„Wenn du kein Geld hast, musst du mit denen fi....“: Wie Migranten-Gangs in Nürnberg Mädchen mit Drogen gefügig machen
Eigentlich sollten Luisa (14) und Sophia (18) für Schularbeiten büffeln, mit ihren Freundinnen kichern und ihr Leben genießen. Stattdessen bestimmt die Sucht nach Heroin, Kokain und Benzos ihren Alltag – und die brutale sexuelle Ausbeutung, mit der sie den Stoff bezahlen. Die Mädchen sind Beute eines skrupellosen, organisierten Netzwerks: Mitten in Nürnberg machen Männer aus Syrien, Nordafrika und Pakistan gezielt Jagd auf sie.
Nürnberg hat in den vergangenen Wochen bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Es geht um junge Mädchen, die auf dem Nelson-Mandela-Platz, direkt hinter dem Hauptbahnhof, zu Opfern von schweren Sexual- und Drogendelikten werden. Laut Polizei handelt es sich nicht um Einzelfälle, sondern um systematischen, organisierten Missbrauch durch Männer aus Syrien, Nordafrika und Pakistan. Die Masche: ansprechen, in die Drogensucht treiben, gefügig machen. Das jüngste bekannte Opfer ist gerade einmal 13 Jahre alt.
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„Sie haben nach der Schule auf uns gewartet“
Alles beginnt meistens dort, wo Kinder eigentlich sicher sein sollten. Die Täter gehen gezielt vor und suchen nach den verletzlichsten Opfern – oft minderjährige Mädchen aus prekären Verhältnissen. Sie warten direkt an den Schulen im Viertel. „Es hat so angefangen, dass ich mit einer Freundin im Sommer dort war“, erinnert sich Luisa (14, Name geändert) an ihren Einstieg mit zwölf Jahren. „Dann wurden wir angesprochen von einem Algerier, ob wir einen Joint rauchen wollen. Wir haben gesagt ja, weil wir es ausprobieren wollten. Schon da hat es angefangen, dass sie uns anfassen wollten und so was.“

Die Nius-Reporter Janina Lionello und Eric Steinberg haben die Mädchen auf dem Nelson-Mandela-Platz angesprochen.
Aus dem ersten Joint wird schnell Routine. Die Männer gehen gezielt auf das Kind zu. „Die haben uns verfolgt“, sagt Luisa. „Sie haben nach der Schule auf uns gewartet, wir waren an der Schule beim Nelson-Mandela-Platz. Es ist meistens so, dass sie hinter der Schule warten, bis die Kinder von der Schule zurückkommen. Man spricht sich an, sagt Hallo, dann wird gefragt, ob man was braucht oder nicht.“
Wer einmal am Bahnhof strandet, ist schnell gefangen. Die 18-jährige Sophia, ebenfalls anonymisiert, erinnert sich an ihre Anfänge als 14-Jährige: „Das erste Mal, wo ich am Bahnhof war, da hatte ich mit meiner Cousine ein kurzes Kleid an. Dann ist einer zu uns gekommen, hat gesagt: ‚Ihr habt einen schönen Arsch. Kommt ihr mit nach Hause für Crystal und so?‘ Die stehen überall. Du kannst nicht als Mädchen mit einem kurzen Kleid vorbeilaufen, ohne dass du angemacht wirst.“

An dieser Mittelschule in Nürnberg warteten die Männer auf Luisa.
Beobachtet man die Szenerie am Hauptbahnhof für einige Stunden, erkennt man das Muster mit bloßem Auge. Die Männer sprechen immer wieder gezielt junge Frauen an. Sophia erklärt den Automatismus: „Die Mädchen halten dann an und reden mit denen. Und dann, wenn die Zeug brauchen, laufen die mit dem Typen mit. Rauchen mit denen oder gehen sogar mit nach Hause. Dann kriegen sie ihr Material.“
„Es sind eigentlich alle am Anfang sehr nett zu einem, sodass man Vertrauen gewinnt“
Am Anfang steht dabei nie Gewalt. Am Anfang steht Aufmerksamkeit. „Es sind eigentlich alle am Anfang sehr nett zu einem, sodass man Vertrauen gewinnt“, sagt Luisa. Diese perfide Strategie fasst das Bundeskriminalamt (BKA) unter dem Begriff „sexuelle Ausbeutung“ zusammen. Die Täter nehmen sich Zeit, bauen Vertrauen auf, schneiden die Mädchen von Familie und Freunden ab und machen sich unentbehrlich. Dann schlägt die Falle zu. Sobald die körperliche Abhängigkeit der Mädchen einsetzt, offenbart das System seine ganze Brutalität. Wer kein Geld hat, bezahlt mit seinem Körper.

