„Irrsinn”, „Wie auf der Titanic”, „Planwirtschaft“, „verlieren Fundament”: Aufstand der Spitzenmanager gegen die deutsche Wirtschaftspolitik
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In einer unfreiwilligen Allianz aus den Chefetagen der deutschen Industrie hallen dieser Tage Warnrufe durch die Flure der Macht, gerichtet an die Regierungspolitik: Chemie-Bosse, Flugriesen, Konzernlenker, sie alle brechen mit der üblichen Zurückhaltung und entladen ihre Frustration über eine Politik, die sie als existenzbedrohend empfinden. „Irrsinn“, wetterte jüngst Evonik-Chef Christian Kullmann. „Wie auf der Titanic“, schimpft TUI-Vorstandschef Sebastian Ebel. Und BASF-Chef Markus Kamieth sieht das „Fundament“ der europäischen Wirtschaft wanken. Auch Leonhard Birnbaum, der Chef des Energie-Konzerns EON, lässt kaum noch ein gutes Haar an der grünen Wirtschaftspolitik.
Was als isolierte Kritik begann, mündet nun in einen offenen Aufstand gegen Brüsseler Bürokratie, explodierende Energiekosten und ein CO2-System, das sie als „Bleiweste“ für den Standort Deutschland brandmarken.
Die Bleiweste, die Deutschland ertränkt
Der Funke sprang über, als Christian Kullmann, Vorstandschef des Spezialchemie-Riesen Evonik mit 32.000 Mitarbeitern und 15 Milliarden Euro Umsatz, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) Kritik übte. „Schluss mit CO2-Zertifikaten und Brüsseler Bürokratie“, so Kullmann. Die Energiewende nannte er „skandalös“: Bis heute habe es „keine solide Analyse, wie viele Abermilliarden sie uns bisher gekostet hat.“ Die hohen Energiekosten zwingen ihn schon heute, Standorte wie in Herne infrage zu stellen, wo Evonik Vernetzer für Windradflügel produziert: ein Eckpfeiler der grünen Transformation, der dank CO2-Gebühren zum „wirtschaftlichen Problemfall“ mutiert. „Ab 2027 plant Brüssel eine drastische Verschärfung dieser Gebühren im Rahmen des ETS-Systems. Das gefährdet die Existenz vieler Unternehmen. Ursula von der Leyen habe ich das bereits gesagt: Die CO2-Gebühr für Europa muss weg. Sie gefährdet in Deutschland mindestens 200.000 gut bezahlte Industrie-Arbeitsplätze.“

Der Jahresumsatz von Evonik Industries AG betrug im Fiskaljahr 2024 etwa 15,2 Milliarden Euro.
Ebenfalls bemerkenswert: Kullmanns Metapher vom Emissionshandel als „Bleiweste“. Damit man eine „grüne Transformation“ zur Klimafreundlichkeit finanzieren könne, „müssen wir aber an den Weltmärkten erfolgreich sein. Aktuell wirkt das ETS-System aber wie eine Bleiweste, die man uns umhängt. Dann gibt uns Brüssel ein Paar neue Turnschuhe dazu und sagt: ‚Jetzt lauft mal schnell los!‘“ So funktioniere das aber nicht.
In einem Folgeinterview mit der Süddeutschen Zeitung legte Kullmann nach: „Wir haben weltweit das schärfste CO2-Gebührenregime, aber das Klima kennt keine Grenzen. Ich halte es deshalb für völlig falsch, eine Industrie mit toller Technologie, die weltweit in der Spitzenklasse spielt, so scharf mit zusätzlichen Gebühren zu benachteiligen. Wir leben in Deutschland vom Export, auch die chemische Industrie.“ Die Krise definiert Kullmann so: „Die Konjunktur ist schwach, und die Verunsicherung ist groß. Hinzu kommen die hohen Kosten für Energie und Rohstoffe. In der Krise kommt die CO2-Gebühr noch obendrauf und benachteiligt die europäische Industrie zusätzlich im internationalen Wettbewerb.“ Europa importiere „massenweise Produkte aus Ländern mit echten CO2-Schleudern“, die ohne diese Last prosperierten. Fazit: „Das CO2-Gebührensystem muss weg, mindestens aber drastisch reformiert werden.“
Kullmann: „Diese CO2-Gebühr ist schädlich, wir brauchen eine Radikalreform“
Die Debatte eskalierte, als Kullmann am Dienstagabend in den ARD-Tagesthemen zu Gast war – und dort prompt in die Fänge einer klimafreundlichen Moderationsmaschinerie geriet. Moderatorin Julia-Niharika Sen eröffnete rigoros: „Seit Einführung des Emissionshandels ist der Ausstoß von klimaschädlichen Gasen um 48 Prozent zurückgegangen. Ein beachtlicher Erfolg, oder?“ Kullmann blieb gelassen: „Das war eine gute Wegstrecke, die wir zurückgelegt haben, doch jetzt ist es so, dass wir in einer neuen Welt sind, deshalb müssen wir handeln. Und vor diesem Hintergrund ist diese CO2-Gebühr für die Zukunft unserer Industrie, die Zukunft unserer Arbeitsplätze schädlich. Wir brauchen eine Radikalreform.“
Auf Sens Einwand, Innovationen entstünden nur durch „marktwirtschaftliche Anreize“ wie Gebühren, erwiderte er: „Da waren keine marktwirtschaftlichen Anreize. Das war eine Gebühr.“ Investitionen, etwa in Forschung und Technologien, seien essenziell: „Wir müssen Geld investieren in Forschung, Geld investieren in neue Technologien. Und dieses Geld, das wir dringend brauchen, jetzt in eine CO2-Gebühr zu stecken, das ist sinnlos! Das ist nicht gut. Das kostet Zukunft. Deshalb müssen wir das eben vermeiden.“

„So ein System funktioniert nur, wenn der Rest der Welt mitmacht und wir damit ein vergleichbares Wettbewerbsumfeld haben“, so Kullmann über den scheiternden Emissionshandel.
