Kampf für die Klarnamenpflicht: Friedrich Merz will die Herrschaft des Mobs
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Der Wunsch nach mehr Menschen, die öffentlich mit Klarnamen ihre Meinung artikulieren, ist verständlich. Die Idee, dass nur Menschen mit Klarnamen sich öffentlich äußern dürfen, ignoriert alles Menschliche am Menschen und führt zur Mobherrschaft.
Viele Menschen, die unter ihrem Namen in der politischen Öffentlichkeit ihre Meinung verbreiten, tun sich leicht damit, Gleiches von ihren Mitmenschen zu verlangen. Naheliegend erscheint es, das Wegducken der anderen zu beklagen, zu bemängeln, dass Lehrer sich von ihren Kollegien einvernehmen lassen, dass Unternehmer es nicht wagen, die aktuelle Politik zu kritisieren, dass so viele Menschen sich bestenfalls anonym trauen, ihre Einschätzungen zu formulieren.
Sogar das Hineinversetzen in Politiker, die eine Klarnamenpflicht fordern, fällt nicht allzu schwer, schließlich sehen sie sich Tag für Tag mit, aus ihrer Sicht zutiefst feiger, harter Kritik und – die Ehrlichkeit gehört trotz der propagandistischen Ausschlachtung dieser Realität dazu – echtem Hass in anonymer Form konfrontiert. So wird leicht dem Fehler verfallen, den aktuellen rhetorischen Vorstoß des Bundeskanzlers für eine Klarnamenpflicht zwar als verfassungsrechtlich und strategisch fragwürdig zu erkennen, nicht aber das Kernproblem zu realisieren.
Der mimosenhafte Murmeltier-Kanzler
Friedrich Merz ist ein extrem mimosenhafter Murmeltier-Kanzler. Beim „Tag des Lokaljournalismus“ bejammerte der Bundeskanzler mal wieder sein hartes Schicksal: „Wir leben heute in einer Zeit, wo das politische Spitzenpersonal […] in einer Art und Weise angegriffen wird, auch persönlich angegriffen und herabgesetzt wird, die nach meinem Empfinden eine giftige Wirkung auf das gesellschaftliche Klima hat.“ Dies sei so, weil „in den sozialen Netzwerken jeder anonym einfach sagen kann, was er gerade so denkt“.

Beim „Tag des Lokaljournalismus“ bejammerte der Bundeskanzler mal wieder sein hartes Schicksal.
Schon im Februar forderte Merz eine Klarnamenpflicht, er hat seitdem nicht dazugelernt. Denn ironischerweise würde die Umsetzung der Klarnamenträume des unbeliebtesten Bundeskanzlers aller Zeiten eine Situation herbeiführen, in der Minderheiten de facto ihre Meinungsfreiheit einbüßen würden. Friedrich Merz bekämpfte mit seiner Klarnamenpflicht nicht die Pöbler, die ihm ein Dorn im Auge sind, sondern alle Deutschen.
Alle Deutschen nämlich, die irgendwo in ihrem Leben, ob in ihrem Beruf, ihrem Hobby, ihrer Nachbarschaft, ihrer Familie oder in ihrem Freundeskreis eine politische Minderheitenposition vertreten. Und versprochen: Jeder ist irgendwo in der Minderheit. Jeder wäre betroffen. Mindestens seit 1951, dem Jahr des Konformitätsexperiments von Solomon Asch, sollte auch einem Friedrich Merz bekannt sein, was sozialpsychologisch mit Menschen in einer Minderheitsposition passiert. Damals wurden Probanden mit eingeweihten Komplizen dazu aufgefordert, die Länge von Linien zu vergleichen. Die Komplizen antworteten absichtlich falsch, die große Mehrheit der uneingeweihten Teilnehmer passte sich mindestens einmal dem falschen Gruppenurteil an.
Soziale Ablehnung schmerzt wie körperliche Verletzung
2003 wurden in einem Cyberball-Experiment virtuelle Teilnehmer plötzlich ignoriert. fMRT-Scans zeigten, dass die soziale Ablehnung dieselben Hirnregionen aktivierte wie physischer Schmerz. Jeder, der selbst schon einmal in einer Minderheit war, kann die jahrzehntelange Forschung zum Thema intuitiv bestätigen.
