaffee kochen, Donuts holen und wenig nützlich in der Ecke sitzen. Dies der Angst vor künstlicher Intelligenz geschuldet, die bislang aber noch nicht weit genug ist, um besser zu schreiben, als Autoren aus Fleisch und Blut. Mit der offensichtlichen Ausnahme von so einigen bei ARD und ZDF.

Streik vor dem Haupteingang Walt Disney in Los Angeles
Bei den Schauspielern, die auch Statisten vertreten, wird es komplizierter, weil hier die Forderung im Raum steht, bei Massenszenen jeden Kleinstdarsteller für jede Verwendung seines Abbilds zu bezahlen. Klingt vernünftig, wird aber dann problematisch, wenn man es an einem einfachen Beispiel erklärt. Normalerweise wird eine überschaubare Gruppe von Statisten, sagen wir mal auf der Tribüne im Fußballstadion, gefilmt und dann durchmischt und auf die anderen Ränge verteilt. Was bedeuten kann, dass ein Darsteller in derselben Einstellung zwanzigmal zu sehen ist – nur halt so klein, dass man das nicht mit bloßem Auge bemerkt. Dies abzurechnen wäre fast unmöglich und sicherlich oft auch unbezahlbar. Also ein ziemlicher Blödsinn, wie auch die Forderung, dass Darsteller, die sich inzwischen mit selbst aufgenommen Videos bewerben, für die Erstellung dieser entlohnt werden sollen. Was in letzter Konsequenz auch nur dazu führen würde, dass weniger Darsteller vorspielen dürfen.
Müssen wir jetzt wieder lernen, Bücher zu lesen?
Kombiniert mit inzwischen rückgängigen Abonnements bei einigen Streamern, großen Hollywood-Flops und ohnehin steigenden Produktionskosten, wird das zwar nicht dazu führen, dass uns der Netflix Bildschirm irgendwann ein „Game Over“ präsentiert, weil wir schon alles gesehen haben.
Aber das seit der Covid-Phase sowieso ausgedünnte Programm könnte noch mehr verwässert werden. Bis es irgendwann nicht mehr schmeckt.
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