Der Schlagabtausch ging weiter: „Aber ohne die Bepreisung von CO2 wären wir da doch kaum hingekommen“, insistierte Sen. Kullmann: „Das ist genau der Punkt.“ Er malte das Bild eines ungleichen Wettbewerbs: „Wir haben keinen regelbasierten Welthandel mehr. Es gebe Wettbewerb zwischen den Nationalstaaten um die attraktivsten Technologien. Wenn wir sehen, dass unsere Wettbewerber in Asien, in den USA um diese CO2-Gebühr nicht belastet werden, dann trifft uns das hier in Deutschland besonders hart.“ Zum Klimazoll, der Importe sanktionieren soll: „Das ist eine tolle Idee, aber sie funktioniert nicht. Sie funktioniert nur dann, wenn alle auf der Welt mitmachen.“ USA, China, Indien? „Machen überhaupt nicht mit.“ Und die Drohung mit Bestrafung innovativer Firmen? „Nein“, sagt Kullmann. „Wer bessere Produkte mit weniger Energie herstellt, der hat auch jetzt und in Zukunft keinen Nachteil.“
Kamieth fordert eine Debatte „mit offenem Visier“
Kullmanns Appell fand schnell Echo in anderen Chef-Etagen. Bei der Vorstellung der BASF-Quartalszahlen für das dritte Quartal 2025 – dem größten Chemiekonzern der Welt nach Umsatz – legte Markus Kamieth nach. Der Trend zur Schließung europäischer Anlagen werde sich durch den CO2-Preis „wahnsinnig beschleunigen“, warnte er, falls freie Zertifikate nicht verlängert würden. Diese kostenlosen Rechte schützen energieintensive Branchen vor vollen Marktpreisen; ab 2026 drohe BASF das folgende Szenario: „Diese Zahl geht in der nächsten Dekade – nach unserem Modell, wenn das ETS so bleibt, wie es ist – deutlich über eine halbe Milliarde und geht dann Ende der nächsten Dekade in Richtung einer Milliarde.“ Und das nur, weil man in Europa produziere: „Die Probleme hätten wir nicht, wenn wir die gleichen Produkte in China, in den USA oder in Indien produzieren würden.“
Kamieth forderte eine Debatte „mit offenem Visier“. Es nütze „nichts, wenn wir da immer in Grautönen diskutieren.“ Der ETS zeige den „Wettbewerbsnachteil, den ein gut gemeintes, aber schlecht gemachtes ETS in Europa haben könne“. „Multiplizieren Sie das mit dem winzigen Marktanteil, den die BASF in Europa beim CO2-Ausstoß hat, und dann kommen Sie in Größenordnungen, das geht ans Fundament der Industrie in Europa.“
Auch die Transformation stocke Kamieth zufolge: „Das hat viel mit den Rahmenbedingungen in Europa zu tun. Schauen Sie auf das Thema Energiepreise, Elektrizitätspreise und ein paar andere Dinge, die uns das ein bisschen schwerer machen.“ Sogar grüne Produkte seien in Europa teurer: „Mittlerweile produzieren wir und auch andere Chemieunternehmen in China, in den USA, in Indien deutlich günstiger, weil dort zum Beispiel auch grüne Energie viel günstiger ist als in Europa. Und auch das ist natürlich mittlerweile ein überholtes Bild.“
„Ich habe den Eindruck, wir sind auf der Titanic“
Nicht nur in der Chemie brodelt es. Sebastian Ebel, Vorstandschef des Reisekonzerns TUI, der mit 20 Prozent nicht-europäischen Kunden bereits auf Globalisierung setzt, feuerte im FAZ-Interview die volle Breitseite ab. „Es wird einem verdammt schwer gemacht“, klagte er über das „schwer erträgliche Ausmaß“ an Bürokratie.
