Schock-Rechnung für alle, die arbeiten: So verdient man mit Bürgergeld mehr als mit Job
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- Arbeits- und Sozialminister Heil kündigt saftige Bürgergelderhöhung um 12 Prozent an.
- Im direkten Vergleich zeigt sich, wie wenig Abstand dadurch noch zu den Einkommen der arbeitenden Bevölkerung existiert.
- Vor allem für kinderreiche Familien lohnt sich Bürgergeld unter bestimmten Voraussetzungen mehr.
Die Wirtschaft schrumpft, Reallöhne sinken, aber das Bürgergeld steigt deutlich an. Das verkündete Arbeits- und Sozialminister Hubertus Heil (SPD) am Dienstag. Erwachsene bekommen zukünftig 61 Euro mehr und erhalten dann 563 Euro monatlich. Das entspricht einem Zuwachs von gut 12 Prozent. Netto. Die Erhöhung wird nach Heils Angaben im Bundeshaushalt mit 4,3 Milliarden Euro zu Buche schlagen.
Die Frage, die seitdem viele arbeitende Bürger umtreibt: Lohnt es sich für mich überhaupt noch, arbeiten zu gehen?
Fakt ist: Ein Geringverdiener mit einer regelmäßigen Arbeitszeit von 40 Stunden wöchentlich verdient angesichts des derzeitigen Mindestlohns von 12 Euro exakt 2.080 Euro monatlich. Mit der für 2024 geplanten Erhöhung auf 12,41 Euro steigt sein Einkommen auf rund 2.150 Euro. Allerdings gehen hier, anders als beim Bürgergeldempfänger, noch Steuern und Sozialversicherungsbeiträge ab. Bei Steuerklasse I beträgt diese Summe aus Lohnsteuer und Sozialabgaben aktuell 570 Euro. In 2024 dann 599 Euro. Ergibt einen Nettolohn von 1.510 bzw. 1551 Euro. Davon müssen aber noch die Kosten für Miete, Heizung und Strom bestritten werden.

Vergleich Bürgergeld - Vollzeitjob nach der Bürgergeld-Erhöhung 2024
Ein alleinstehender Bürgergeld-Empfänger bekommt derzeit 502 Euro. Mit der Erhöhung um 12 Prozent erhält er künftig 563 Euro. Dazu kommen Miet- und Heizkosten, die vom Jobcenter übernommen werden. Auch ein Zuverdienst durch einen Minijob ist möglich. Bis zu 184 Euro können so zusätzlich für die Haushaltskasse erwirtschaftet werden. Mit dieser Rechnung käme er damit inklusive Miete (gerechnet mit 436 Euro) auf 1.183 Euro. Damit steht er nicht besser da, als ein alleinstehender Geringverdiener.
Familie mit drei Kindern fährt mit Bürgergeld besser als mit Mindestlohn
Spannender wird es allerdings, wenn man sich anschaut, was Familien mit und ohne Bürgergeld zur Verfügung haben.
So kommt eine Familie mit drei Kindern (in diesem Beispiel 4, 10 und 14 Jahre), in der einer Vollzeit zum Mindestlohn arbeitet und der andere in einem Minijob auf 520-Euro-Basis, mit der kommenden Erhöhung des Mindestlohns auf insgesamt 2.669 Euro brutto. Auf den Minijob entfallen keine Steuern. Ergibt ein Gesamteinkommen für die Familie nach Steuerklasse III von 2.235 Euro netto plus 250 Euro Kindergeld für jedes der drei Kinder, sprich insgesamt 2.985 Euro. Dazu kommen mögliche Zusatzleistungen für Geringverdiener wie der Kinderzuschlag, der jedoch alle sechs Monate neu beantragt werden muss und je nach Verdienst variieren kann.