Während der Coronamaßnahmenzeit besuchte ich eine Berufsschule in Nordrhein-Westfalen. Damals schaffte die schwarz-gelbe Landesregierung ein kurzes Zeitfenster, in dem Schüler auch ohne Maske im Unterricht sitzen durften. Ich war rational davon überzeugt, dass Masken keinen belegbaren Einfluss auf das Infektionsgeschehen hatten. Also kam ich ohne Maske zur Schule. Mir drohten keine Sanktionen, es war völlig legal. Allerdings hatten sämtliche anderen Schüler und selbstverständlich die braven Lehrer ihre Masken an. Ich besaß die absolute Minderheitenposition und wurde auch negativ darauf angesprochen. Trotz der völligen Überzeugung, im Recht zu sein, und trotz der Nichteinlenkung lässt sich nicht verhehlen, dass es eine sehr unangenehme Erfahrung war, inklusive physischem Unbehagen. Eine evolutionsbiologisch schlüssige Reaktion des Körpers: Schweigendes Einfügen in die Masse war dem Überleben zumeist zuträglicher als Reden gegen die Mehrheit.
Das zeigt: Auch eine eher nicht nach Kollektivkonsens strebende Person ist den sozialpsychologischen Effekten der Minderheitsposition ausgesetzt. Und es ging nur um eine Maske in einer Schule. Übrigens waren eine Woche später in der gleichen Klasse dann ein Fünftel der Masken und zwei Wochen später die Mehrheit der Masken verschwunden, manchmal setzt sich das Gute und Richtige doch relativ schnell durch. Was aber, wenn es um mehr als eine Maske geht?

Ein Schüler hat seine Maske abgenommen.
Wer alles verstummen würde
Was ist mit dem alleinverdienenden Vater in Bayern, der Angst hat, dass seine erzkonservativen Kollegen etwas über seine linken Ansichten erfahren und ihn rausmobben? Oder dem AfD-wählenden Studenten der Geisteswissenschaften in Berlin, der nur anonym seine Meinung äußert, weil er gesellschaftliche Sanktionen seiner Umgebung fürchtet? Verwaltungsbeamte, die über Missstände reden wollen, Polizisten, die nur anonym offen sprechen können, Arbeiter, die es sich nicht mit den fanatischen Kollegen verscherzen wollen, Homosexuelle, die in schwulenfeindlichen Nachbarschaften wohnen, Menschen, die über Gewalt in ihren Beziehungen berichten, Muslime, die freiheitlicher denken als ihre Familien, sie alle können momentan anonym am Diskurs teilnehmen. Ginge es nach Friedrich Merz, würden die meisten von ihnen verstummen.
Wären edlere Menschen wünschenswert? Sicher. Ist die Versuchung vorhanden, schweigenden Personen einen Vorwurf zu machen? Klar. Könnte versucht werden, sie davon zu überzeugen, dass das offene Visier oftmals dazu führt, mehr Gleichgesinnte als Gegner zu finden und selbst bei heftigem Gegenwind besser tut als das schlechte Gewissen der eigenen Zurückhaltung? Ja, aber es hilft doch alles nichts. Gegen die menschliche Natur zu argumentieren, sollte den Sozialisten überlassen werden.
Die Herrschaft des Mobs
Die Schlussfolgerung aus der Realitätsakzeptanz muss lauten: Lieber anonyme Mitdiskutanten im öffentlichen Diskurs als eine Verstummung dieser Stimmen. Ansonsten reden nur noch die mit, die es sich leisten können. Unzählige anonyme Accounts tragen im Übrigen mehr Fundiertes und Kluges zur öffentlichen Debatte bei als das gesamte Bundeskabinett zusammen. Auf sie darf nicht verzichtet werden.
Nicht die Anonymität vergiftet das politische Klima in Deutschland, wie der Bundeskanzler behauptet, sondern die Angst, die eigene Meinung zu sagen. Eine Klarnamenpflicht würde den demokratischen Diskurs nicht stärken, sondern in einen reinen Elitediskurs pervertieren, weil die meisten Normalbürger lieber schweigen, als sich dem politischen Mob auszusetzen.
Friedrich Merz präferiert die Einschüchterung, die Herrschaft des Mobs. Mir ist ein anonymer Pöbler lieber als jemand, der so eingeschüchtert ist, dass er gar nichts mehr sagt.
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Ben Brechtken
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