„Das unterschreiben zeitgeistesgestörte Entertainment-Nutten“: Comedian Kay Ray berichtet von Witzeverbot in woken Theatern
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Schluss mit lustig: Im Kölner Gloria-Theater müssen alle Künstler eine „Antidiskriminierungsverpflichtung“ unterschreiben. Bei Verstößen – also Gags, von denen sich jemand gekränkt fühlt – wird die Gage nicht ausgezahlt. Das Hamburger Centralkomitee fordert das Publikum sogar zum Petzen auf, gern auch anonym.
„Selbsternannte Tugendwächter“, so berichtet der Travestiekünstler, Entertainer und Comedian Kay Ray in seinem Podcast „Schönes Wochenende“, zwingen Künstler, die bei ihnen auftreten, zum Unterschreiben eines Vertragszusatzes, der sich „Antidiskriminierungsverpflichtung“ nennt. Demnach gilt es, „jede Diskriminierung“ abzulehnen und sich „zu gesellschaftlicher Diversität zu bekennen“.
Wörtlich heißt es darin:
„Eine Diskriminierung im Sinne dieser Vereinbarung liegt vor, sofern eine Person wegen ihres Geschlechts, ihrer Geschlechtsidentität oder ihres Geschlechtsausdrucks, wegen einer physischen oder psychischen Behinderung oder Einschränkung, wegen äußerer und/oder (vermeintlich) kultureller Merkmale, wegen des Namens, der ethnischen oder sozioökonomischen Herkunft, wegen ihrer Religion oder ihrer Weltanschauung, wegen des Alters, der sexuellen Orientierung oder der sexuellen Identität benachteiligt, abgewertet oder herabgewürdigt wird.“
Im Klartext: keine Gags, von denen sich Angehörige der genannten Gruppen beleidigt fühlen könnten. Der Künstler hat also zu antizipieren, von welchem Witz sich irgendjemand auf den Schlips getreten fühlen mag. Was in letzter Konsequenz bedeutet und wie Kay Ray es ausdrückt: „Wenn man das ernst nimmt, kann man nur noch Witze über die Geräusche von Kaffeemaschinen machen.“
Da Witze fast immer auf Kosten von irgendjemand gehen, wird einem Kabarettisten damit tatsächlich das Geschäftsmodell zerstört. Wer sich jeden Gag verkneift, über den sich einer aufregt, braucht gar nicht erst die Bühne zu betreten.

„Nur noch Witze über die Geräusche von Kaffeemaschinen“: Kay Ray, hier mal unverkleidet.
Selbst Ostfriesen könnten klagen
In der „Antidiskriminierungsverpflichtung“, die der Kabarettist Serdar Somuncu vom „Gloria“ zugeschickt bekam, heißt es weiter:
„Rassismus im Sinne dieser Vereinbarung bedeutet jede aufgrund der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Unterscheidung, Ausschließung, Beschränkung oder Bevorzugung eines Menschen, die es zum Ziel oder zur Folge hat, dass ein gleichberechtigtes Anerkennen, Genießen oder Ausüben von Menschenrechten und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen Lebens vereitelt oder beeinträchtigt wird.“
Witze über die echten oder klischeehaft verbreiteten Eigenarten diverser Völker sind also generell untersagt, weil ausgrenzend. Auch jeder Ostfriese könnte nach dieser Definition klagen, sich von einschlägigen Späßen gekränkt zu fühlen. Das würde dann das Aus für den Urheber bedeuten, denn:
„Bei Eintritt der Bedingung wird der Vertrag von Anfang an unwirksam. Der Vertragspartner hat den Spielort kurzfristig zu räumen. Dem Veranstalter steht die hier vereinbarte Vergütung als Schadensersatz zu.“
Bedeutet: Die Gage wird einbehalten, der Künstler ist draußen. Wer unterschreibt einen solchen erpresserischen Knebelvertrag? Kay sagt es auf seine deftige Art: „Das unterschreiben zeitgeistesgestörte Entertainment-Nutten – nur, um in so einem Laden auftreten zu können.“