Die Nürnberger Reiterstaffel der Polizei ist im Brennpunktviertel um den Nelson-Mandela-Platz und dem Celtispark im Einsatz und geht auf berittene Streife.
„Wenn du kein Geld hast, musst du mit denen fi....“
„Eigentlich ist es mittlerweile zum Alltag geworden, dass du da hingehst und dich mit Freunden hinsetzt“, schildert Luisa das Unfassbare. „Dann wirst du angesprochen, ob du dies brauchst, ob du jenes brauchst, und wenn du kein Geld hast, musst du mit denen fi.....“
Die Sucht wird zur Waffe der Dealer. „Ein Beispiel wäre jetzt Kokain, dass du dahin gehst, fragst, ob er es hat. Wenn er ja sagt, dann sagt er: ‚Ja, kommst du heute eine Nacht zu mir?‘ Und wenn du kein Geld hast, gehst du natürlich mit ihm mit, weil du die Drogen brauchst oder körperlich auch abhängig bist.“ Luisa sagt: „Ich habe mich schon sehr unwohl gefühlt, aber die Abhängigkeit hat überhandgenommen. Du kannst dir das so vorstellen, dass du Meth kriegst, aber es bleibt nicht nur dabei. Schläge kriegt man viel – oder wirst zu Sachen gezwungen, die du nicht möchtest.“
Sophia beschreibt die Situation als ausweglose Spirale: „Ich komme halt nicht mehr da raus, weil das ist wie so ein Teufelskreis. Man will aufhören zwar, aber man kann nicht aufhören. Weil man halt dieses Suchtgefühl hat.“
Wenn das „Nein“ mit Schlägen bestraft wird
Wer versucht, sich zu widersetzen, erfährt sofort rohe, physische Gewalt. Skrupel oder ein Unrechtsbewusstsein existieren bei den Tätern nicht – auch nicht angesichts des kindlichen Alters ihrer Opfer. Luisa berichtet von einem traumatischen Erlebnis mit einem Dealer: „Am Anfang war eigentlich noch alles okay, aber dann ist er richtig aggressiv geworden. Dann wollte er mit mir ins Bett gehen. Ich hab gesagt: ‚Nee‘ – der Mann war 35 – ‚Nee, danke‘. Dann ist er ausgerastet, hat mich an den Haaren gepackt und mich zusammengeschlagen. Man wird gezwungen zu allem, was man sich vorstellen kann, auch sexuell.“ Sophia teilt ähnliche Erfahrungen: „Mich hat einer am Arm gepackt und dann angespuckt und hat mir ein Büschel Haare rausgezogen.“
Wenn die Mädchen nicht spuren, werden sie gefügig geprügelt. „Und du schläfst mit denen“, sagt Luisa. „Machst das, was sie sagen. Wenn's blöd läuft und du sagst, nee, du willst nicht, wirst du körperlich dazu gebracht. Die werden sehr übergriffig, schlagen dich, spucken dich an.“ Einer ihrer Peiniger belästigt sie ununterbrochen: „Der schreibt mir jeden Tag. Der ist ungefähr 40 bis 50 Jahre alt.

Diese Nachrichten hat ein älterer Mann der 14-jährigen Luisa geschickt.
Der kommt jeden Tag zum Bahnhof, sucht sich eine Frau. Wir haben dem auch mein echtes Alter erklärt, also der ist gar nicht davon abgeschreckt, dass ich 14 bin.“ Im Chat, der Nius vorliegt, schreibt der ältere Mann ihr: „Ich bin stark, dir wird mein langer Penis gefallen, er ist 23 cm lang, du wirst ihn lieben“, und: „Wann kommst du zu mir nach Hause? Was willst du?“. Das Mädchen fragt ihn: „Also kannst du mir morgen Schminke und so kaufen?“ Der Mann antwortet: „Ja, ich gebe Ihnen Bargeld und Sie können es kaufen.“

Diese Nachrichten hat ein älterer Mann der 14-jährigen Luisa geschickt.
Ein bundesweites Phänomen im Dunkelfeld
Was in Nürnberg wie im Brennglas sichtbar wird, ist ein massives, bundesweites Problem. Die Zahlen des Bundeskriminalamts für das Jahr 2024 sind ein Alarmsignal: Das BKA registrierte 364 abgeschlossene Verfahren wegen sexueller Ausbeutung – ein historischer Höchststand und ein Plus von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Unter den 465 Opfern waren fast alle weiblich. Dem gegenüber standen 511 Tatverdächtige, die Mehrheit von ihnen ohne deutsche Staatsbürgerschaft.