Sein besonders starkes Bild: „Ich habe den Eindruck, wir sind auf der Titanic. Die Band spielt noch ein letztes Mal, aber das Schiff ist schon umgekippt, und keiner tut etwas.“ Mutig wäre, eine Legislaturperiode lang „keine neuen Gesetze und Verordnungen – egal wer sie einbringt. Stattdessen Inventur und volles Augenmerk auf die Abschaffung von Gesetzen und Bürokratie.“ Die Steuern auf Flugzeuge seien in den letzten zehn Jahren „extrem gestiegen“. Und Brüssel? „Die Verwaltung ist komplett außer Kontrolle geraten. Sie reguliert immer weiter. Wem nützt das?“
Ebel, überzeugter Europäer, plädiert für einen neuen Fokus: „Keine ideologischen Grabenkämpfe, jeder faule Kompromiss stärkt die Ränder. Was nötig ist, ist Fokus, Fokus. Fokus auf das Wichtigste.“ Für TUI und den Mittelstand gelte: „Die großen Chancen liegen im Ausland.“ Dennoch: „Wir stehen zum Standort Deutschland. Nur die Rahmenbedingungen müssten sich verbessern. Es wird einem verdammt schwer gemacht.“

Ebel forderte „keine neuen Gesetze und Verordnungen – egal wer sie einbringt. Stattdessen Inventur und volles Augenmerk auf die Abschaffung von Gesetzen und Bürokratie.“
„Wir bauen Erneuerbare, die wir nicht brauchen, in ein Netz, das es nicht verträgt“
Auch Leonhard Birnbaum, der Chef des Energie-Konzerns EON, lässt kaum noch ein gutes Haar an dem grünen Projekt. Er spricht von „Planwirtschaft“, von Erneuerbaren, die wir gar nicht brauchen und von 15 Milliarden Euro, die man einsparen könnte.
Der EON-Chef räumt unter anderem mit dem Irrglauben auf, dass der Ausbau von viel Wind- und Solar-Kapazitäten per se gut sei:„Wir bauen Erneuerbare, die ich nicht brauche in ein Netz, das es nicht verträgt. Und im Ergebnis bezahle ich dann im Netz Geld dafür, dass diese Kapazität, die ich gar nicht erst hätte bauen sollen, dann bitte nicht produziert, weil sie das Netz überlastet“, sagte Birnbaum im Podcast Table Today.
Birnbaum kritisiert die strikte Zielsetzung bei der Energiewende als „Planwirtschaft“, die der Realität nicht standhalte: „Wir haben Ziele definiert für die Energiewende, darüber, was wir machen müssen, um 2045 klimaneutral zu sein. Die haben wir dann runtergebrochen in Unterziele. Wir haben eine saubere Planwirtschaft eingerichtet. Jetzt stellen wir fest: Die Realität richtet sich nicht nach unseren Plänen – aber wir halten an diesen Plänen bisher fest und das ist einfach extrem teuer.“

EON-Chef Leonhard Birnbaum
Den Industrie-Strompreis, den sich die Bundesregierung zum Ziel gesetzt hat, um unter anderem die Stahl-Industrie zu stützen, hält Birnbaum für gefährlich, weil das Kern-Problem – zu hohe Kosten wegen der Energiewende – damit nur zeitweise kaschiert werde: „Es ist ein sehr schwieriges Instrument, weil es ist erstens unglaublich teuer und zweitens deckt es die strukturellen Probleme temporär zu. Die Gefahr ist, dass man glaubt, das Problem dadurch zu lösen. Wenn wir die Energiewende so weiter betreiben, wie wir sie bisher betreiben, dann kommen jedes Jahr weitere Kosten hinzu. Dann muss ich entweder die Subventionen für den Industrie-Strompreis erhöhen, oder ich kann es irgendwann doch nicht mehr erhöhen.“
Mit Blick auf die Mega-Schulden, die die Bundesregierung für das Sondervermögen aufgenommen hat, sagt Birnbaum, dass keine Reformen passiert seien und man dieser und folgenden Regierungen – sollten tatsächlich keine Reformen kommen – nie mehr Geld in die Hand geben dürfe: „Da habe ich im Moment ein echtes Störgefühl, bei allen Sondervermögen. Im Moment haben wir die 500 Milliarden Euro zweimal verplant und 0 strukturelle Reformen in Sicht. Und wenn das so bleibt, dann hätte die Politik bewiesen, dass man ihr niemals Geld geben darf, weil sie ja im Endeffekt nichts damit anrichtet. Sie muss diese einmalige Chance, dass sie 500 Milliarden bekommen hat, jetzt nutzen für strukturelle Reformen. Ansonsten sollte man dieser und auch künftigen Regierungen nie wieder Geld geben.“
Was als Kritik an CO2-Preisen begann, wird zum breitenfrontalen Angriff auf eine Wirtschaftspolitik, die Deutschland in die Isolation treibt. Kullmanns „Schizophrenie“ spiegelt Ebels „Titanic“-Alarm und Kamieths „Fundament“-Warnung. Sie alle richten sich gegen eine schwarz-rote Koalition, die grüne Politik fortführt, statt dies umzusetzen, wofür sie gewählt worden sind: nämlich den Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken und erneut Wachstum zu ermöglichen.
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