„Das haben wir in Deutschland noch nicht erlebt“: Wirtschaftsexperte Regling warnt vor drastischem Wohlstandsverlust
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Klaus Regling zählt zu den profiliertesten Ökonomen Deutschlands, hatte im Laufe seiner Karriere auch auf europäischer Ebene zentrale wirtschaftspolitische Schlüsselpositionen. Zuletzt stand er an der Spitze des europäischen Rettungsschirms ESM. Zuvor war er unter anderem für die EU-Kommission sowie für den Internationalen Währungsfonds tätig. Im Interview mit dem Handelsblatt prophezeit der 75-Jährige Deutschland nun einen massiven Wohlstandsverlust – und empfiehlt ein noch nie dagewesenes Reformpaket.
„Ich mache mir große Sorgen“, so Regling. „Die deutsche Wirtschaft wächst seit drei Jahren nicht mehr. Für das nächste Jahr wird zwar eine leichte Erholung erwartet, aber das ist keine durchgreifende Wende. Sachverständigenrat, Bundesbank und andere schätzen das Potenzialwachstum in Deutschland für die kommenden Jahre auf 0,2 bis 0,4 Prozent. Das ist der schwächste Wert unter allen EU-Staaten und G7-Ländern. Und leider ist das nicht das einzige Problem.“

Klaus Regling, damals ESM-Direktor mit EZB-Präsidentin Christine Lagarde im Gespräch vor einem Treffen der Eurogruppen-Finanzminister im Gebäude des Europäischen Rates in Brüssel im Jahr 2022
Kindern wird es wirtschaftlich nicht besser gehen als ihren Eltern
„Die nächste Generation werde vermutlich weniger für den Konsum ausgeben können als die vorherige. Und das ist etwas, was wir in der Bundesrepublik, aber auch in anderen Industrieländern, bisher noch nicht erlebt haben. Das Versprechen, dass es den Kindern wirtschaftlich besser gehen wird als den Eltern, ist vermutlich nicht mehr einzulösen.“ Der Ökonom befürchtet: „Das wird zu Frustrationen in der Bevölkerung führen.“ Die deutsche Wirtschaft wachse seit drei Jahren nicht mehr. Für das kommende Jahr werde zwar eine leichte Erholung erwartet, das genüge allerdings nicht.
Die Ursache für die Krise sieht Regling sowohl in Deutschlands Politik als auch in Umbrüchen auf dem Weltmarkt begründet. „Deutschland bekommt Chinas neue Stärke besonders zu spüren. Früher war es für uns ein großer Absatzmarkt, heute exportiert das Land selbst viel und macht deutschen Unternehmen starke Konkurrenz, auch auf dem europäischen Heimatmarkt. Und dann leiden wir natürlich unter den Zöllen der USA.“

Der damalige griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras (links) im Gespräch mit ESM-Chef Klaus Regling am 13. Juni 2018 in Athen.
Zu den hausgemachten Problemen zählt der Ökonom die Tatsache, dass Deutschland seit 25 Jahren die niedrigste Quote an öffentlichen Investitionen in Europa hat. „Jedes Jahr lagen wir unter allen 27 Ländern immer am untersten Ende. Und das hinterlässt natürlich Spuren: Wenn die Investitionen so lange so niedrig sind, dann ist es keine Überraschung, dass das Potenzialwachstum sinkt.“
„Reformpaket, wie wir es bisher noch nicht gesehen haben“
Das starke soziale Sicherungsnetz in Deutschland sei auf der Grundlage einer wachsenden Bevölkerung und damit einer wachsenden Zahl von Beschäftigten aufgebaut worden. „Jetzt kommen wir in eine Situation, in der die Zahl der Arbeitnehmer sinkt. Und deshalb muss das System grundlegend reformiert werden. Es braucht ein so umfassendes Reformpaket, wie wir es bisher noch nicht gesehen haben.“ Er werbe daher für einen „Grand Bargain“, einen großen Kompromiss, zwischen Union und SPD, bei dem alle ihre roten Linien überschreiten.
Dabei gehe es vor allem darum, das Arbeitsvolumen zu erhöhen. „In Deutschland beträgt die durchschnittliche Arbeitszeit pro Erwerbstätigen 1340 Stunden im Jahr, in den USA sind es 25 Prozent mehr, 1680 Stunden.“ Auch in allen anderen OECD-Staaten sei die Zahl der jährlichen Arbeitsstunden deutlich höher als in Deutschland.

2012: Klaus Regling, damals EFSF-Chef, im Gespräch mit dem damaligen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Rande der Frühjahrestagung von IWF und Weltbank in Washington.
Ein späterer Renteneintritt könne eine Lösung sein, denn die durchschnittliche Lebensdauer sei stärker als das Renteneintrittsalter gestiegen. „Dadurch hat sich der Rentenbezug in den vergangenen 50 Jahren im Durchschnitt verdoppelt, von rund zehn Jahren auf jetzt 20 Jahre.“ Es sei offensichtlich, dass das zu Finanzierungsproblemen führe. „Wir sollten den Anstieg der Renten nicht mehr an den durchschnittlichen Verdienst der arbeitenden Bevölkerung koppeln“, so der Ökonom. „Ich kenne kein Land außer Deutschland, wo das gemacht wird.“ Ein weiteres Problem laut Regling: „Heute müssen schon gut verdienende Facharbeiter oder ein Handwerksbetrieb den Spitzensteuersatz zahlen. Die 42 Prozent greifen schon ab einem zu versteuernden Einkommen von circa 68.000 Euro, ab 278.000 Euro sind es dann 45 Prozent. In den USA greift der höchste Steuersatz erst ab 600.000 Dollar. Warum kann man so etwas nicht auch bei uns einbauen?“
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