Überraschende Töne von Campino: „Dieses Bild der Brandmauer, das hat auch schon seine Probleme“
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Mit einem letzten Studioalbum und einem Kinofilm machen die Toten Hosen gerade Schlagzeilen. Dass sie mal Punks waren und politisch links stehen, weiß mittlerweile jeder. Doch die Töne, die Sänger Campino im Podcast „Hotel Matze“ von Matze Hielscher vor wenigen Tagen anschlägt, überraschen. Es scheint, als werde Deutschlands bekanntester Linker altersmilde.
Vor allem von der aktuellen Regierung ist der 63-Jährige offenbar enttäuscht:
„Sie reden einen Stuss zusammen, anstatt einmal die Wahrheit zu sagen, Leute, es gibt einen verdammten Krieg, der betrifft uns alle. Wir wissen nicht, wo das enden wird, aber eines ist klar: Hier tankt niemand mehr billig. Wir sind alle am Arsch. Und wenn diese Wahrheit mal ausgesprochen würde, wäre vielleicht auch ein Verständnis da, dass die Leute sagen: ‚Okay, ich muss jetzt hier leider mehr zahlen, ich muss mehr abgeben, weil es uns alle betrifft und nicht nur im Fernsehen abläuft.‘“

Campino, bürgerlich Andreas Frege, schlägt neuerdings versöhnlichere Töne an.
CDU-Kanzler Friedrich Merz bekommt in dem knapp zweistündigen Gespräch sein Fett weg:
„Ich empfinde manchmal echte Scham über die Dinge, die der Merz da raushaut. Der ist kein guter Europäer. Er hat mit manchen Dingen einfach Europa verraten gegenüber Trump, um sich die Gunst von diesem willkürlichen Chaoten zu holen, hat er dieses Statement rausgehauen. Also, wenn Trump mit Europa nichts anfangen kann, dann doch hoffentlich was mit uns. Also mit anderen Worten, er hat das Boot verlassen. Das ist unanständig und das nehme ich ihm richtig übel.“
Kritik am Begriff „Brandmauer“
Hier spricht kein linker Millionär, sondern offenbar ein Familienvater, der genauso ernüchtert ist wie ein großer Teil der Bevölkerung. Im Interview zeigt sich Campino als Pragmatiker, es gehe sinngemäß vor allem um gegenseitige Akzeptanz und darum, miteinander auszukommen:
„Ich finde das immer ganz rührend, wenn mein Kumpel Monchi aus seinem Dorf erzählt in Mecklenburg-Vorpommern, wo da einfach die Lebenspraxis einsetzt, wo du dir es nicht leisten kannst, zu sagen: Der da drüben wählt die AfD, ich quatsche nicht mehr mit dem, sondern der ist von denen, was machen wir mit der Gemeindewiese? Wer mäht die jetzt? (…) Es geht um ein Dorf, oder es geht um eine Familie, eine engere Zelle. Sobald das dann landespolitisch wird und so, das ist dann immer die große Frage, wie geht man damit um? Dieses Bild der Brandmauer, das hat auch schon seine Probleme. Das kann man nicht verallgemeinern, finde ich. Das ist in gewissen Dingen klar und andererseits sieht man dann, dass genau die Leute, die das Wort besonders häufig in den Mund nehmen, jeden Widerspruch, jede Intoleranz in Kauf nehmen, um dann doch zu gewissen Zielen zu kommen. Also mit dem Wort wird mir zu inflationär hantiert gerade.“
Was das AfD-Führungspersonal wie Parteichefin Alice Weidel betrifft, wird Campino deutlich:
„Ich kann mit denen nicht in einem Raum sein und garantieren, dass alles heile bleibt.“
Dennoch klingen diese Aussagen schon anders als viele frühere. Campino spricht sich für eine Wehrhaftigkeit Deutschlands aus, auch, wenn er als ehemaliger Kriegsdienstverweigerer selbst nicht zur Waffe greifen wolle. Die Rede ist von Diensten bei der Feuerwehr oder in Krankenhäusern. Auch im Hinblick auf die Weltlage zeigt sich Campino gemäßigt: Das Dauerfeuer an negativen Nachrichten halte er bisweilen schwer aus.
„Ich finde es irgendwie erstaunlich, dass sich Werte ganz komisch verschieben gerade und Grundsätze. Also wenn man keine Ahnung hat, dass man für sich entscheidet, ich schweige lieber, bevor ich Unsinn rede. Das wird einem heutzutage als Schwäche ausgelegt. Man sagt, wieso schweigt XY noch dazu? Ja, wieso bringt er sich nicht ein? Das ist doch schon seit drei Tagen, ist dieser Vorfall da und wir hören immer noch nichts von ihm. Und ich denke nur: Wann hat sich das gedreht, dass wir auf eine aggressive Art und Weise reingezogen werden in Diskussionen, an denen wir nicht teilhaben wollen?“
Der Sänger sieht sich selbst vom aufgeheizten Debattenklima in Deutschland betroffen: Alle seien gut beraten, vorsichtiger zu werden. Man könne auch einen guten Abend haben, wenn man nicht immer einer Meinung sei.
Plötzlich neue Töne
Auf die Frage, ob er politisch noch links sei, antwortet Campino:
„Irgendwas bockt in mir, mich jetzt hier als mittig-rechts hinzustellen. Also ich weiß gar nicht mehr, ob wir mit diesen klassischen Definitionen hinkommen, wie das mal war. Also, ich bin auf jeden Fall links in den alten Grenzen, von der Bonner Republik.“
Die FDP und ihre aktuelle Entwicklung sieht Campino kritisch:
„Ja, also ich finde das ganz ehrlich, diese tolle Idee einer liberalen mittigen Partei, die ist so missbraucht worden und das ist so schäbig geworden mit dem, was die FDP in den letzten Jahren da veranstaltet hat. Das hat eigentlich die Begriffe Mitte und liberal nicht verdient. Die haben es wirklich versaut, möchte ich mal sagen. Und jetzt sind die Konsequenzen auch gerade da. Ja, sie finden zurzeit ja nicht statt.“
Ausgerechnet der Mann, der sich mit Songs wie „Willkommen in Deutschland“ oder „Schlechte Nachbarn“ dem „Kampf gegen Rechts“ verschrieben hat, schlägt jetzt versöhnliche Töne an. Es gäbe keinen Auftrag, Menschen zu beeinflussen:
„Ich möchte die Menschen nur versammeln und denen eine gute Zeit bereiten. Das ist doch ein völlig legitimer Ansatz. Niemand sollte, schon gar nicht als Musiker oder Künstler, seine Aufgabe darin sehen, Menschen zu missionieren oder seine Botschaft da rauszuhauen.“
Anscheinend verstehen immer mehr Künstler, dass ihr Job nicht Belehrung ist, sondern Unterhaltung.
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