Im Gloria geht es streng diskriminierungsfrei zu.
„Das sind Menschen, die fühlen sich wie Stauffenberg“
Kunstfreiheit ade! „Ein falsches Wort und die gesamte Gage geht ans Haus“, sagt Kay Ray dazu. Es laufe darauf hinaus, dass jeder die Schere im Kopf haben müsse: „Wenn du dir nicht sicher bist, halt’ den Mund“, nichts anderes bedeute die erzwungene political correctness. Wenn ein Künstler nur auftreten darf, so der Entertainer, solange er ein bestimmtes ideologisches Bekenntnis ablegt, dann sei das ein Eingriff in die vom Grundgesetz (Art. 5 Absatz 3) garantierten Freiheit der Kunst.
Aber Kunst brauche eben Freiheit und keine Gouvernanten. Mit seinen – übrigens wirklich rasend komischen – Witzen über alles und jeden setzt sich Kay Ray unbekümmert über die Vorgaben der selbsternannten Tugendwächter hinweg. Er möchte, dass alte Menschen im Publikum über Rentner-Witze lachen, Schwarze über Negerküsse und Schwule darüber, dass „LGBTQAI2S+ nicht mehr ist als ein homosexueller W-LAN-Schlüssel“.
Den „Whistleblowjobber der Unterhaltung“ stört, dass sich Hypermoralisten moralisch über andere erheben wollen – ohne zu merken, wie paternalistisch sie auftreten, wenn sie meinen, (vermeintlich) benachteiligte Gruppen schützen zu müssen, ganz so, als könnten sie das nicht selbst. „Das sind Menschen, die fühlen sich wie Stauffenberg“, konstatiert er im „Boygroup“-Podcast bei Serdar Somuncu und Bent-Erik Scholz.
Nach Shitstorm gecancelt
Kay Ray hat selbst schon genügend Erfahrungen mit Veranstaltern gemacht, die vor dem Druck der Tugend-Taliban eingeknickt sind. So sollte er mal auf einem AIDA-Kreuzfahrtschiff auftreten. Dazu kam es nicht, weil ein Shitstorm gegen ihn entfacht wurde. Dagmar Peterhänsel, Referentin beim Sächsischen Landesamt für Schule und Bildung (Standort Radebeul), dort für das Programm „Starke Lehrer – starke Schüler“ verantwortlich, das eng mit der Amadeu Antonio Stiftung kooperiert, beschwerte sich beim Theater über einen politisch unkorrekten Auftritt Kay Rays (Worte wie „Zigeuner“ fielen, Politiker wurden verächtlich gemacht).
Sie verschickte auch E-Mails an Veranstalter und Unternehmen, in denen sie Rays Auftritt als „rassistisch“ und „menschenfeindlich“ brandmarkte, und warnte vor einer Beteiligung an seinem Programm, weil es gegen Werte wie Inklusion und Antidiskriminierung verstoße. Dies führte zu einer Welle von Absagen: Neben AIDA Cruises zogen sich mehrere Theater zurück, darunter in Frankfurt und Hamburg.
So läuft das mittlerweile: Die Moralpolizei wirft das Blaulicht an und die Jagd auf missliebige Künstler wie Kay Ray geht los. Der, seit 36 Jahren auf der Bühne, sagt aber auch: „Ich möchte nicht in jedem Theater spielen und schon gar nicht dort, wo man mich nicht haben will. Keinesfalls im Gloria oder im Centralkomitee.“

So sieht die „Awareness-Arbeit“ im Hamburger Centralkomitee aus.
Anonyme Petze wird vertraulich behandelt
Im „Centralkomitee“ in Hamburg nämlich gibt es jetzt „Awareness Guidelines“ – „für sichere Shows auch vor und hinter der Bühne“. Ein sicherer Ort für alle, wie es heißt: „Diskriminierendes oder übergriffiges Verhalten wird hier nicht toleriert. Rassismus, Homophobie, Transfeindlichkeit, Sexismus und Xenophobie widersprechen unserem gemeinsamen Werteverständnis.“ Es darf anonym denunziert werden, solche Nachrichten würden „vertraulich bearbeitet“.
Die Cancel Culture gegen Leute, die sich dem Druck nicht beugen, will Kay Ray nicht länger hinnehmen und solche Fälle lieber öffentlich machen. Auch die Überempfindlichkeit nervt ihn: „Ich bin erwachsen und das Publikum ist auch erwachsen. Und wenn ihr das nicht aushaltet, dann zieht euch ’ne Decke übern Kopf, setzt euch ’nen Helm auf, geht in irgendeine Selbsthilfegruppe, aber lasst eure Mitmenschen in Ruhe und von der Kunst die Finger weg.“ Aber wir leben nun mal in einer Zeit, in der „alles infantil wird: Kinder machen Politik und Erwachsene fahren mit ’nem Tretroller zur Arbeit. Darum benehmen wir uns auch so, als wären wir alle in einem Riesensandkasten.“
Es gehe um die Freiheit. Jeder könne sagen, was er will – „und wenn’s jemandem nicht passt, redet man drüber, alles andere regelt das Grundgesetz.“
Ein entspannter Umgang, der mit dem Tugendfuror der woken Theaterleute kontrastiert, die das Publikum nicht unterhalten, sondern belehrt sehen wollen. Kein Wunder, dass im „Gloria“ die entsprechenden Figuren auftreten: Carolin Kebekus etwa, Annette Frier und Tahsim Durgun, der auch immer wieder gern bei Böhmermann Gastauftritte absolviert. Witze über die AfD, Trump oder alte weiße Männer sind da auch mit „Antidiskriminierungsverpflichtung“ erlaubt. Vielleicht sollte sich ein männlicher Senior aus dem Publikum mal darauf berufen.
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Claudio Casula
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