Robert und der Wolf: Habeck jetzt offiziell Märchenerzähler
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Es ist ein warmer Mai-Sonntag, als sich an der Berliner Philharmonie hunderte Familien treffen. Auf dem Vorplatz werden Linus, Lasse und Zoe laufengelassen, ein Brezelverkäufer sorgt dafür, dass nicht gequengelt wird, ein Blasmusiker stimmt schon mal auf das ein, was jetzt gleich kommt: klassische Musik für die Lastenrad-Bourgeoisie.
Beim Familienkonzert des Kammerorchesters Unter den Linden wird heute „Peter und der Wolf“ des russischen Komponisten Sergej Prokofjew gegeben. Und wer wäre besser geeignet, ein Märchen besser vorzulesen als Ex-Vizekanzler und Kinderbuch-Autor Robert Habeck? Nur ein paar Meter weiter im Tiergarten kloppen sich Griller, hier herrscht Biomarkt-Bullerbü zum Normalpreis von 29,60 Euro. Ein Maskottchen klatscht vorm Saal Kinderhände ab, 70 Minuten lang dürfen Eltern, die ihren Kindern kein Smartphone erlauben, jetzt selbst ins Handy gucken. Lustige Verwirrung im Treppenlabyrinth: Sitzen wir im Block RECHTS oder LINKS?

Der russische Komponist Sergej Prokofjew
Der feuchte Traum der Müsli-Moralistinnen
Subjektiver Eindruck: Viele der Familien hier wirken wie ein Klischee des Grünenwählers: wohlgenährt, idealistisch und mit Luxusproblemen. Der Dresscode bei den Damen scheint Blumenrock zu sein. Aus meinem Bekanntenkreis weiß ich: Robert Habeck ist für viele Frauen der Posterboy unter den Politikern, der feuchte Traum der Klettverschluss-Sandalen-Trägerinnen. Sie alle haben schon seine Gattin, die Schriftstellerin Andrea Paluch, gegoogelt. Erleichterung: Die sieht ja ganz normal aus!
Annalena Baerbock, Ricarda Lang, Cem Özdemir – kein Grüner hat je wieder solch eine Strahlkraft entwickelt. Die Kinder wissen zum Großteil nicht, wer der Mann ist, auf den alle so nervös warten. Man fragt sich, was die Körner-Kreuzritter ihnen erzählt haben: „Das ist der, für dessen Wärmepumpen-Idee Opa und Oma einen Kredit aufnehmen mussten, um ihr altes Häuschen umzurüsten? Das ist der Mann, der sich auch mal juristisch gegen Bürgerbeschimpfungen wehrt?“ Vermutlich war der Wortlaut anders.
Die Konzertreihe heißt „Tiere, Tango und Trompeten“. Ein paar Alliterationen fielen Kritikern zur Grünen-Politik unter der abgewählten Ampelkoalition sicherlich noch ein: Pannen, Patzer, Peinlichkeiten etwa. Unvergessen der Spruch des ehemaligen Wirtschaftsministers Habeck in der Talkshow von Sandra Maischberger im September 2022: Angeschlagene Unternehmen seien nicht insolvent, sie hörten vielleicht auf, zu verkaufen. Unvergessen auch die Hausdurchsuchung und der Strafbefehl bei einem Bürger, der Habeck als „Schwachkopf“ beschimpft hatte. Habeck, der heute so hemdsärmelig-harmlos daherkommt, hat als Politiker sehr viele Menschen sehr wütend gemacht. Mehr als 60.000 Unternehmensinsolvenzen gab es allein unter der Ampelregierung.
Für vier Konzertkarten könnte sich eine Familie einen Wocheneinkauf leisten. Aber sie sind gekommen, um Robert, den Politik-Rentner, zu sehen. Für die weitgehend steuerfinanzierte Philharmonie zahlen sie ohnehin, für die Bezüge des Ex-Ministers auch. In den Reihen des mehr als 2.000 Menschen fassenden großen Saales werden Elterngespräche über Ungerechtigkeiten an Schulen geführt. Dass die eine oder andere Ungerechtigkeit auch in der Politik passiert ist, wird hier offenbar ausgeblendet. Stattdessen tritt Habeck mit 56 als cooler, junggebliebener Onkel auf. Sechs Kinder- und Jugendbücher hat er zusammen mit seiner Frau geschrieben, dazu Romane und Theaterstücke. Die Themen: Freundschaft, Umweltschutz, Wölfe, Falken, Störche.
Vor zwei Tagen saß Habeck noch beim Spiegel-Spitzengespräch, jetzt liest er Märchen. Doch die Veranstalter machen es spannend. Erst kommt das Orchester, dann der Dirigent, es gibt ein Quiz, die Grundschule aus Grunewald darf auftreten, begeistert beklatscht von stolzen Eltern. Es gibt heiteres Instrumentenraten: Viele Kinder der Fairtrade-Elite kennen die Bratsche und Oboe. Draußen betteln die Obdachlosen.

Habeck arbeitet heute als Senior Analyst für Internationale Beziehungen und Diplomatie am Dänischen Institut für Internationale Studien in Kopenhagen.
Der Dinkel-Dünkel beklatscht sein Leben
Es dauert eine halbe Stunde, bis Habeck endlich erscheint. Um 11:33 Uhr betritt er unter Jubel die Bühne. Ganz in Schwarz gekleidet, schlank und mit Lesebrille. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Auch, wenn nicht überliefert ist, ob Habeck selbst ein Instrument beherrscht, kaufen sie ihm hier alles ab. Er könnte als Experte für Rhönradfahren oder japanische Holzschnitzkunst auftreten, viele hier wären wohl überzeugt. Ein paar Kinder laufen auf die offene Bühne und drängeln sich an die Musiker. Keiner der Eltern scheint sie zur Ordnung zu rufen.
Los geht’s. Wir werden mit Märchenerzähler Robert in eine Welt von Wald und Wiesen entführt, während draußen die Hauptstadt-Kloake unter den Folgen eines 95.000-Besucher-Metallica-Konzerts und dem Deutschen Filmpreis ächzt. Müll liegt in den Straßen, wer keinen Kater hat, reist irgendwohin ab. Hier aber ist Habeck-Heile-Welt. Er macht das gut. Man merkt, dass er Kinderbuchsprache kann, seinen vier (längst erwachsenen) Söhnen wohl auch viel vorgelesen hat. Kurzer Blick nach rechts und links: Niemand hier scheint sich die Frage zu stellen, wie um Himmels willen dieser Mann in Regierungsverantwortung gelangen konnte.
Der Märchen-Peter wird von seinem vorsichtigen Großvater ins Haus geschickt, aus Angst vor dem Wolf. Aus dem Fenster beobachtet der fiktive Junge, wie eine Katze durchs Gras schleicht. Heute wäre nicht Hausarrest die Strafe, sondern Rausgehen. Und Kinder schauen sich auf TikTok Katzen an, die irgendwo am anderen Ende der Welt durchs Gras schleichen. Natürlich gibt’s ein Happy End: Der Wolf wird gefangen und nicht von den bösen Jägern abgeschossen. Jubel, Blumen für Robert Habeck, Zugabe. Um 12:14 Uhr ist es vorbei. Ein Happy End gab’s indes für Deutschland (noch) nicht. Immerhin ist dem Land die politische Zugabe der Ampel erspart geblieben.
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Melanie Grün
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