Die Ermittlungsverfahren wegen sexueller Ausbeutung befinden sich auf dem höchsten Stand seit dem Jahr 2000.
Besonders erschreckend sind die Zahlen bei Minderjährigen: 195 Verfahren betrafen die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen (ein Plus von 7 Prozent). Die Tatverdächtigen (255 Personen, ein Plus von 12 Prozent) hatten zur Hälfte keinen deutschen Pass – am häufigsten vertreten waren Staatsangehörige aus Ungarn, Syrien und Rumänien. Das Durchschnittsalter der Opfer lag bei gerade einmal 15 Jahren, während die Täter im Schnitt 35 Jahre alt waren. Ein Altersunterschied von zwei Jahrzehnten.

Das durchschnittliche Alter der minderjährigen Opfer ist 15.
Doch Experten betonen: Das Dunkelfeld ist gigantisch. Aus Angst, extremer Scham und der totalen Abhängigkeit vom Stoff schweigen die meisten Opfer. Sie werden massiv bedroht, damit sie nicht zur Polizei gehen. Die Täter nutzen die totale Hilflosigkeit schamlos aus: Sie drohen, schlagen, sperren die Mädchen ein oder nehmen ihnen die Pässe weg. Längst agieren hier keine Einzeltäter mehr, sondern straff organisierte Gruppen mit Verbindungen zur organisierten Kriminalität. Am Ende dieser Ketten stehen nicht selten brutale Gruppenvergewaltigungen.

In Nordrhein-Westfalen und Berlin gibt es die meisten Ermittlungsverfahren.
Das gigantische Ausmaß des Netzwerks
In Nürnberg sprechen die Ermittler bei den Tätern von einer überwiegend syrischen, pakistanischen und nordafrikanischen Herkunft. Zehn Männer konnten bereits identifiziert werden. Ein 23-jähriger Syrer sitzt in Untersuchungshaft, nach zwei weiteren wird weltweit per Haftbefehl gefahndet. Sie sind untergetaucht.
Wie groß das Ausmaß der Ringe vor Ort wirklich ist, beschreiben die betroffenen Mädchen als beängstigend. Auf die Frage, wie viele Männer sich in diesem Netzwerk bewegen, antwortet Sophia: „Viel zu viele. 60 bis 80 ungefähr. 60 bis 80, wenn nicht sogar mehr.“ Dabei gebe es auch ethnische Unterschiede in der Gewaltdynamik, berichtet Luisa: „Ja, es gibt einen Unterschied. Syrer sind gewalttätiger als die Nordafrikaner.“ Deutsche Täter oder Dealer spielen in dieser spezifischen Szene am Bahnhof laut Sophia kaum eine Rolle: „Es gibt schon auch deutsche Dealer, aber nicht hier. Das sind eigentlich nur die Araber und Syrer und Algerier und alles.“
Dabei agieren die Täter nicht isoliert, sondern teilen sich die Opfer auf wie Ware. „Wenn zum Beispiel einer von den Arabern ein Mädchen dazu bekommen hat, dann erzählen sie sich, wie sie es gemacht haben und wie sie das Mädchen dazu bringen können“, erklärt Luisa die perfide Logik des Rings. „Die halten zusammen. Die halten sehr stark zusammen.“ Sophia bestätigt das: „Die sind untereinander auf jeden Fall vernetzt, wenn es darum geht, die Mädchen hin- und herzuschieben, mehr oder weniger, dass man die Mädchen untereinander austauscht. Das kommt regelmäßig vor.“ Luisa fügt hinzu: „Syrer sind viele, Algerier sind viele, und Nordafrikaner.“
Die Sucht führt sie immer wieder hinter den Bahnhof
Die Nürnberger Kriminalpolizei hat auf den massiven Druck und die erschreckenden Zustände reagiert. Am 18. Mai dieses Jahres gründete sie die General-Ermittlungskommission „EKO Kajal“. Die offiziellen Erkenntnisse der Ermittler decken sich dabei exakt mit den Schilderungen der betroffenen Kinder und Jugendlichen. In der Polizeimeldung wird nüchtern-bürokratisch beschrieben, was für Luisa und Sophia die tägliche Hölle bedeutet:
„Die Männer sollen die Mädchen zunächst mit Zuneigung umworben und im weiteren Verlauf teils harte Drogen abgegeben haben. Die daraufhin entstandene Abhängigkeit nutzen die Männer dann offenbar gezielt aus. Die Mädchen sollten weitere Betäubungsmittel nur noch als Gegenleistung für sexuelle Handlungen erhalten und sich somit zum Teil prostituieren.“
Für die Mädchen bleibt der Weg zurück in ein normales Leben schwer. Die psychischen und physischen Wunden sitzen tief, die Sucht führt sie immer wieder hinter den Bahnhof. Doch am Ende des Gesprächs flammt bei Luisa trotz allem ein winziger Funke Überlebenswille auf. Auf die Frage, ob sie einen Entzug machen möchte, antwortet die 14-Jährige leise: „Freiwillig nicht, aber irgendwann muss es ja auch ein Ende geben.“
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