Hubertus Heil (SPD), Bundesminister für Arbeit und Soziales
Beim Bürgergeld ergibt sich für die dieselbe Familie folgende Rechnung: Die Regelleistung für beide Elternteile beträgt nach der beschlossenen Erhöhung des Bürgergeldes insgesamt 1012 Euro (vorher 902 Euro). Auch die Regelsätze für die drei Kinder erhöhen sich spürbar. Von 318 Euro für das jüngste Kind auf 357 Euro und auf 390 statt bisher 348 Euro bzw. 471 statt 420 Euro für die beiden Älteren. Dazu kommen Miete und Heizung. Hier beispielhaft gerechnet mit einer Mietobergrenze für fünf Personen in Mietstufe IV mit Erdgas-Heizung von 1332,25 Euro. Ergibt einen monatlichen Bedarf der Bedarfsgemeinschaft von 3.562,25 Euro (aktuell ohne Erhöhung und Kindergrundsicherung 3.380,25 Euro). Hiervon wird zwar das Kindergeld von 250 Euro pro Kind zunächst abgezogen, allerdings wird dieses dann von der Familienkasse ausgezahlt, so dass die Familie erneut auf den oben genannten Betrag kommt.
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Dazu kommen zahlreiche Zusatzleistungen wie etwa die Übernahme der Rundfunkgebühren, Kita-Gebühren (je nach Bundesland), Kostenerstattung für die Schulausstattung der Kinder, Klassenfahrten und ggf. Nachhilfe sowie die Übernahme der Beiträge für die Kranken- und Pflegeversicherung, die automatisch im Hintergrund erfolgt.
Auch Mittelschicht großer Verlierer
Vergleicht man diese Zahlen nun noch mit einer durchschnittlichen Mittelschichtsfamilie, in der nur einer arbeitet, wird klar, dass der Durchschnittsverdiener in Deutschland mittlerweile ebenfalls ein großer Verlierer ist. 4105 Euro beträgt das durchschnittliche Monatseinkommen eines Deutschen im Monat. Abzüglich aller Steuern- und Abgaben bleiben derselben Familie mit drei Kindern mit einem Alleinverdiener auf Durchschnittsniveau gerade einmal 2.973 Euro plus Kindergeld, also insgesamt 3723 Euro im Monat zum leben. Davon müssen jedoch alle anfallenden Kosten selbst bestritten werden. Sprich mögliche Mietkosten oder Ratenzahlungen für das Haus, etwaige Kitagebühren für die Kinder, Kosten für Klassenfahrten, eventuelle Nachhilfe, Kfz-Versicherung fürs Auto, sofern vorhanden etc. Auch Ermäßigungen bei Eintritten in Schwimmbäder oder Museen, die es vielerorts für Transferleistungsempfänger gibt, fallen weg.

Drei Familienmodelle im Vergleich
Es wird klar: Für einen deutschen Alleinverdiener mit durchschnittlichem Einkommen ist es kaum mehr möglich, eine Familie mit drei Kindern zu ernähren. Für einen Bürgergeldempfänger sehr wohl. Dazu kommt: Sollte ein viertes Kind unterwegs sein, muss sich die Familie aus der Mittelschicht selbst Gedanken um die Mehrkosten und den Mehrbedarf an Wohnraum machen. Bei einer Familie, die Bürgergeld bezieht, werden die Leistungen automatisch an den Mehrbedarf angepasst. Auch der Anspruch auf mehr Wohnraum steigt automatisch mit der Kinderzahl.
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Reallöhne sinken seit 2019
Noch in 2022 wies Arbeitsminister Heil Kritik zurück, dass sich Arbeit mit dem neuen Bürgergeld kaum noch lohnen würde. „Das stimmt nicht in der Form. Wir haben ja beides im Blick. Wir haben den Mindestlohn auf 12 Euro erhöht. Weil Arbeit sich lohnen muss, weil Arbeit einen Unterschied machen muss.“ Und ja, auch die Unterstützung für Geringverdiener hat zugenommen. Wer jedoch auf der Strecke bleibt, ist die Mittelschicht, die keinerlei Anspruch auf Zusatzleistungen hat und unter einer erdrückenden Steuerlast zunehmend ins Schwimmen gerät.
Seit 2019 entwickeln sich die Reallöhne in Deutschland negativ. 2022 brachen sie sogar um ganze 4 Prozent ein. Umso mehr sorgt die nun angekündigte Erhöhung des Bürgergeldes um 12 Prozent bei der arbeitenden Bevölkerung für Unmut.
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Anabel Schunke
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