Genie und Wahnsinn: Der neue Kinofilm Dalíland entführt einen in die 70er-Jahre
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- „Dalíland“ ist eine Zeitreise in die wilden 70er Jahre.
- Mit einem Ben Kingsley in Höchstform als Salvador Dalí.
- Er erinnert uns, dass große Kunst auch richtig Spaß machen kann.
Man muss kein großer Kunstkenner sein, um schon mal von Salvador Dalí gehört zu haben oder eines seiner Werke zu kennen, schließlich war der spanische Surrealist nicht nur ein außergewöhnlicher Künstler, sondern auch ein Marketinggenie, der sein exzentrisches Image bewusst pflegte. Angefangen bei seinem gezwirbelten Bart, für dessen Styling er viel Zeit und Mühe aufbrachte, bis hin zu seinen provokanten Attitüden, mit denen er die Kunstwelt regelmäßig zu schockieren wusste. Dalí schuf Kunstwerke – und war selber eins.
Filmemacherin Mary Harron („American Psycho“, „I Shot Andy Warhol“) hat es sich mit „Dalíland“ zur Aufgabe gemacht, dem exzentrischen Genie ein würdiges Denkmal zu setzen – keine leichte Aufgabe, da die offen nach außen getragenen Provokationen und Eigenheiten des großen Meisters im heutigen, politisch korrekten und relativ glattgebügelten Kulturbetrieb ganz bestimmt nicht nur auf Bewunderung stoßen würden.

Mary Harron ist das Gesicht hinter „Dalíland“. Die Filmemacherin inszenierte bereits „American Psycho“.
Allein unter Künstlern
In ihrem Film lernen wir Dalí (gespielt von Ben Kingsley) und seine Ehefrau Gala (Barbara Sukowa) durch die Augen von James (Christopher Briney) kennen, einem jungen Assistenten in einer Kunstgalerie, dessen erster großer Auftrag daraus besteht, einen Koffer voller Bargeld in Dalís Hotelsuite abzuliefern. Ausgestattet mit besagtem Geld und einer Warnung, dass Gala neben der Kohle vielleicht noch etwas mehr von ihm möchte, stolpert der junge Mann in eine dekadente Party, die uns oppulent in das New York der 70er Jahre einführt.
Es wird nach Herzenslust gekokst, Sex ist eine wunderbar unwichtige Nebenbeschäftigung und Rockstars wie Alice Cooper fügen sich so gut in die Staffage ein, dass sie fast schon wieder langweilig wirken. Wir befinden uns in Dalíland – ein sorgsam gebautes Konstrukt eines Künstlers, dessen Leinwand das Leben geworden ist.
Die Kunstwelt und ihre Versuchungen
Glücklicherweise gelingt es James, den Avancen der Hausherrin zu widerstehen, der die Libido eines Zitteraals nachgesagt wird, die sich momentan allerdings zu Jesus hingezogen fühlt. Nein, nicht zum Original, auch wenn dies das Weinbudget der opulenten Partys durchaus verringert hätte, sondern zur B-Version: dem Hauptdarsteller des Musicals „Jesus Christ Superstar“, dessen Talente sich sehr offensichtlich nicht nur auf der Bühne, sondern auch unter den Bettlaken zeigen.

Ben Kingsley als Salvador Dalí in einer Szene des Films „Dalíland“. Der Film ist ab sofort in den deutschen Kinos zu sehen.
James Versuchung tritt in der perfekt gerundeten Form des Starlets Ginesta (eine herausragende Suki Waterhouse) in Erscheinung, die sich des gutaussehenden jungen Mannes gern annimmt und ihm seine Expedition in die Welt der schönen Künste gehörig versüßt. Aber auch diese Affäre soll nicht unbedingt etwas für die Ewigkeit sein, denn wir schreiben die 70er Jahre und Beziehungsexklusivität gilt als ewig gestrig.
Der Maestro und sein Protegé
Die größte Liebesgeschichte in „Dalíland“ spielt sich ohnehin zwischen zwei Männern ab, dem jungen, beeindruckbaren James und dem angeknacksten Genie Salvador Dalí, dessen Kunst James verehrt, aber dessen persönliche Schwächen immer mehr an die Oberfläche treten. Nach und nach bemerkt der junge Assistent, wie viel im Leben seines Idols nicht gut zu laufen scheint – der Lebensstil übertrifft die Einnahmen bei weitem, die vielen Partys stehlen die notwendige kreative Arbeitszeit, und die Inspiration des Meisters kommt nur gelegentlich vorbei, glänzt aber auch oft durch Abwesenheit.
Abgesehen davon gibt es noch eine zweite Liebesgeschichte – und zwar die zwischen Dalí und Gala, inzwischen überschattet von ihren zahllosen Affären, dennoch stark und von emotionaler Wucht. Sie schlafen längst nicht mehr miteinander, aber vor allem in den Rückblenden wird klar, wie sehr Dalí diese Frau an seiner Seite braucht und wie hilflos er ohne sie ist.
Meisterleistungen von Kingsley und Sukowa
„Dalíland“ lebt vor allem von seinen brillanten darstellerischen Leistungen, allen voran Sir Ben Kingsley.

Schauspieler Ben Kingsley in einer Szene des Films „Self/Less“. In „Dalíland“ spielt er die Hauptfigur Salvador Dalí.
Kingsleys Salvador Dalí ist rührend verletzlich, dann wieder aufbrausend egozentrisch. Ein Genie in dem einem Moment, ein kleines Kind im nächsten. Es ist eine Freude, einen so exzellenten Schauspieler mal wieder in Höchstform bewundern zu können, was auch für Barbara Sukowa gilt, die hier eindrucksvoll zeigt, was sie kann.
Vor allem ist dieser Film aber eine Zeitreise, die uns deutlich vor Augen führt, dass der Kulturbetrieb mal Spaß gemacht hat und Grenzüberschreitungen durchaus gewollt, ja sogar erwartet wurden. Mit viel Witz, der die tiefen Emotionen der Handlung zwar versteckt, aber nie übertüncht.
Ein kultureller Trip der außergewöhnlich unterhaltsamen Art.
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Karsten Kastelan
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